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"Tatort"-Kritik: Türkisch für Fortgeschrittene

Eine tote türkische Frau, eine Bande Raubkopierer, eine schwangere Kommissarin, die es sich dank ihrer Starrköpfigkeit mit Kollegen und Freunden verdirbt und gleichzeitig gemobbt wird - vor Weihnachten ist "Wem Ehre gebührt" ein besonders düsterer "Tatort" gewesen.

Von Kathrin Buchner

Eine junge türkische Frau liegt tot in ihrer Wohnung mit einem Draht um den Hals. Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) glaubt nicht an Selbstmord. Aufgrund ihrer Schwangerschaft (5. Monat) verbannt ihr neuer Vorgesetzter Stefan Bitomsky (Torsten Michaelis) sie an den Schreibtisch, verbietet ihr den Außendienst, diagnostiziert bei ihr ein "Einzelkämpfersyndrom" und lässt sie eigentlich nicht weiter ermitteln.

Lindholm aber ist hartnäckig und dickköpfig genug, sich nicht an die Anweisungen zu halten. Sie recherchiert, natürlich allein, bei der türkischen Familie Özkan, stößt auf Sprach- und Kulturbarrieren, bekommt den Unterscheid zwischen Aleviten und Sunniten erklärt und stiftet Aufregung, indem sie die jüngste Tochter Selda bei sich beherbergt. Die 15-Jährige ist ungewollt schwanger von ihrem eigenen Vater, der dadurch zum Mörder ihrer mitwissenden Schwester wurde, das verrät Selda der Kommissarin allerdings nicht.

Kratzbürste kämpft in Männer-Domäne

Vor allem funkt Lindholm in die Ermittlungen ihres neuen Kollegen Attila Aslan (Mehmet Kurtulus), der dem Sohn der Özkans wegen Raubkopiererei auf den Fersen ist und ausgiebig den Büro-Macho gibt. Denn mindestens genauso viel Raum wie dem Fall gibt Regisseurin Angelika Maccarone der persönlichen Entwicklung von Lindholm und ihrer Schwangerschaft. Man sieht sie bei der Beckenbodengymnastik, bei der Gynäkologin, wie sie Blut an ihrer Pyjamahose findet und wie sie als Kratzbürste allen gegenübertritt, die ihr Ruhe und Entspannung verordnen wollen: ihr besorgter Mitbewohner Martin, ihre Mutter, ihre Kollegen.

Es ist eine düstere Stimmung, die "Wem Ehre gebührt" transportiert, sehr beklemmend. Gleich zwei gesellschaftliche Minenfelder bearbeitet Regisseurin Maccarone: die Integrations- und Diskriminierungsdebatte. Letztere gelingt ihr ganz vorzüglich. Wie die Schwangerschaft in der Männer-Domäne Polizei vorgeschoben wird, die erfolgreiche Kommissarin von heißen Fällen abzuziehen und aus der Schusslinie zu schaffen, ist eindringlich und nachvollziehbar.

Viel konfuser gerät der Regisseurin allerdings der Fall. Verdacht auf Ehrenmord, religiöse Zwistigkeiten, Probleme väterlicher Allmacht - die Geschichte wirkt arg konstruiert. Dazu kommt noch die Misshandlung durch den eigenen Vater, die Selda mit den blond gefärbten kurzen Haaren unter dem schwarzen Kopftuch erleidet - ein Verbrechen, das auch in vielen deutschen Familien vorkommt. Ein ambitionierter Beitrag zur Integrationsdebatte mit jeder Menge türkischen Dialogen - doch leider unverständlich für die meisten Zuschauer.