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"Tatort"-Kritik: In Weimar geht's um die Wurst

Eine gefällige Story, spritzige Gags und Ermittler, die man einfach gernhaben muss - mit seinem Event-"Tatort" hat die ARD alles richtig gemacht. Doch ein Wunsch ist noch offen.

Von Carsten Heidböhmer

Muss das wirklich sein? Viele Kritiker reagierten mit Skepsis auf die Ankündigung der ARD, zu Weihnachten einen Event-"Tatort" senden zu wollen. Doch selbst die härtesten Skeptiker dürften inzwischen verstummt sein. Denn "Die fette Hoppe" war ein angemessenes Stück Fernsehen für den zweiten Weihnachtstag: Keine unnötig komplizierte Handlung, kaum Gewalt. Dafür viel Humor und ein Schuss Romantik. Und es gab noch ein paar kleine Extras, die den Eventcharakter rechtfertigen: Auf musikalischer Ebene in Form von Klaus Doldingers "Tatort"-Thema, das - ähnlich wie das Bond-Thema in der Agentenreihe - durchgängig variiert und immer wieder zur Untermalung der Szene eingesetzt wurde. Filmisch in Form von Referenzen an große Vorbilder wie "Psycho" oder "Die Thomas Crown Affäre". Und was die Kulissen angeht, ist die deutsche Klassik-Stadt Weimar ausgiebig in Szene gesetzt worden, mit ihren prachtvollen Häusern, lieblichen Gässchen und dem Goethe-Schiller-Denkmal. Ein Puppenstuben-Deutschland, wie wir es uns an solchen Festtagen erträumen. Kurzum: der Film lief zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Was man nicht gerade von Kriminalkommissar Lessing (Christian Ulmen) sagen kann. Der neue Ermittler will gerade den Dienst bei der Polizei in Weimar antreten, da gerät er in seinen ersten Großeinsatz: Ein Unbekannter hat sich im Rathaus verschanzt und Kriminalkommissain Kira Dorn (Nora Tschirner) als Geisel genommen. Beherzt greift Lessing ein, befreit seine schwangere Kollegin und überwältigt den Geiselnehmer. Die Aufregung war jedoch umsonst: Es handelte sich um eine Übung. Alle wussten es - bis auf den Neuen.

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"Das ist Messing, Lessing"

Eine zunächst dramatische Situation wurde hier lässig mit einer Pointe entschärft - damit ist der Ton für die kommenden 90 Minuten gesetzt. Dieser "Tatort" versteht sich als lupenreine Krimikomödie und zündet ein Feuerwerk an Wortwitz und lustigen Sprüchen. "Das ist kein Gold. Das ist Messing, Lessing", sagt Kira Dorn an anderer Stelle. Als die Ermittler in einer Tonne mit Fleischabfällen Beweise vermuten, fordert sie ihren Kollegen auf: "Jetzt ist ein guter Moment für Ihre erste Dschungelprüfung." Und sein neuer Chef verbreitet, Lessing leide am "Burn-down-Syndrom".

Doch wer befürchtet hatte, dieser "Tatort" werde eine einzige große Albernheit, dürfte eine positive Überraschung erlebt haben: Er ist weit weniger klamaukig als die Fälle des Münsteraner Teams. Nur in wenigen Momenten übertreiben es die Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger ein wenig mit der Witzigkeit. Etwa als ein toter Marder in Lessings Auto qualmt - und der von einem "Selbstmarder" kalauert. Ansonsten hält das Duo Ulmen/Tschirner die Balance, die es braucht, um den Krimiplot nicht aus den Augen zu verlieren.

Alles dreht sich um das Wurstrezept

Der Fall einer verschwundenen Wurstfabrikantin Hoppe ist für sich betrachtet unspektatulär. Er liefert aber die Vorlage, allerlei kuriose und verkrachte Existenzen aufzufahren: Da ist ihr Sohn Sigmar Hoppe (Stephan Grossmann), der eigentlich lieber Künstler wäre, aber von seiner Mutter zum Wurstmachen verdonnert wurde. Seine Freundin, die schöne Nadine (Palina Rojinski) leidet daran, dass kein Mann lange bei ihr bleibt - sie ist bereits zweifache Witwe. Und der verschrobene Caspar Bogdanski (Dominique Horwitz) verdient sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt als Kutschfahrer - ist dabei jedoch ständig betrunken.

All diese Menschen haben auf ihre Weise unter der dominanten Hoppe zu leiden gehabt. Am traurigsten ist wohl die Geschichte von Karin Olm (Amona Kunze Libnow), die ein tristes Dasein als Amtsfrau fristet - sie hat all die Jahre heimlich den alten Wurstfabrikanten geliebt. Der hat ihr zwar das Bratwurstrezept der legendären "fetten Hoppe" vermacht. Nun sie ist jedoch alt, allein und blickt auf ein Leben ohne Liebe zurück. Und die nächsten Jahre wird sie hinter Gittern verbringen - in einem Anfall von Hass drückte sie der Hoppe die Kehle zu.

Doch ganz so deprimierend wollen die "Tatort"-Macher ihre Zuschauer an diesem Weihnachtsabend nicht entlassen. Denn am Schluss kommt heraus: Die beiden Ermittler sind ein Liebespaar. Gerade als Lessing seinem Chef das Gehemnis "der fetten Dorn" beichten will, winkt dieser ab. Nicht jedes Geheimnis muss ausgesprochen werden. Und so bieten die Figuren noch viele Möglichkeiten für weitere Einsätze. Wenn wir uns zu Weihnachten etwas wünschen dürfen, dann das: ein Wiedersehen mit Lessing und Dorn im Jahr 2014!