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TV-Kritik "Anne Will": Deutschland vor dem Super-Gauck

Er ist unbequem und polarisiert schon vor seiner Wahl: Bei "Anne Will" wurde über den designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck gestritten. Das ist auch gut so - doch lieben muss man das Staatsoberhaupt in spe deswegen noch lange nicht.

Von Björn Erichsen

Ganz ohne Christian Wulff geht es doch noch nicht. Zumindest wenn die Qualitäten seines voraussichtlichen Nachfolgers gerühmt werden, ist der scheidende Bundespräsident zwangsläufig präsent: " Joachim Gauck ist eine gefestigte Persönlichkeit" lobhudelt Populärphilosoph Richard David Precht. Er sei "ein sehr guter Redner", "ein Vertreter der Zivilgesellschaft" und außerdem, ganz anders als sein Vorgänger: "glaubwürdig und authentisch". Giovanni di Lorenzo warnt da sogleich: Bitte nicht Nachtreten bei Wulff, der sei schließlich genug gestraft. Doch letztendlich schimmert es auch in der Argumentation des "Zeit"-Chefredakteurs immer wieder durch: Noch nie war es hierzulande leichter ein besserer Bundespräsident zu sein.

Harmonie in der Runde

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet durch das Taktieren der Parteiführer - dem Vernehmen nach wollte niemand Gauck aus echter Überzeugung - ist tatsächlich der Favorit des Volkes für das höchste Staatsamt auserkoren worden. Nach einer aktuellen stern-Umfrage stehen 69 Prozent der Deutschen hinter Gauck. So viel Harmonie ist natürlich Gift für eine knallige Talkshow, und so versucht man es bei "Anne Will" mit Kaffeesatzlesen für Fortgeschrittene: "Gauck der Unbequeme - wie lange wird das Volk ihn dafür lieben?" lautet der Titel einer dann durchaus gelungenen Sendung. Die Abwesenheit der ersten Politikerriege, die nach lautstarken Aschermittwochreden vermutlich kollektiv in den Seilen hing, hat der Diskussion jedenfalls nicht geschadet.

Von Vorwürfen bleibt kaum etwas über

Als schärfste Gauck-Kritikerin in der Runde gibt sich Edith Franke zu erkennen, Gründerin der Dresdner Tafel und parteilose Abgeordnete der Linken im sächsischen Landtag. Die 69-Jährige wirft ihm soziale Kälte vor, und vor allem, dass der ehemalige Stasi-Akten-Beauftragte die DDR einen "Unrechtsstaat" nennt. Keine sonderlich populäre Position - und Anne Will nimmt Lange dann quasi dadurch aus der Diskussion, indem sie genüsslich die letzte Tätigkeit des langjährigen SED-Mitglieds vor der Wende verliest: Hauptamtliche Sekretärin für Agitation und Propaganda in Dresden. Das ist mindestens so schlimm wie es klingt: Sie habe nur Menschen ermuntern wollen, sich "aktiv in die DDR-Gesellschaft einzubringen", rechtfertigt sich Lange - doch sorgt das bei Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld allerdings nur für x-ten Wutanfall an diesem Abend.

Nun muss sich der der Bundespräsident in spe auch mit Kritikern auseinandersetzen, die nicht von vorgestern stammen. Die Vorwürfe kennt jeder, der in den letzten Tagen mal online war: Gauck nennt Sarrazin "mutig", Gauck kritisiert die Occupy-Bewegung, Gauck lobt die Hartz-IV-Gesetze. Das Gespräch darüber fördert nur wenig Neues zutage. Na klar, Zitate nicht einfach so verkürzen, immer den Kontext beachten, und überhaupt: "Gauck argumentiert meistens sehr differenziert", weiß etwa der Historiker Heinrich August Winkler zu berichten. Von den Vorwürfen bleibt nicht so viel übrig, und das ist etwa jener Punkt, an die Debatte in diversen Blogs und Foren bereits vor zwei Tagen angekommen war. Es ist immer wieder interessant zu beobachten: Wie sehr die Instant-Diskurse in den großen Talkshows mittlerweile dem Diskussionsstand im Internet hinterherhecheln.

Gauck - der traut sich was

"Ich hatte das Gefühl, man darf Gauck gar nicht kritisieren", formuliert der Berliner Juso-Vorsitzende Christian Berg ein Gefühl, das er mit vielen anderen Gauck-Skeptikern teilt. Das klingt zunächst verdächtig nach Zweck heiligt die Mittel, also: Kritik üben um der Kritik willen. Jedoch trifft Berg damit einen zentralen Punkt, den auch Gauck-Befürworter di Lorenzo im Mittelpunkt rückt: "Ein "Übermaß an Konformismus in der Gesellschaft", bemängelt der Journalist. Abweichende Meinungen seien selten geworden, unerbittlich würde es heißen: "Daumen hoch, oder Daumen runter, kein Platz für Zwischentöne." Gauck dagegen traue sich etwas, er sei eben keiner, der sich nur nach der Mehrheit richte.

Tatsächlich kann sich die Wahl des unbequemen Pfarrers für die Diskussionskultur hierzulande als Segen erweisen. Zwar gilt der 72-Jährige als eitel, jemand der sich gerne reden hört, aber er ist eben auch alles andere als ein glatt geschliffener Berufspolitiker. Gut möglich, dass er bis zu seiner voraussichtlichen Wahl am 18. März für mehr politische Debatten sorgt als Wulff in seiner gesamten Amtszeit. Seine Haltung muss einem dabei nicht immer gefallen - warum auch? Und schon gar nicht - da irrte der Sendungstitel grandios - müssen wir unser Staatsoberhaupt lieben, wir sind schließlich nicht in Nordkorea. Stattdessen könnte man darüber nachdenken, ob wir künftig mit den "Wie lange ertragen wir ihn noch?"-Diskussionen ein wenig warten - zumindest so lange, bis der Mann auch im Amt ist.