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Kritik zum "Tatort" Wenn zwei sich streiten, mordet der Dritte


Ob Täter, Opfer oder Kommissare, der Leipziger "Tatort" wächst sich zum reinsten Beziehungsdschungel aus. Das "Rendezvous mit dem Tod" erwischt Andreas Keppler beinahe selbst, er bekommt es mit sadistischen Serienkillern zu tun. Und retten kann ihn nur eine.
Von Susanne Baller

Unter Gerangel und Gestöhne erstickt eine Frau, der im Ehebett ein Kopfkissen ins Gesicht gedrückt wird. Der Mörder schleppt die Leiche nach draußen, Cut, die Ermittlungen könnten beginnen. Doch stattdessen zeigt sich der Stoff, der den "Tatort" bestimmt: Beziehungsprobleme. Zwischen den Kommissaren hapert es beim "Rendezvous mit dem Tod" an der Kommunikation, für die Mörder wird das Scheitern an zwischenmenschlichen Beziehungen zum Tatmotiv.

Andreas Keppler (Martin Wuttke) zickt rum. Seine Nerven liegen blank, er hat sich auf eine Leitungsposition in Wiesbaden beworben und weiß noch nicht, ob er den Posten kriegt. Da der Einzelgänger niemanden in seine Pläne eingeweiht hat, reagiert er seine Anspannung auf andere Weise ab. Er provoziert Kollegin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) so lange, bis die beiden agieren wie das alte Ehepaar, das sie einmal waren: Sie ermitteln getrennt.

Das fällt leicht, denn es gibt allerhand aufzuklären. Während sich Eva Saalfeld das Umfeld eines vermeintlichen Suizidfalls vornimmt, findet Keppler an einem zweiten Tatort einen grausigen Anblick vor. Ein Toter sitzt nackt in der Badewanne seiner Villa, mit Damenstrümpfen und Latex geknebelt. Die Leiche hat seine Exfrau gefunden (schön durchgeknallt: Renate Krößner), die Cognac trinkend mit den Polizisten flirtet. Die Exfreundin des Toten, die zarte Pianistin Marion Schubert (Nadeshda Brennicke), macht auf Keppler vor allem einen Eindruck, sie wirkt "resignativ". Beide Frauen hat der Ermordete unglücklich gemacht, beide nutzen seinen Tod, um sich zu bereichern. Und machen sich verdächtig.

Treffpunkt Singlebörse

Was Saalfelds und Kepplers Fälle miteinander verbindet, ist das Mekka der Beziehungslosen: eine Internet-Singlebörse. Dort sucht Clara Schütz (Franziska Walser) nach Männern, erlebt jedoch nur Enttäuschungen. Bis sie dort auf Peter Munz (André M. Hennicke) trifft, den die Einsamkeit mit seiner an Parkinson erkrankten Frau auf die Plattform getrieben hatte. Zusammen beginnen sie, es Claras vorherigen Blinddates qualvoll heimzuzahlen, um sie anschließend auszurauben.

Eine erstaunliche Bandbreite an Beziehungsvielfalt, die die Drehbuchautoren in den 90 Minuten auffahren; auch wenn die Grundlagen wie zu oft gehörte Vorurteile klingen: Das Internet ist gefährlich (auch für Menschen der Generation 50 plus), Männer sind Schweine, Reiche korrupt. Und die beiden Kommissare nur zusammen stark. Die gelungene Besetzung haucht den Vorlagen jedoch das richtige Leben ein.

Eine Hommage an ganz großes Kino liefern die Hitchcock-Einsprengsel, die diesen schön überdrehten "Tatort" durchziehen, es fehlt weder das "Fenster zum Hof" noch werden die schrillen Geigen aus der Duschszene in "Psycho" ausgelassen. Allerdings fördern die Anleihen beim Altmeister hier nicht die Suspense, sondern fordern die Lachmuskeln.

Das versöhnliche Ende kommt überraschend. Ein schlichtes "Bleib doch hier" von Eva bringt Keppler dazu, seine Karrierepläne sausen zu lassen und auf die Versetzung nach Wiesbaden zu verzichten. "Ich kann dich doch hier nicht allein lassen", entgegnet er. Genau, zu einer Beziehung gehören zwei.


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