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"Tatort"-Kritik: Im Würgegriff der Politik

Das Schwabenländle als Sündenbabel: schöne Frauen, die über die Horizontale aufsteigen wollen, Männer ohne Skrupel, und ein mit Messerstichen massakriertes Callgirl. Mit den Ermittlern Lannert und Bootz im Rotlichtmilieu erreicht der Stuttgarter "Tatort" eine Rekordquote.

Von Kathrin Buchner

Der Einstieg zum "Tatort" sieht aus wie ein Werk von Starfotograf David LaChappelle: Blutflecken auf dem weißen Flokati, rotes Licht, ein nacktes Blondchen auf dem riesigen Bett mit Samtüberzug, ihr lebloser Körper übersäet mit blutenden Wunden. Der Notruf war vergeblich: Als die "Tatort"-Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) im Penthouse in einem Stuttgarter Hochhaus eintreffen, ist das Callgirl bereits tot, die Kommissare erwarten Schüsse, Bootz wird am Arm getroffen. Der Täter flüchtet. Und dann ist auch noch die Leiche verschwunden.

Bilder wie von LaChapelle

Zugegeben, der "Tatort" über die seltsame Triebabfuhr eines machtgeilen Politikers mit Heile-Welt-Fassade ist temporeich und süffig. "Das Mädchen Galina" ist die Geschichte des gleichnamigen Opfers, eine 19-Jährige aus Kroatien, Typ Unschuld vom Lande. Auf der Suche nach einem besseren Leben in Deutschland gerät sie in die Fänge des als Aktfotograf getarnten Zuhälters Wolf Zehender (Christian Koerner). Der zwingt sie zur Prostitution und vermittelt sie an seinen alten Kumpel Bertram Högele (Stephan Schad). Högele ist ein aufstrebender Politiker mit Steher-Qualitäten und einem dunklen Punkt auf der weißen Weste: Er bekommt nur einen Orgasmus, wenn er die Frau beim Sex würgt.

Zwischen Bordsteinschwalben und Bildungsbürgern

Diesen Högele, der alsbald ins Visier der Ermittler gerät, verkörpert Schad ganz großartig: Wie ein Fels in der Brandung lässt sich dieser aalglatter Anzugtyp mit einer Seele wie Pech niemals beirren, sitzt stoisch alle Verdächtigungen aus und bewegt sich souverän zwischen Bordsteinschwalben und Bildungsbürgern. Dabei ist er umgeben von hysterischen Frauen, die ihm verfallen sind, inklusive seiner Ehefrau, die kunstsammelnde Zicken-Tochter eines Staatsanwalts.

Die Figuren in diesem von "Tatort"-Routinier Thomas Freundner gedrehten Krimi sind schön ausgestaltet. Bootz im Dauerspagat zwischen Job und Familie darf mal den Harten spielen, der trotz Streifschuss Klinikflucht betreibt, dann wieder bedröppelt zwischen Sohn und Modelleisenbahn sitzt. Lannert übernimmt zur Abwechslung den Part des Fürsorglichen, schneidet dem Kollegen das Fleisch. Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt) entdeckt die Rebellion und die Liebe in ihrer kroatischen Seele. Und Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) gibt die Unbestechliche und beweist Rückgrat im Kampf gegen Doppelmoral und hohe Tiere in dieser Ausstattungsorgie, bei der mit Requisiten nicht gegeizt wurde: die schicke Villa der Politikerfamilie mit Kunstwerken und Designermöbeln, die Wohnung des Zuhälters mit riesigen Postern nackter Frauen, die Absteige des Opfers und ihrer Freundin in plüschigem Rosa.

Dann ist da noch die Tochter des Politikers, ein pubertierendes Einzelkind, materiell verwöhnt, emotional vernachlässigt und ausgerechnet mit dem Opfer befreundet. Auf die Frage "warum gehen Männer eigentlich zu Prostituierten?" sucht sie eine Antwort. Und sie findet sogar eine: Weil sie da etwas kriegen, was sie bei ihren Ehefrauen nicht bekommen. Zum Beispiel: Sex mit Würgen. Das lassen sich die Nutten aber nur gefallen, weil sie darauf hoffen, dass sie geheiratet werden. Denn eigentlich träumt jede Prostituierte davon, dass er Freier sich als Ritter entpuppt, der sie rettet. Und dafür geht sie über Leichen. So will es das Krimidrehbuch in dieser Schwarz-Weiß-Malerei über einen Politiker mit Dreck am Stecken. Der Würger gewinnt die Wähler und siegt am Ende haushoch. Gemordet hat schließlich nicht er, sondern die Geliebte - aus Eifersucht auf die Konkurrentin. Mit Sex und Politik erzielt der "Tatort" einen durchaus erwartbaren Quotenrekord von 8,64 Millionen Zuschauern und verabschiedet sich in die Sommerpause in diesem Superwahljahr - die nächsten Wochen gibt es Wiederholungen. Erst Ende August wird die nächste frische Folge ausgestrahlt.