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"Tatort"-Kritik: Lieber tot als alt

Klar gibt es auch Leichen und Mordverdächtige in diesem Leipziger "Tatort". Aber die Kommissare Saalfeld und Keppler beschäftigen sich in "Heimwärts" vor allem mit der ganz persönlichen Angst vor dem Altwerden. Und das tut der Aufklärungsgeschichte sehr gut.

Von Sophie Albers

Man könnte sich jetzt über die - warum auch immer - so beschränkten Ausdrucksmöglichkeiten von Simone "Die Ex von Assauer" Thomallas Dauerschnute aufregen. Man könnte auch feststellen, dass Martin "Tarantinos Hitler" Wuttkes Schnauzbärtchen aussieht, als sei es bei der Popband Sparks geklaut. Oder man könnte einfach mal zugeben, dass der "Tatort: Heimwärts" ein gelungenes Stück Krimifernsehen geworden ist.

Die junge Altenpflegerin Anna wird ermordet. Verdächtigt werden ihr Ex-Freund: ein durchgeknallter Bestatter, gespielt von Stefan Konarske, der zuweilen als kleiner Bruder von Devid Striesow durchgehen könnte; ihr Chef, Mike Breuker (Dirk Borchardt), dem der mobile Pflegedienst gehört, für den Anna bis zur Ausbeutung geschuftet hat; sowie Familie Holts, deren demenzkranken Opa Karl die junge Frau bis kurz vor ihrem Tod betreut hat.

Saalfeld, Keppler und das Altern

So müssen sich die Leipziger Kommissare Eva Saalfeld (Thomalla) und Andreas Keppler (Wuttke) neben der üblichen Spurensicherung und -verfolgung mit dem Lebenskapitel beschäftigen, an das die meisten Menschen erst denken möchten, wenn es gar nicht anders geht: das Alter, das abhängig macht von anderen.

Es geht um Demenz und Einsamkeit, Füttern und Medikamentenzuteilung. Das alles aber nur so weit, wie es die Geschichte wirklich braucht, was die schwere Thematik erstaunlich gut verdaulich macht. Sätze wie "Bevor ich alt und krank bin, mache ich mich lieber selbst weg" fallen eher am Rande und wirken so weniger wie Drehbuchfutter denn wie das Aussprechen von Gedanken, die auch den Zuschauer angesichts des Schicksals von Opa Karl beschleichen. Der wird zwar umsorgt, ist aber definitiv eine Last für gleich zwei Generationen der Familie.

Während Kriminaltechniker Wolfgang Menzel (Maxim Mehmet) den "CSI"-Komödianten gibt, der wirre Bestatter sich um Kopf und Kragen faselt und der Pflegedienstchef das verbreitete Vorurteil bestätigt, dass es in seiner Branche nur um Profit und nicht um den Respekt vor Menschen geht, muss Kommissarin Saalfeld sich der Verantwortung gegenüber der eigenen Mutter stellen. Keppler klärt das Problem mit der Zeit, die für uns alle irgendwann kommt, wunderbar einsamer-Wolf-mäßig.

Freude am Mörderraten

Aber dann hat Wuttke auch noch herzergreifend wunderbare Szenen mit seinem jahrelangen Berliner-Volksbühnen-Kollegen Joachim Tomaschewsky, der Opa Karl gibt: Weil die Familie nicht erreichbar ist, der alte Mann aber Kepplers Telefonnummer dabei hat, als er unbedingt aus dem Krankenhaus nach Hause will, wird der Kommissar gerufen, um ihn abzuholen. Schließlich sitzen der alte und der nicht mehr ganz junge Mann in der Leipziger Nacht, und Opa Karl erinnert sich daran, wie es war, jung zu sein. Das trifft mitten ins Angstzentrum und ist dank der Darsteller großes Sonntagabend-Kino.

"Heimwärts" erfindet das Krimi-Rad nicht neu, hält aber die Balance zwischen der Freude am Mörderraten und der persönlichen Anteilnahme an der Geschichte. Das ausgewogene Nebeneinander funktioniert bis in die den düsteren Grundton haltenden Klänge der Hintergrundmusik. Ein ordentlicher "Tatort". Da kann man auch mal über die Thomallasche Dauerschnute hinwegsehen. Schließlich geht es für uns alle irgendwann "heimwärts".