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RTL-Show "Das Supertalent" Ein Schicksalsschlag kommt selten allein


Hast du ein Talent, ist's gut, kannst du noch eine tränenreiche Geschichte zum Besten geben, ist es umso besser. Wer beim "Supertalent" nicht auf Anhieb über einen schweren Schicksalsschlag berichten kann, wird mal eben zum Mobbingopfer stilisiert.

Die dramatische Hintergrundmusik kündigt es an: Gleich wird bei der RTL-Show "Das Supertalent" wieder auf die Tränendrüse gedrückt. Was die Streicher noch nicht zu übermitteln vermögen, wird durch das Einblenden ein paar betroffene Gesichter im Publikum unterstützt.

Dann darf die 44-jährige Carmen-Madeleine Tawiah ihre Lebensgeschichte erzählen. Ihre Mutter sei früh gestorben, sie habe einschlägige Erfahrungen mit Drogen gemacht und schließlich auch einen Selbstmordversuch unternommen. Musik sei immer ihr einziger Halt im Leben gewesen. Als Tawiah schließlich ihr Talent präsentieren darf, entpuppt sie sich als eine durchaus begabte Sängerin. Jurorin Motsi Mabuse nennt sie eine "German Diva" und Tawiah zieht in die nächste Runde des Castings ein.

Ein Lebenslauf, der ins Sendungskonzept passt. Bereits Michael Hirte, der die zweite Staffel des "Supertalents" gewann, rührte die Zuschauer durch sein Schicksal. Nach einem schweren Arbeitsunfall lag der 46-Jährige zwei Monate im Koma, erblindete auf dem rechten Auge und bekam ein steifes Bein. Fortan schlug sich der ehemalige LKW-Fahrer mit seiner Mundharmonika als Straßenmusiker durch.

Drama, Baby!

Wessen Leben noch nicht so viel Mitleid erregt, dass der Zuschauer geneigt ist, zum Taschentuch zu greifen, bekommt von RTL den Lebenslauf gepimpt. So wird der 13-jährige Lukas Mattioli spontan zum "Mobbingopfer" erklärt. Dass es normal ist, dass selbstgedrehte Youtube-Gesangs-Videos nicht jedem gefallen, interessiert dabei nicht. Lukas kommt mit seinen gefühlvollen Balladen total gut bei den Mädchen an - aber die Jungs hänseln ihn deswegen. Das Schubladen-Klischee-Denken funktioniert.

Wie auch schon Tawiah erhält der missverstandene, dafür aber ganz schön selbstbewusste Teenager vom Publikum Standing Ovations und Dieter Bohlen bezeichnet ihn als "überdurchschnittlich" gut. Eine Bestätigung, die der Justin-Bieber-Verschnitt angeblich so nötig gebraucht hat.

Wegschauen unmöglich

Dann gibt es natürlich - wie in jeder Castingshow - ein paar Auftritte die ohne Frage unter der Überschrift "Absurditätenkabinett" laufen können. Sei es die Pädagogin Heike, die ein Lied gegen Markenklamotten quäkt, Arne, der versucht, den Rekord im Zwiebelessen zu brechen, oder die zwei jungen Frauen in Bikinis, die mit einer "Carwash"-Performance überzeugen wollen.

Die Auftritte befriedigen nicht nur voyeuristische Gelüste, sondern geben dem Publikum die Gelegenheit, seine Pfeiftechniken zu trainieren, und Dieter Bohlen Anlass, seine ach so unterhaltsame Spruchliste abzuarbeiten.

Traumquoten trotz Traumwetter

Obwohl die Temperaturen am Samstag mancherorts sogar bis auf 27 °C angeklettert sind, hat "Das Supertalent" doch stattliche 6,52 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme gelockt. Damit erreicht RTL - laut quotenmeter.de - einen gesamten Marktanteil von 23,3 Prozent, in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sogar einen von 35,1 Prozent.

Damit stellt die Sendung keine neuen Rekorde auf, muss sogar einen Verlust von 1,19 Millionen Zuschauern im Vergleich zur Vorwoche hinnehmen. Mit diesem Staffeltiefstwert sind die Konkurrenten aber immer noch weit abgeschlagen.

Katharina Gipp

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