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TV-Duell: Die große Schwäche des Martin Schulz in 98 Sekunden

Martin Schulz beginnt sein letztes Aufbäumen mit einem schweren Atemzug und der Frage: "Wie viel Zeit hab' ich?" In seinem Schlussstatement beim TV-Duell offenbart der SPD-Kanzlerkandidat eine seiner größten Schwächen.

Beim TV-Duell wollte Martin Schulz zeigen, dass er mehr ist als die nette Nummer 2

Beim TV-Duell wollte Martin Schulz zeigen, dass er mehr ist als eine gute, recht kompetente und überaus nette Nummer 2. Doch Schulz bekam diese Botschaft vielfach nicht vermittelt

Martin Schulz beginnt sein letztes Aufbäumen mit einem schweren Atemzug, einem Blick ins Leere und der Frage: "Wie viel Zeit hab' ich?" Schulz weiß genau, wie viel Zeit ihm noch bleibt: nicht viel, zu wenig wahrscheinlich. Zur Bundestagswahl fehlen drei Wochen, in den Umfragen ist ihm Merkel davongaloppiert, 57 Prozent wollen sie als Bundeskanzlerin, noch immer, nach zwölf langen Jahren, und nur 28 Prozent wollen ihn. "Wenn ich Bundeskanzler bin" sagt Schulz nur noch selten. Es scheint, er weiß, der Satz könnte ihn lächerlich machen. Als er ihn vergangene Woche bei einer Wahlkampfrede in Hamburg sagte, wurde leise gekichert.

Schulz wollte zeigen: Er kann Kanzler

Das TV-Duell am Sonntagabend galt als Schulz' letzte Chance, das Ruder noch einmal rumzureißen. Er wollte zeigen, dass er mehr ist als eine gute, recht kompetente und überaus nette Nummer 2. Mehr als ein Vizekanzler, mehr als ein Außenminister und mehr als einer von vielen in der xten Neuauflage der Großen Koalition, mit der SPD als Juniorpartner. Er wollte zeigen: Schulz kann Kanzler, Schulz will Kanzler!

Doch Schulz, so kann man es nach dem Duell lesen, bekam diese Botschaft vielfach nicht vermittelt. Nicht in seinem Schlussstatement und nicht in den 95 Minuten davor. Jetzt schreiben Zeitungen: Schulz kann überzeugen, aber es reicht nicht. Schulz punktet und überrascht, aber Merkel gewinnt. Eines von Martin Schulz' großen Problemen offenbarte sich in seiner letzten Minute. "Merkel war in ihrem Schlusswort ganz eindeutig besser als Schulz", sagt Elisabeth Wehling, Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin an der University of California in Berkeley, der "Süddeutschen Zeitung". Das lag weniger am Inhalt, als an seiner Präsentation. 

TV-Duell: Merkel setzt im Schlussstatement mehr auf das Miteinander

In seiner letzten Minute, die bei Schulz alles in allem 98 Sekunden dauerte, versuchte der SPD-Kanzlerkandidat noch einmal, die ganz großen Wiesen abzugrasen: soziale Gerechtigkeit, die außenpolitische Herausforderungen in dieser Welt, Aufbruch im Umbruch. Er beschwor den Mut, wie ihn schon Frank-Walter Steinmeier beschworen hatte und der heute Bundespräsident ist. Er beschwor die EU, wie sie schon Emmanuel Macron beschworen hatte und heute Frankreich als Präsident vorsteht.

Inhaltlich kann man Schulz wohl wenig vorwerfen, auch wenn er es laut Sprachwissenschaftlerin Wehling versäumt habe, das Miteinander ausreichend zu betonen. Merkel habe auf ein "Ich regiere mit euch" gesetzt, Schulz hingegen auf ein "Ich regiere für euch" - das mache in einer Zeit, in der etablierte Parteien dem Vorwurf ausgesetzt sind, sie hätten sich zu weit von den Menschen entfernt, einen großen Unterschied, sagte Wehling der "SZ".

Schlussstatement: Die 60 Sekunden des Martin Schulz

Schlimmer aber: Martin Schulz leitete seine Schlusssätze mit einer Frage ein, die er nicht ernst meinte. "Wie viel Zeit hab' ich?" "60 Sekunden." Schulz wusste genau, wie viel Zeit ihm blieb, wie schlecht wäre er vorbereitet gewesen, wenn er es nicht gewusst hätte, wie leicht und leichtfertig hätte er dieses TV-Duell und die Kanzlerschaft verloren gegeben. Die Frage nach der Zeit diente ihm als Steilpass, der nicht nur deshalb seltsam wirkte, weil Schulz den Treffer selbst vorbereiten als auch selbst verwandeln wollte. "60 Sekunden für ein Schlusswort… In 60 Sekunden verdient eine Krankenschwester weniger 40 Cent und ein Manager in einem Großunternehmen 30 Euro" ist ein Satz, der das große SPD-Thema "soziale Gerechtigkeit" noch einmal komprimiert, griffig ist und zudem größtenteils wahr, wie die "Süddeutsche Zeitung" belegt. Und dennoch: Der Satz half dem Herausforderer in diesem entscheidenden Moment des Wahlkampfs nicht - im Gegenteil.

"Er tat erst überrascht und wiederholte die Zeitansage '60 Sekunden' - dann hatte er ganz schnell parat, wie viel eine Kassiererin [sic] und ein Manager in diesen 60 Sekunden verdienen. Das war kein besonders glaubwürdiger Auftritt", sagte Kognitionswissenschaftlerin Wehling in der "SZ". Die Glaubwürdigkeit ist eine von Schulz großen Schwächen. Eine Befragung des Instituts Infratest dimap für die ARD unmittelbar nach dem TV-Duell ergab: Schulz lag zwar bei der Bürgernähe deutlich vor Merkel. Doch 49 Prozent der Befragten fanden die Kanzlerin im Duell glaubwürdiger. Nur 29 Prozent sagten dies von Schulz.

Wenig Natürliches im Schlussstatement

Das mag an Szenen, wie der des Schlussstatements liegen, die nur wenig Natürliches am SPD-Kanzlerkandidaten erkennen ließ. Da war das Tempo, das er plötzlich drosselte. Da war die pastorale Stimme, mit der er sprach. Und da waren die langen Pausen, an Stellen, wo sie nicht hingehörten. Zuletzt beschlich den ein oder anderen Zuschauer das unangenehme Gefühl, Schulz habe alles, war er in seinen letzten verbleibenden Sekunden an das Wahlvolk zu richten hatte, auswendig gelernt.

 

Man habe ihm deutlich angemerkt, dass er sein Statement einstudiert hatte, sagte Wissenschaftlerin Wehling, dabei sei Schulz dann gut, wenn er aus dem Bauch heraus rede. Die letzten Worte, mit denen SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die TV-Zuschauer und Wähler an diesem Sonntagabend in die Nacht entließ, sollten ins Herz gehen. Doch sie kamen vom Kopf - und zerplatzten an der Mattscheibe.

Twitter-Reaktionen: Der Fremdschäm-Moment im TV-Duell
pg