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Show-Auftakt "Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt": In der Spirale des Schwachsinns

In ihrer neuen Show stellen Joko und Klaas einander rund um den Globus absurde Mutproben: von der Donut-Stirn in Tokio bis zum Alligatorkuss in Florida. Ist das noch skurril oder schon obszön?

Von Mark Stöhr

Klaas Heufer-Umlauf hängt gerade in einer Felswand irgendwo in China. Unter ihm das süße Nichts von ein paar hundert Metern Abgrund. Er soll einen Tempel erreichen, der eigentlich unerreichbar ist. Dem 28-Jährigen geht der Arsch auf Grundeis, das ist unübersehbar, er drückt es nur anders aus ("Mir steht das Arschwasser bis zum Rücken"). Im Ersten läuft zur gleichen Zeit "Verstehen Sie Spaß?". Dort erschreckt ein Mann ahnungslose Passanten. Er ist als Busch verkleidet.

Zwischen den Zielgruppen der öffentlich-rechtlichen und der privaten Sender scheint es keinerlei Berührungspunkte mehr zu geben. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Sie wieder zueinander bringen zu wollen, wäre so vergeblich wie der Versuch, eine Videokassette auf dem iPad abzuspielen. Mit der neuen ProSieben-Show des Entertainer-Duos Joko und Klaas ist die Entfremdung sogar noch größer geworden. Sie stößt vor in eine neue Dimension des Staunens und des Schwachsinns, auch: des Staunens über Schwachsinn. Da kommt kein Gehwagen mehr mit.

Wrestling-Meute außer Rand und Band

"Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt" ist immer dann am stärksten, wenn die Kontrolle über das Spiel am schwächsten ist. Wenn Joko Winterscheidt etwa die Aufgabe hat, in Mexico-City nicht nur gegen eine durchgeknallte Wrestling-Kämpferin in den Ring zu steigen, sondern ihr als "Il Sexisto" gegen alle Absprachen auch noch an den Po und die Brust zu fassen – dies dann auch zu tun und von der wutentbrannten Wrestling-Meute fast massakriert zu werden. Das sind Momente der Anarchie, auch wirklicher Gefahr, wo keine Regieanweisungen mehr halfen.

Ein Highlight ist auch die Episode von Klaas in Moskau. Er soll in einer Zentrifuge ein Kosmonautentraining absolvieren. An den Hebeln des vorsintflutlichen Apparats sitzt, so scheint es, noch das gesamte Personal aus dem Kalten Krieg: Streng dreinblickende und extrem mies gelaunte Männer und Frauen, die dem vorlauten Bürschchen aus dem Westen wohl nur für mehrere Handvoll Rubel Zutritt zu ihrem sowjetischen Maschinenpark gewährt haben. Joko: "Russland ist ein Land, wo man mit ein bisschen Pinke-Pinke noch richtig was bewegen kann."

Alligator ohne Appetit

Winterscheidt selbst muss auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ran, in Florida, wo ihn ein halbes Dutzend Bilderbuch-Yankees empfängt, ziemlich dick und ziemlich dumpf, und ein ganzer Haufen Alligatoren. Einen davon soll er küssen, macht das auch und hat dabei so wahnsinnige Angst, dass sogar dem Tier der Appetit vergeht. Ungeschminkte Emotionen sind im Unterhaltungsfernsehen selten. Bei "Joko gegen Klaas" blitzen sie in einigen Szenen auf. Das war schön und manchmal ziemlich lustig, doch die Inszenierung überwiegt. Das ist schade und mit zunehmender Dauer ziemlich öde.

Dieses Duell versucht, die Limits neu zu setzen. Die persönlichen der Kandidaten, aber auch die geografischen, mit dem "größten Spielfeld aller Zeiten", also der Welt. Man fliegt mal eben von einer Ecke der Erde in die andere wie auf Google Maps, um sich etwa in Tokio eine Spritze in die Stirn setzen zu lassen, die daraufhin zu einer Art Donut anschwillt. Ist das jetzt irgendwie crazy oder nicht doch einfach nur obszön? Ist es lustig – wie in den "Begleitspielen" im Studio – Stromschläge nach ihrer Heftigkeit zu sortieren, von "mau" bis "halbtot", oder Brennesseln und Paprikaschoten zu essen?

Wie dreht die Schwachsinnspirale noch?

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sind schlau genug, um genau zu wissen, was sie tun. Sie nehmen mit ihrer Selbstironie die Generation Neon mit und lassen an ihrer Stelle mal so richtig die Sau raus. Und sie sprechen die Gamer an, die in ihrer virtuellen Welt ohnehin keine Limits, nur Levels kennen und die Scripted Reality für den Normalzustand halten. Das klingt nach einem stimmigen Konzept. Doch wie weit wollen sich die beiden in der Spirale des Schwachsinns noch drehen, die nach immer neuen Reizen verlangt und nach immer noch schwachsinnigerem Schwachsinn?

"Weltmeister" wurde übrigens Joko, der ältere und nettere der beiden Smarties. Er riss den Pokal mit der gebotenen Übertreibung in die Höhe. Vielleicht wird er demnächst von einem sprechenden Busch erschreckt.