HOME

Stern Logo Tatort

"Tatort" aus Ludwigshafen: Allein unter Jungs

Zwei Tote, die Kommissarin in Geiselhaft und kein Mörder - ein ungewöhnliches Setting für den "Tatort". Mit dem Onlinespiel "Tatort+" können die Zuschauer Lena Odenthal und Mario Kopper helfen, den Fall zu lösen.

Von Susanne Baller

Eine harte Schicht für Lena Odenthal: Ohne gefrühstückt zu haben oder überhaupt im Dienst zu sein, soll sie eine Leiche finden. Stattdessen wird sie von fünf skrupellosen Jugendlichen überfallen, ihre Ermittlungen unter erschwerten Bedingungen: als Geisel der Teilnehmer eines fragwürdigen Resozialisierungsprogramms. Tom, Sascha, Murat, Panne und Baby heißen die Straftäter, mit denen die Kommissarin (Ulrike Folkerts) zwei Tage im Wald verbringen muss. Jeder von ihnen hat eine lange Liste an Vergehen auf dem Konto, jeder von ihnen neigt zur Gewalt. Daher sind sie in ein "Erziehungscamp mit militärischer Ausbildung" gesteckt worden, dessen Leiter jedoch eine tragische Fehlbesetzung ist.

Nach dessen Ermordung hat Tom, gespielt von Frederick Lau, der 2008 für seine Bösewicht-Rolle in "Die Welle" ausgezeichnet worden ist, als Anführer entschieden, mit der Gruppe durch den Wald zu seinem Bruder nach Frankreich zu wandern. Frau Lesieg, so lautet das nach Kinderprinzip umgedrehte Codewort für den Kollegen Kopper (Andreas Hoppe), Geisel Lena also, darf noch einmal telefonieren, dann muss sie ihr Handy abgeben und ist auf sich allein gestellt.

"Es ging darum", erzählt Drehbuchautorin Dorothee Schön stern.de, "mal eine Geschichte zu schreiben, die weit weg von den immer gleichen Verhörräumen und Krimi-Settings spielt. Wie schwierig allerdings das Drehen im deutschen Wald angesichts strenger Umweltauflagen tatsächlich ist, hätte ich mir nicht träumen lassen." Inszeniert hat Ed Herzog "Der Wald steht schwarz und schweiget" im Dahner Felsenland, das im Süden des Pfälzerwaldes und im Norden der Vogesen liegt. Dass es sich beim Pfälzerwald mit 1800 Quadratkilometern um das größte Waldgebiet Deutschlands handelt, erfährt der Zuschauer nach der üblichen "Tatort"-Lehrunterrichtsmanier, als Kopper seine Kollegen informiert.

Die Sache mit der schwierigen Kindheit

Auf der Flucht ihrer Entführer lernt Odenthal die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Charakters kennen. Baby, mit 16 Jahren der jüngste der Truppe, amüsiert sich über alles mit pubertärem Humor ("Hast du Schiss, dass wir deine Pimmelgarage sehen?"), macht aber nachts noch ins Bett. Panne heißt nicht ohne Grund so, er ist ein Junkie und selten bei klarem Verstand. Murat verhält sich am umgänglichsten und Sascha wirkt auch mit einer Schussverletzung noch bedrohlich. Der bauernschlaue Tom schließlich führt die Polizei mit einer falschen Spur in die Irre. Eine Sache jedoch haben sie gemeinsam: eine schwierige Kindheit. Die reicht von Missbrauch durch den eigenen Vater bis zum frühen Verlust der Mutter. Schiefe Bahn, ick hör dir trapsen.

Mit dem Klischee über sozial benachteiligte Jugendliche spielt ebenfalls die Szene, welcher der "Tatort" seinen Titel verdankt. Junkie Panne bekommt ein Problem: "Der verfickte Wald ist so still, das halte ich im Kopf nicht aus!" Da wird die Kommissarin verdonnert, das Kinderlied "Der Mond ist aufgegangen" zu singen. Und plötzlich beruhigen sich die brutalen Straftäter, werden zu Kindern einer Kindheit, die sie nie hatten und stimmen - so gut sie können - in das Lied mit ein. Der ansonsten sehr auf Realitätsnähe ausgelegten, solide erzählten Folge tut das keinen Abbruch, aber diese Sequenz gehört zu den "Tatort"-Stereotypen, die man sonntagabends immer mal wieder aushalten muss.

Alle zusammen oder keiner

Um das Prinzip Azok (alle zusammen oder keiner) am eigenen Leib kennenzulernen, hatte sich der zwielichtige Erzieher mit den ursprünglich sechs jungen Männern in den Wald aufgemacht. Zwei Tote und eine Geiselnahme später haben die fünf Verbliebenen schließlich verstanden, was damit gemeint ist: Um zu überleben, müssen sie zusammenhalten. Und, wie die Kommissarin ihnen versichert, gilt das auch vor Gericht, denn "Sippenhaft gibt es bei uns nicht", sagt Odenthal. Die Jungs müssen also nur dichthalten, dann kann keiner von ihnen wegen Mordes angeklagt werden. Und das ist wirklich ungewöhnlich für einen "Tatort", dass man am Ende nur weiß: Einer von denen war's.

Wer mit diesem Ende nicht zufrieden ist, kann nach dem "Tatort" selbst weiterermitteln: Bei Facebook, Twitter und auf der ARD-Website lassen sich die verbliebenen Geheimnisse lüften. Wer nicht selbst twittert, kann im ARD-Text auf Seite 777 die Ergebnisse der Online-Ermittler verfolgen, die ihre Tweets mit dem Hashtag #tatort versehen haben.