Das erste Mal abheben. Das erste Mal über den Wolken gleiten. Für den achtjährigen Jeff beginnt mit seiner ersten Flugreise ein Abenteuer, das sein Leben verändern wird. Mit „Nachtflug nach L.A.“ feiert der Schauspieler, Sänger und Tänzer John Travolta sein Regiedebüt – und legt zugleich sein persönlichstes Projekt vor. Der Film startet heute beim Streamingdienst Apple TV.
Hommage an Familie und Vergangenheit
Mit dem Film (Originaltitel: „Propeller One-Way Night Coach“) adaptiert der 72-Jährige („Grease“, „Saturday Night Fever“) seinen eigenen, von seiner Kindheit inspirierten Roman aus dem Jahr 1997. Travolta schrieb das Buch einst für seinen ältesten Sohn Jett, der seit seiner Kindheit an Epilepsie litt und 2009 im Alter von nur 16 Jahren starb.
Gleichzeitig ist der Film eine Hommage an Travoltas Mutter, der er nach eigenen Worten viel verdankt. In Cannes, wo der Film seine Weltpremiere feierte, erzählte der Schauspieler, sie habe entscheidend zu seiner Karriere beigetragen – und wohl auch zu jener Sehnsucht nach Kino, Erinnerung und Aufbruch, die den Film durchzieht.
Eine Zeitreise in die 1960er
Der Film spielt 1962, im Goldenen Zeitalter der Luftfahrt, in dem Fliegen noch als etwas Besonderes, Glamouröses und Zukunftsweisendes empfunden wurde. Was als einfache Reise von der Ostküste nach Los Angeles beginnt, wird für Jeff (Newcomer Clark Shotwell) zum unvergesslichen Abenteuer. Zwischen Bordessen, charmanten Flugbegleiterinnen und ungeplanten Zwischenstopps erlebt Jeff die Welt mit kindlicher Neugier.
Seine Mutter (Kelly Eviston-Quinnett), eine exzentrische Theaterschauspielerin in weißem Mantel mit Pelzkapuze, nutzt jede Gelegenheit, um Bekanntschaften zu machen – und träumt von Hollywood, großen Rollen und Ruhm.
Travolta selbst, der auch das Drehbuch schrieb und produzierte, fängt aus dem Off die Welt durch Kinderaugen ein. Dabei erzählt er die Geschichte wie ein Märchen – leichtfüßig, verspielt und mit feinem Humor.
Eine Reise voller Magie
Die Flugbegleiterinnen bewegen sich mit fast choreografierter Eleganz. Flughafenlounges, Neonlichter, Motels, Uniformen und Cocktails zeichnen das Bild eines Amerikas zwischen technischem Fortschrittsoptimismus und einer bereits leise aufziehenden Melancholie. Seine Tochter Ella Bleu Travolta spielt Doris, die Flugbegleiterin, die beim jungen Jeff die ersten zarten Gefühle auslöst.
Visuell bewegt sich „Nachtflug nach L.A.“ zwischen klassischem Hollywood und einer fast werbeästhetischen Rekonstruktion der 1960er Jahre. Auch die Liebe zum Detail ist spürbar: Die Propellermaschinen, die Atmosphäre an Bord, die Kostüme – alles wirkt authentisch und liebevoll inszeniert.
Faszination fliegen
Dass aus diesem Flug mehr wird als eine bloße Reise, hat viel mit Travolta selbst zu tun. Der Schauspieler, der mit mehr als siebzig Filmen und als Vince Vega in „Pulp Fiction“ zur Ikone wurde, ist seit seiner Kindheit von der Luftfahrt fasziniert. Aufgewachsen in der Nähe des Flughafens LaGuardia in New York, beobachtete er schon früh startende Maschinen.
Mit 15 saß er erstmals selbst im Cockpit, mit 22 erhielt er seine Pilotenlizenz. Später sammelte Travolta zahlreiche Musterberechtigungen – unter anderem für Boeing 707, 737 und 747 sowie den Bombardier Global Express. Als einer der wenigen Privatpiloten steuerte er sogar einen Airbus A380. Insgesamt kommt er auf mehr als 9.000 Flugstunden.
Nostalgie statt Action
Mit nur rund einer Stunde Laufzeit bewegt sich der Film in ruhigem Tempo voran. Ein nostalgischer Erinnerungstrip: freundlich, idealisiert und manchmal beinahe aus der Zeit gefallen.
Dramaturgisch bleibt die Reise bewusst klein. Es gibt keine großen Katastrophen, keine grellen Wendungen – nur kleine Zwischenfälle, die in Jeffs Augen zu Abenteuern werden. Travolta setzt ganz auf Atmosphäre, Erinnerung und kindliches Staunen. Wer klassische Spannungskurven, Action, tiefe Charakterentwicklungen oder eine komplexe Handlung erwartet, dürfte enttäuscht sein.
Am berührendsten bleibt jedoch das, was der Film unbeabsichtigt über Travolta selbst erzählt: über einen Schauspieler, der von Verlust, familiärer Trauer, dem Vergehen der Zeit und dem Zerfall eines bestimmten amerikanischen Traums geprägt ist.