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Interview

"Tatort" aus Niedersachsen: Wie war es, verprügelt zu werden, Frau Furtwängler?

So düster war ein Lindholm-"Tatort" selten: In "Der Fall Holdt" muss Maria Furtwängler alias Kommissarin Charlotte Lindholm an ihre Grenzen gehen. Vor allem eine Gewaltszene bleibt in Erinnerung - beim Zuschauer und der Schauspielerin.

Maria Furtwängler

Maria Furtwängler spielte im "Tatort" die Kommissarin Charlotte Lindholm

Picture Alliance

Der "Tatort" begann ausgelassen und entspannt: Die Kommissarin Charlotte Lindholm, gespielt von Maria Furtwängler, tanzt auf einem Konzert, hat Spaß. Dann muss sie zur Toilette. Die Schlange davor ist zu lang, sie verschwindet kurz auf einem Parkplatz - und wird von drei Männern beim Pinkeln fotografiert. Als sie diese zu Rede stellt, prügeln die Typen brutal auf sie ein. Privat und beruflich bleibt das Gewalterlebnis in "Der Fall Holdt" nicht ohne Folgen für Lindholm. 

Es sind intensive Szenen, gerade weil sie so real und alltäglich wirken. Auch für Furtwängler waren die Dreharbeiten zu diesem "Tatort" eindrücklich, wie sie dem stern berichtet.

Was war das für ein Gefühl, für die Anfangsszene verprügelt zu werden?

Die Prügel-Szene war krass. Das haben wir vorher viel trainiert, mit Stunts, damit jeder Griff stimmt. Das Hinfallen und Schlagen muss extrem gut vorbereitet sein. Aber ich war doch überrascht über die Wirkung beim Dreh, als ich im Kleid mit nackten Beinen auf dem nassen Asphalt lag. Das ist mir nahe gegangen und war sehr intensiv zu spielen. Dieses Gefühl, ausgeliefert zu sein auf den kalten Steinen nach so einem Gewalterlebnis, ist unbeschreiblich.

Hatten Sie ein Mitspracherecht für diesen "Tatort"?

Ich mische mich immerzu ein. Mir war der Einstieg mit der Prügelei sehr wichtig. Komischerweise war ich beim Ansehen der Pinkel-Szene hinterher etwas peinlich berührt. Man spielt so etwas viel leichter, aber beim Angucken hatte es dann etwas Peinliches. Auch der Moment im Bad war unangenehm: Lindholm stinkt, sie kämmt sich nicht, die Körperpflege entgleitet ihr.

Charlotte Lindholm verliert in diesem "Tatort" ihre Souveränität, wirkt schwach - hat Sie das gestört?

Es ist spannend, dass der "Tatort" so ein Gewalterlebnis auslotet und gleichzeitig sagt: Wir wissen auch nicht, wie man das löst. Denn die Kommissarin ist geschwächt davon und macht Fehler. Aber es geht eben nicht darum, nur starke Frauen zu zeigen, sondern darum, dass man Frauen diverser erzählt und vor allem nicht weniger Frauenrollen als Männerrollen zeigt.

Sie machen sich mit Ihrer Stiftung Malisa für mehr Diversität im Film stark. Haben Sie persönlich Erfahrungen mit Sexismus bei Dreharbeiten?

Ich erinnere mich daran, dass beim Dreh zum Schweine-"Tatort" einer der Baubühnen-Typen ein T-Shirt anhatte, das extrem sexistisch war. Irgendetwas mit einem Frauenhintern und einem dummen Spruch daneben. Immer, wenn ich das gesehen habe, hat sich in mir etwas gekrampft. Das ist jetzt drei Jahre her und damals habe ich nichts gesagt, aber heute würde ich es tun. Weil es eine solche Provokation ist und ich mich unwohl gefühlt habe. Ich würde sagen: ‘Entweder du ziehst das aus, oder du gehst vom Set‘. Da bin ich ein Stück mutiger geworden und würde mich jetzt positionieren.

Warum glauben Sie, konnten Sie das damals noch nicht tun? Immerhin spielen Sie die Hauptrolle, sind wichtig am Set.

Ich habe nichts gesagt, weil ich unsicher war, weil ich nicht als Zicke abgestempelt werden und unbeliebt sein wollte. Der Kitt, der diese Art von Gesellschaftsform zusammenhält, ist auch die Angst der Frauen, nicht zu gefallen. Es wird uns beigebracht, lieb und süß zu sein. Das zu wagen, dass ich dann am Set als uncool gelte, dass die gesamte Baubühne über mich stöhnt, das auszuhalten, darauf kommt es immer wieder an.