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Schuldnerberatung im TV: Die Kontosanierer

Schuldnerberater sind im Fernsehen gerade stark gefragt: Für RTL hilft Peter Zwegat Privatpersonen aus der Schuldenfalle, Kabel 1 unterstützt mit "Hagen hilft" Familienbetriebe. Da entsteht manchmal der Eindruck, dass das Fernsehen immer alles in Ordnung bringt. Doch das ist ein Trugschluss.

Von Peer Schader

Oft ist der Finger auf der Maus schneller als die Vernunft: Klick - schon ist wieder eine Online-Bestellung raus, ein paar Tage später klingelt der Mann vom Versandhaus und liefert die neuen Latschen, die Rechnung flattert auf den Haufen mit den anderen unbezahlten Rechnungen und irgendwann kommt soviel unfreundliche Post vom Inkassobüro, dass dann bloß noch eines hilft: ignorieren. Schulden sind schnell gemacht. Doch der Schuldenabbau ist eine Tortur, die sich die meisten Menschen am liebsten gar nicht zumuten möchten. Dann muss Peter Zwegat wieder ran.

Der Mann aus Berlin ist quasi das schlechte Gewissen aller, die beim Einkaufen ein bisschen zu schnell und beim Mietezahlen ein bisschen zu langsam waren. Seit der Schuldnerberater seine eigene Sendung bei RTL hat, ist er deutschlandweit bekannt. Und beliebt noch dazu. Das muss man erstmal hinkriegen, wenn man Leuten ständig unter die Nase reibt, dass sie aufhören müssen, ihre Papiere in einem dunklen Karton zu versenken und sich um die Organisation ihres Lebens kümmern sollen anstatt gar nichts zu tun.

Weg mit dem Schuldenberg

Seit dem gestrigen Mittwoch zeigt RTL neue Folgen von "Raus aus den Schulden", eine der beliebtesten Sendungen, die gerade im deutschen Fernsehen laufen. Für einen neuen Quotenrekord hat es diesmal nicht gereicht, aber wenn alle mitbekommen haben, dass Zwegat wieder aus der Sommerpause zurück ist, wird sich das vermutlich ganz schnell ändern. Dabei ist "Raus aus den Schulden" eigentlich genau das Gegenteil von dem, was Fernsehmacher jahrelang als ideale Unterhaltung gepriesen haben: Leicht müsse eine Sendung sein, die Zuschauer müssten dabei entspannen können und um Himmels willen bloß nicht an ihre eigenen Probleme denken. Davon gebe es zuhause ja schon genug.

Nun sieht das Publikum eben zu, wie andere Leute Probleme haben. Dabei ist Zwegats TV-Schuldnerberatung alles andere als voyeuristisch, sondern bemüht sich tatsächlich, eine gewisse Botschaft zu transportieren: Ein Schuldenberg ist vor allem dann schlimm, wenn man sich nicht darum kümmert, ihn abzubauen. Dabei kann man sich helfen lassen.

Zwegat hat längst Konkurrenz bekommen. Vor einigen Wochen startete bei Kabel 1 "Hagen hilft", für das Unternehmensberater Stefan Hagen Familienbetriebe besucht, die finanzielle Schwierigkeiten haben. Wenn in der Bäckerei keine Brötchen mehr verkauft werden, weil nebendran ein Discounter aufgemacht hat, wenn Büchergeschäfte darunter leiden, dass keine Kundschaft mehr in den Laden kommt, oder der mittelständische Metzger, dessen Geschäft eigentlich gut läuft, zu viele unüberlegte Ausgaben hat, dann regelt Hagen das. Und zwar - genauso wie Zwegat bei Privatpersonen - mit einem Schwung guter Ideen und einfachster Hinweise, auf die eigentlich jeder selbst kommen könnte. (Zwegat hat mit seiner Kollegin Liane Scholze gerade sogar ein Buch darüber geschrieben: "Raus aus der Schuldenfalle!") Die Tipps sind simpel: Kleine Rechnungen bezahlt man am besten sofort, weil sich sonst die Mahngebühren türmen. Mit Banken kann man reden, um den Kredit vielleicht in kleineren Raten abzubezahlen. Und wer bloß zu Hause sitzt und darauf wartet, dass ihm ein Job in den Schoß fällt, der hat wenig Chancen, sein Leben auf die Reihe zu kriegen.

Im Ordner sauber abgeheftet

Die meisten Leute sind nicht faul oder dumm, sondern völlig paralysiert und schaffen es nicht einmal, ihre Rechnungen zu ordnen, weil sie Angst haben, sich mit den Problemen zu beschäftigen. Es muss erst einer von außen kommen, der klare Forderungen stellt. Freundlich aber bestimmt weist Zwegat die Schuldner darauf hin: Wenn ihr mit mir zusammenarbeitet, schaffen wir was. Wenn nicht, kann ich auch nichts tun. Dabei rastet Zwegat niemals aus - er bringt bloß auf den Punkt, was auf dem Spiel steht. Den meisten reicht das. Und beim nächsten Besuch sind Rechnungen und Mahnbescheide plötzlich fein säuberlich in Ordnern abgeheftet. Erstaunlich ist bloß, dass die Leute keine Scheu haben, mit ihrem verkorksten Finanzhaushalt von Millionen Menschen gesehen zu werden. Ist die Verzweiflung so groß, es alleine nicht zu packen, dass dann selbst die Kamera in Kauf genommen wird? Oder, besser noch: Ist das Vertrauen ins Fernsehen womöglich so groß? Größer als in Hilfsinstitutionen, die auch ohne Kamera helfen würden?

Die Probleme, auf die Zwegat und Hagen treffen, sind immer dieselben: Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen, meist gibt es Altlasten aus unnötigen Bestellungen oder Handyverträgen, Kredite, die nicht ausgeglichen sind, und Gläubiger, die besänftigt werden müssen (was mit der Kamera freilich manchmal etwas leichter ist als ohne). Sicher spielt ein gewisser Voyeurismus eine Rolle für den Erfolg der Schuldnerberatungssendungen - die Zuschauer können in anderer Leute Privatleben herumschnüffeln ohne sich dafür aus dem Fenster lehnen zu müssen. Bis auf einige Ausnahmen allerdings ist der Umgang mit den Protagonisten verhältnismäßig respektvoll.

Unvorstellbare Summen

Bei "Hagen hilft" kommt außerdem ein gewisser Aha-Effekt dazu: Wir sind längst gewohnt, in großen Supermärkten einzukaufen oder Bücher im Internet zu bestellen, wissen auch, dass das für die kleinen Händler vor Ort ein Problem ist und beklagen, dass die gemütlichen Tante-Emma-Läden verschwunden sind - aber was genau in den Kleinbetrieben los ist, wo die Probleme liegen und wie sich Lösungsmöglichkeiten finden lassen, sich doch eine Stammkundschaft zu erhalten, davon erfährt man sonst nur selten. Zu unkritisch allerdings sollte man den Sendungen auch nicht gegenüberstehen: Wenn Zwegat einem Herrn 78.000 Euro Schulden auflistet und gemeinsam mit ihm bei einem der Gläubiger erreicht, dass der sich statt mit einer Zahlung von über 1000 Euro mit 350 zufrieden gibt, dann ist das ein Anfang – wie aber der Restbetrag abgestottert werden muss, zeigt das Fernsehen dann nicht mehr. Bei "Hagen hilft" geht es schon mal um Schulden über 800.000 Euro. Wie ein Geschäftsmann da wieder rauskommen will, ist für die Zuschauer quasi unvorstellbar. Und trotzdem bleibt oft der Eindruck, dass bloß das Fernsehen kommen muss, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Das ist freilich ein Trugschluss. Hoffentlich merken das alle, die darauf spekulieren, Zwegat oder Hagen bald auch vor ihrer Tür stehen zu haben. Zaubern können nämlich auch Schuldnerberater nicht.

"Raus aus den Schulden", mittwochs um 21.15 Uhr bei RTL; "Hagen hilft", donnerstags um 20.15 Uhr bei Kabel 1

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