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22. Februar 2012, 20:07 Uhr

Die Genossen im Ude-Rausch

Das gab's noch nie: Tausende strömten ins Bierzelt, der - Achtung: - bayerischen SPD. Dort redete ihr neuer Superstar Christian Ude. Ein Ortstermin. Von Malte Arnsperger, Vilshofen

Aschermittwoch, Dingolfing, Christian Ude, SPD, Sozialdemokraten, Bayern, Zelt

Ungewohnter Andrang: der bayerische SPD-Spitzenkandidat am politischen Aschermittwoch© Michaela Rehle/Reuters

Aschermittwoch in Bayern, ein politisches Hochamt, das schon Tage zuvor heiß diskutiert wird: CSU und SPD im Freistaat streiten sich, welcher Partei es wohl gelingen werde, mehr Menschen ihrer Veranstaltungen zu locken. Sie wollen wissen, wen der Wähler wohl lieber hat. Bisher stellte sich diese Frage nie: Die selbsternannte Bayern-Partei CSU konnte immer auf den Rückhalt mehrerer tausend Anhänger in Passau zählen, weit mehr als die SPD bei ihren Treffen im benachbarten Vilshofen je begrüßen durfte. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Ein weißes langgestrecktes Zelt steht auf dem stellenweise vereisten Asphalt des Vilshofener Festplatzes. Rote SPD-Banner flattern im Wind, ein Bus nach dem anderen karrt Gäste an. Um dem erwarteten Zuschaueransturm gerecht zu werden, haben die Sozialdemokarten extra dieses Zelt gemietet und ihren politischen Aschermittwoch von einer Vilshofener Kneipe aufs freie Feld verlagert. 3500 Menschen, heißt es, finden hier Platz. Sogar die Gastronomie wurde am Ende ausgelagert, um noch mehr Raum zu schaffen. Vom "größter Aschermittwoch der SPD aller Zeiten", schwärmen die Genossen auf ihrer Homepage. Und tatsächlich können die Sozis zum ersten Mal gegen die Christsozialen bestehen, die rund 4000 Menschen in der Passauer Dreiländerhalle begrüßen.

Warten auf den Messias

Der Grund für die jugendhafte Attraktivität dieser uralten Partei ist 64 Jahre alt, kommt aus München und heißt Christian Ude. Der designierte SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2013 hat seiner Partei die Hoffnung gegeben, die seit gefühlten Ewigkeiten andauernde CSU-Herrschaft in Bayern beenden zu können. Eine enorme Erwartungshaltung - die Ude auch bei seiner ersten Aschermittwochsrede in Vilshofen entgegengebracht wird.

Der Bayerische Rundfunk mutmaßte schon Tage vorher: "Die SPD berauscht sich an Ude." Und in der Tat haben die Genossen alles auf den Auftritt ihres vermeintlichen Messias ausgerichtet. Auf den Bierdeckeln im Zelt prangt das Porträt Udes neben dem Slogan "Ude, der kann's". Noch am Morgen wird auf die Schnelle die Reihenfolge der Reden geändert. Nicht der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel darf wie geplant die prestigeträchtigen Abschlussrede halten, nein, der Münchner OB soll das letzte Wort haben.

"CSU ins Dschungelcamp"

Udes Vorredner fällt die Aufgabe zu, das Publikum auf Stimmung zu bringen, während sich dieses an Weißbier und Weißwurst labt. Gabriel und Konsorten tun dies mit sichtlicher Freude am politischen Boxkampf, aber mit unterschiedlichen Zielen. Der bayerische SPD-Chef Florian Probold teilt derb gegen die Staatsregierung, die CSU und dessen Generalsekretär Alexander Dobrindt aus: "Der Dobrindt würde sogar ins Dschungelcamp gehen, wenn es der CSU nützt. Und da gehört er hin, und er soll gleich das ganze Kabinett mitnehmen." Gabriel nimmt sich vor allem Bundespolitikern vor. Er wettert gegen die "Freien Radikalen" aus der FDP und schießt gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian "Amigo" Wulff. Aber auch der bayerische Ministerpräsident Horst "Drehhofer" Seehofer, der bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten ständig die Meinung gewechselt habe, kommt nicht ungeschoren davon. Gabriels Fazit: "Mit der CSU geht es zu Ende und mit Christian Ude geht es richtig los."

Der so Gepriesene betritt um 11.52 Uhr die Bühne, gekleidet in einen Lederjanker, begleitet von "Ude, Ude"-Rufen im mittlerweile proppevollen Zelt. Er beginnt bedächtig, fast zögerlich. "Ich bin 45 Jahre SPD-Mitglied, aber so eine Veranstaltung habe ich noch nicht erlebt." Ude, das wird schnell klar, ist kein grobschlächtiger Marktschreier, er ist keiner, der im Stakkato-Stil den politischen Gegner attackiert. Aber er hat Witz. Die CSU, so Ude, habe in Passau gesagt, sie wolle ihn vom Thron stoßen. Mit fast kindlicher Freude in der Stimme sagt er: "Geduld, Geduld, noch bin ich nicht Ministerpräsident."

Älter als Seehofer

"Ude, Ude" skandieren seine Anhänger, recken die SPD-Fahnen in die Höhe. Ude hat die Menge schnell hinter sich. Sein rollendes "R" sorgt für heimelige Atmosphäre. Ohne Hast hangelt er sich von Thema zu Thema, er zieht einzelne Worte extrem in die Länge, betont fast jede Silbe. Ude schießt sich auf seinen Gegner Seehofer ein. Mit Blick auf dessen außereheliche Affäre amüsiert er sich über CSU-Politiker, die dem designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck raten, sein Familienleben in Ordnung zu bringen. "Wenn sich ein Politiker von Seehofers Partei so äußert ist das..."- Ude grinst und zögert einen Moment - "äußerst pikant". Mit Blick auf die CSU-Kritik, er sei zu alt, meint Ude: "Ich habe zwei Lebensjahre Erfahrung mehr als Seehofer. Und ich finde, das merkt man auch."

Mit diesen Spitzen erntet Ude im Laufe seiner Rede immer wieder Lacher, doch die "Ude, Ude"-Rufe werden seltener, als er sich nach rund 45 Minuten einigen Sachfragen widmet. Ude ergeht sich dabei für eine zünftige Aschermittwochsrede stellenweise zu sehr im Detail. Da fallen so Worte wie "mietvertragliche Regelungen" als Ude über die angeblichen Folgen des Bayern-LB-Debakels auf die staatliche Wohnungspolitik spricht. Und während Ude verspricht, als Ministerpräsident die Studiengebühren abzuschaffen, sich für einen flächendeckenden Mindestlohn einzusetzen und mehr für den ländlichen Raum zu tun, widmen sich viele Genossen ihrem Weißbier oder nutzen die Gelegenheit zu einem Gang auf die Toilette. Später wird eine junge Frau, gehüllt in einen passend roten Schal, sagen: "Udes Rede war echt okay und gut, sie war aber nicht immer mitreißend." Und ein älterer Mann mit SPD-Fahne in der Hand wird konstatieren: "Udes Rede war pointiert, erklärend, witzig. Vor allem aber ging es ihm nicht ums Draufhauen sondern darum, ernsthaft Politik machen zu wollen."

Eine Kampfansage

Zu dieser Analyse passen auch Udes Schlussworte. "Es wird ungemütlich werden", warnt er die Genossen. "Die CSU wird sich nicht einfach abwählen lassen." Und wenn man ihn nach den Chancen für die Wahl 2013 frage, antworte er stets. "Wir haben eine Chance. Aber ob wir gewinnen, weiß ich nicht - genauso wenig wie die CSU." Das soll bescheiden klingen. Aber es ist eine Kampfansage. Und dass niemand darüber lächelt, zeigt, dass Ude schon ein bisschen gewonnen hat.

Von Malte Arnsperger, Vilshofen
 
 
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