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TV-Kritik "Tatort" "Der Hammer" geriet nur zum "Hämmerchen"


Ausgerechnet ihr Jubiläums-"Tatort" offenbart: Thiel und Boerne stecken in einer Krise. Die Macher können sich nicht entscheiden, ob sie relevantes Fernsehen oder sinnfreien Klamauk zeigen wollen.
Von Carsten Heidböhmer

Frank Zander als Rotlichtkönig mit Napoleon-Porträt im Schlafzimmer und hysterischer Geliebten. Ein als alberner Superheld verkleideter Mörder, der seine Opfer mit einer Spritzpistole umbringt. Und die Ermittler dazu zwingt, in antiquarischen Comic-Editionen zu stöbern. Schlussendlich ein Showdown auf einem Hochkran: Was hätte das für ein toller, überdrehter "Tatort" werden können, wie er nur in Münster entstehen kann.

Diesmal gab's sogar etwas zu feiern: Es war der 25. Einsatz von Jan Josef Liefers und Axel Prahl als Thiel und Boerne. Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Vom Start weg mochten die Zuschauer dieses Team, ihre Fälle erreichen regelmäßig Traumquoten. Ihr Erfolgsrezept war simpel: Sie machten einfach etwas ganz anderes als die übrigen "Tatorte".

Im Mittelpunkt standen immer die Frotzeleien

Anstelle lebensnaher Kriminalfälle, die die soziale Realität im Land abbilden sollen, setzte man in Münster auf lupenreinen Klamauk. Zwar gab es immer einen Fall, der am Ende gelöst wurde, doch das war nur die Rahmenhandlung. Im Mittelpunkt standen immer die Frotzeleien zwischen Thiel, Boerne und den anderen lustigen Figuren in ihrem beschaulichen Universum: der bekiffte Taxifahrer Vaddern, Boernes kleinwüchsige Assistentin Alberich oder die kettenrauchende Staatsanwältin mit dem sonoren Bass.

War's der Neid der Konkurrenz? Oder das zunehmende Gemäkel über die albernen Gags und die weitestgehend sinnfreie Handlung? Jedenfalls vollzogen die Macher des Münster-Krimis einen Schwenk: Nachdem sie mit der wunderbaren Folge "Summ, Summ, Summ" im März 2013 mit 12,81 Millionen Zuschauern den erfolgreichsten "Tatort" der vergangenen 20 Jahre produziert hatten, änderten sie auf einmal den Tonfall. In "Die chinesische Prinzessin" vom Oktober 2013 hielt plötzlich die Weltpolitik Einzug in den beschaulichen Straßen von Münster. Der chinesische Geheimdienst mordete Dissidenten, es ging um diplomatische Verwicklungen und das unterdrückte Volk der Uiguren. Und mittendrin Thiel und Boerne, die ein wenig dagegen anblödelten.

Luxusbordell vor den Toren Münsters

Der aktuelle Fall "Der Hammer" scheint zunächst eine Rückkehr zu alten Stärken. Die erste Leiche, ein einflussreicher Bauunternehmer, ist hier vom Himmel gefallen, anschließend sind ein paar alkoholisierte Jugendliche noch einmal mit dem Auto drübergebrettert. Der zweiten Leiche, einem halbseidenen Luden (Frank Zander), haut der Mörder mit einem Markierungshammer und Schlagzahlen eine "2" auf die Stirn. Damit macht der im Superheldenkostüm auftretende Täter klar, dass er noch lange nicht fertig ist. Er nennt sich "Der Hammer" und mordet alle Personen, die mit dem Bau der "Waikikioase" zu tun haben, einem Luxusbordell vor den Toren Münsters.

Die Bestandteile für einen herrlich-absurden Münster-"Tatort" waren da, doch Autor und Regisseur Lars Kraume schwenkte schon bald auf ein sozialrealistisches Rührstück um. Anstatt den Täter als gestörten Superfiesling wie den Joker aus "Batman" zu zeichnen, erzählt er - wie so viele andere Krimis dieser "Tatort"-Reihe - das soziale Drama eines Menschen, der privat und beruflich gescheitert ist. Nun ist ihm nur noch sein Haus geblieben, das er jedoch nicht verkaufen kann. Denn wer kauft schon ein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Bordell? Im katholischen Münster offenbar niemand.

Bei dem mauen Drehbuch kamen auch Prahl und Liefers nicht richtig in Schwung. Es gab fast keine Wortduelle, und wenn es mal lustig wurde, saßen die Gags nicht. Selbst mit an sich komischen Konstellationen - einmal kommt Boerne nachts in Thiels Wohnung und findet diesen mit einer Handschelle ans Bett gekettet - weiß dieser Film nichts anzufangen. Die Gags sitzen so schlecht wie Boernes Kurzhaarfrisur. So geriet "Der Hammer" leider nur zum "Hämmerchen".


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