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"Tatort"-Kritik: Borowski und die mordende Mutter

Die siebenjährige Michelle ist erstickt worden. Der Kieler Kommissar Borowski (Axel Milberg) sucht im Umfeld des Kindes nach dem Täter. Dabei tun sich Risse in der Familienidylle auf. Ein sensibel gedrehter "Tatort" über ein Tabuthema mit einer herausragenden Katharina Wackernagel.

Von Kathrin Buchner

Kuscheltiere, Sternenhimmel über dem Bettchen, Pünktchenlampen - Michelles Kinderzimmer sieht aus wie ein Puppenstübchen, das Familienhaus ist aus sandfarbenem Backstein, sauber, ordentlich, wenige Möbel und doch kuschelig, mit Garten. Ein warmes Nest, Hort der Geborgenheit, Familienidylle. Ein Vogel fällt auf die Terrasse, tot. Nadine Nowak (Katharina Wackernagel) schreit auf, hysterisch. Sie ist schwanger und hat gerade ihre siebenjährige Tochter Michelle verloren. Ihr Mann Thies (Fabian Hinrichs) greift nervös zur Zigarette.

Der Kieler "Tatort" "Borowski und die heile Welt" seziert ein fragiles Konstrukt, die Diskrepanz zwischen Täuschung und Wahrheit, zwischen Liebe und Selbstbetrug in Beziehungen. Sanft schlummernd sieht sie aus, als Michelle auf dem Deck einer Fähre gefunden wurde, erstickt wurde sie aufgefunden, nachdem sie mal wieder von Zuhause abgehauen war und ihre Mutter bei der Polizei eine Vermisstenanzeige erstattet hatte. Blaue Flecken übersäen den Oberkörper des Mädchens, der Gerichtsmediziner findet einen bereits verheilten Rippenbruch.

Was folgt, ist ein Lehrstück in Sachen Vorverurteilung und Klischees: Da wird der Vater von Michelle, ein Ex-Knacki, verdächtigt und in stundenlangen Verhören vergeblich weichgeklopft. Da wird ein Freund der Familie, der mit Michelle im Schwimmbad war und ihre Unterhose eingepackt hat, der Pädophilie beschuldigt. In seiner Hilflosigkeit und der verzweifelten Suche nach dem Mörder zieht der sonst so kauzig-knorrige, diesmal sichtlich bewegte Kommissar Borowski (Axel Milberg) immer wieder voreilige Schlüsse. So provoziert er jeden im Umfeld der Familie Nowak mit seinen teils haarsträubenden Theorien, während die Ehe der Nowaks sich immer weiter in Auflösung befindet.

Mutter flüchtet in Traumwelt

Ein Kind, das vor der Mutter flieht, ein Vater, der ein schlecht laufendes Restaurant führt und gegen alle Widerstände im Umfeld hart für den Unterhalt seiner Familie kämpft, eine Mutter, die überfordert ist, sich allein gelassen fühlt von ihrem Mann, in eine Traumwelt flüchtet und die Aggression über die enttäuschten Erwartungen gegen sich selbst und gegen die eigene Tochter richtet - lange will Borowski nicht sehen, was nicht sein darf. Dass die Mutter selbst ihre Tochter umgebracht hat, während sie neues Leben im Bauch trägt, obwohl sie Michelle doch abgöttisch liebt.

Es ist ein "Tatort", der an die Nieren geht, der mitreißt, der durch die Analyse von Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) seelische Abgründe plausibel und verständlich macht. Wie Nadine, die Prinzessin, verhätschelt vom Vater, der als Kapitän selten daheim ist, gerade volljährig von ihrer dominanten Mutter (sehr überzeugend: Marita Breuer) in Thies' Arme flieht. Wie Thies und Nadine mit aller Gewalt an einer Beziehung festhalten, die bei beiden nur die negativen Seiten verstärkt. Wie Nadine wieder schwanger wird und damit versucht, die wachsende Entfremdung zu kitten.

Fulminantes Schauspiel von Katharina Wackernagel

Sensibel und ohne Effekthascherei hat Regisseur Florian Froschmayer das herausragende Drehbuch von Elke Schuch und Marc Blöbaum inszeniert, mit klarem Focus auf das Wesentliche, ohne sich in Nebensträngen zu verlieren und mit Mut zu starker Symbolik. Immer wieder ruht die Kamera ganz nah auf den Gesichtern, auf dem von Fabian Hinrichs, der den Thies mit unterdrückter Aggressivität verkörpert. Fulminant das Spiel von Katharina Wackernagel als verzweifelte Mutter auf der Suche nach bedingungsloser Liebe, die diesen pathologischen Nestbautrieb dieser Nadine so überzeugend darstellt.

Mit diesem "Tatort" katapultiert sich Axel Milberg als Kommissar Klaus Borowski mit seinem Team endgültig in die Liga der ganz großen Sonntagabend-Sozialstudien der vergangenen Jahre - zwischen Frankfurter Finsternis ("Der frühe Abschied") und Münchner Meisterhaftigkeit ("Kleine Herzen", für ihre Rolle als überforderte Teenie-Mutter wurde Janine Stopper mit dem "New Faces Award" ausgezeichnet). Dort, wo ganz im privaten Bereich seziert wird, in der Grauzone zwischen familiärer Intimsphäre und staatlicher Fürsorgepflicht, da bringt die öffentlich-rechtliche Krimireihe Geschichten hervor, die jenseits platter Klischees Realität ausleuchten, an Tabus rütteln und für Diskussionen und Schlagzeilen sorgten. Genau da reiht sich "Borowski und die heile Welt" ein.