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"Tatort"-Kritik: Wenn die Liebe zur Qual wird

Otto Normalverbraucher mit Doppelleben, die kalabrische Mafia und ukrainische Auftragskiller: deftige Zutaten für die Stuttgarter "Tatort"-Folge "Blutgeld". Dabei ging es doch eigentlich nur um ganz große Gefühle und wohin diese führen können.

Von Kathrin Buchner

Viel liest man in diesen Tagen von berühmten Männern, die fremdgehen, die Frauen wie am Fließband vernaschen. Und sobald das bekannt wird, deklarieren sich diese Männer als sexsüchtig, weisen sich selbst reumütig zur Therapie in die Klinik ein, um dann geläutert zu ihren Gattinnen zurückzukehren. Vielweiberei kommt schließlich nur in arabischen Sultanaten vor, Polygamie ist ein Relikt aus vorchristlichen Zeiten und existiert offiziell nicht in unserer modernen Industriegesellschaft.

Wie sein PS-starker Sportwagen gehört die mindestens 20 Jahre jüngere heimliche Geliebte zwar als Statussymbol zum Erfolgsmanager. Mit der macht Mann von Welt Dinge im Bett, an die er bei seiner Ehefrau und Mutter seiner Kinder nicht mal denken würde. Sobald es aber zum Betriebsunfall Schwangerschaft kommt, wird die Gespielin mit Geld abgespeist und durch die nächste Büro-Lolita ersetzt.

Doch was passiert eigentlich, wenn der treusorgende Biedermann mit Bilderbuchfamilie und ohne Turbosextrieb sich tatsächlich in eine andere Frau verliebt? Wenn er eine zweite Familie aufbaut, ein Doppelleben führt, und die Betroffenen letztlich sogar einweiht? Immer wieder liest man von solchen Fällen, es sind eher unscheinbare Männer als Machos, die solch einen Spagat vollführen. Im Stuttgarter "Tatort" heißt dieser Otto Normalverbraucher Max Simon (überzeugend gespielt von Stephan Kampwirth), ist Bankangestellter, hat eine Tochter mit seiner Ehefrau und einen Sohn mit seiner "Zweitfrau".

Wenn Liebe zur Qual wird

Der Krimi beginnt dort, wo die Existenz von Simon bereits in Scherben liegt. Als er eines Abends von der Arbeit nach Hause kommt, findet er Ehefrau und Tochter erschossen im Wohnzimmer. Verstört flieht er, taucht am nächsten Morgen wieder am Arbeitsplatz auf, bewegt sich ferngesteuert wie ein Roboter, gegenüber den Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) zeigt er sich wenig aussagefreudig und wird so zum Hauptverdächtigen.

"Stellen Sie sich vor, es gibt eine andere Frau, die sie genauso lieben, sie zerstören alles und können es nicht ändern", sagt Simon über seine Situation. "Blutgeld" ist aber weniger psychologische Studie des Seiltanzes eines Mannes, für den Liebe zur Qual wird, sondern zeigt die Folgen dieses Doppellebens. Wird im ersten Teil noch mit Verhören der Schwiegereltern, der Geliebten, von Freunden, Kollegen und anhand von Fotos die Idylle der Vergangenheit eher unbeholfen rekonstruiert, nimmt der Krimi im zweiten Teil deutlich an Fahrt auf: Um seine Schuldgefühle zu kompensieren, hat Simon reichlich Schulden aufgehäuft und bei einem dubiosen Verleiher einen Wucherkredit aufgenommen. Der Dualismus seines Lebens zieht sich fort, zum Doppelleben steigt er auch noch in eine Parallelwelt der organisierten Kriminalität ein, nutzt seinen Job, um Gelder zu veruntreuen.

Kalabrische Mafia, ukrainische Auftragskiller - nach und nach offenbart sich das tragische Dilemma, in das sich der einst so rechtschaffene und zuverlässige Mark Simon hineinkatapultiert hat. Regisseur Martin Eigler hat einen bodenständigen und spannenden Krimi inszeniert, mit überraschendem Clou am Ende des Showdowns mit Geiselnahme, versäumt aber vor lauter Action die Nahaufnahme des Protagonisten in seiner noch "heilen Welt". Ein bisschen weniger "Der Pate", ein bisschen mehr "Eine verhängnisvolle Affäre" hätte dem Krimi den letzten Pfiff gegeben.

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