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Landtagswahl in Bayern: Worum es geht

Die Bayern wählen? Ja, tatsächlich. Auch wenn sie immer dasselbe wählen. Dieses Jahr ringt Horst Seehofer um seinen Platz in den Geschichtsbüchern - und Christian Ude um Respekt. Vier Thesen.

Von Lutz Kinkel

Es ist ja nicht zu bestreiten: Den Bayern geht es gut. Sie haben mit 3,8 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote im Land. München ist der Hotspot für alle, die gut leben oder etwas unternehmen wollen. Die Alpen sind schön, die Flüsse, die Landschaft, das Essen lecker, die Wirtschaft brummt … und, und, und. Hat jemand Bedarf, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen?

Nein. Deshalb hat es die Opposition schon seit Jahrzehnten so verdammt schwer, auch nur einen Fuß in die Tür der Staatskanzlei zu bekommen. Und das wird, besagen zumindest die Umfragen, dieses Mal nicht anders. Die CSU kann sogar auf eine absolute Mehrheit hoffen. Trotz allem. Trotz Bayern-LB-Debakel, Hoeneß-Amigo-Affäre, Startbahn-MUC-Niederlage … und, und, und. Das Sündenregister der CSU und ihres Chefs Horst Seehofer ist lang.

Vier Thesen zur Wahl.

Für Horst Seehofer geht es um seinen Platz in den Geschichtsbüchern

Horst Seehofer ist ein Phänomen. Seine Karriere war mehrfach kurz vor dem Totalabsturz: 2002, als er wegen einer lebensgefährlichen Herzkrankheit darniederlag. 2004, als wegen der verhassten Kopfprämie sein Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union abgab. 2007, als bekannt wurde, dass er eine außereheliche Affäre inklusive Kind hatte. 2010, als es Karl Theodor zu Guttenberg nur ein Fingerschnippen gekostet hätte, ihn aus dem Amt zu treiben. Aber Seehofer, der Unkaputtbare, überstand alles.

Nachdem sein Vorgänger Günther Beckstein bei den Landtagswahlen 2008 die absolute Mehrheit (und damit sein Amt) verloren hatte, musste die CSU erstmals seit Jahrzehnten eine Koalitionsregierung bilden - was die ehemals Allmächtigen als eine Majestätsbeleidigung verstanden. Seehofers wichtigstes Ziel ist es, diesen Zustand endlich wieder zu ändern. Er will die absolute Mehrheit, unbedingt. Schafft er sie, wird er - trotz aller Skandale, Affären und 180-Grad-Drehungen - als Retter der CSU gelten. Und kann belustigt und mit väterlichem Wohlwollen in den kommenden fünf Jahren die Rangelei um seine Nachfolge betrachten. Auf der Lauer liegen: Ilse Aigner und Markus Söder.

Die SPD braucht ein respektables Ergebnis. Steinbrück zuliebe.

Als 2011 bekannt wurde, dass die SPD den populären Münchner Oberbürgermeister Christian Ude als Spitzenkandidaten für die Landtagswahl aufstellt, bekam die CSU hektische Flecken. Erstmals seit Jahrzehnten schien die politische Konkurrenz zu einer echten Gefahr heranzuwachsen. Doch davon spricht jetzt niemand mehr. "Statt eines Ude-Effekts auf die SPD gab es einen SPD-Effekt auf Ude", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" . Konkret: In den Umfragen dümpeln die Sozialdemokraten bei 18 Prozent plus X. Wie gehabt.

Auf das X kommt es an. Bleibt Ude unter dem Ergebnis der vergangenen Landtagswahlen (18,6 Prozent), setzt bei den Sozialdemokraten das große Heulen und Zähneklappern ein. Eine solche Niederlage wäre, auch wenn nur es ein regionales Ergebnis ist, eine schwere Hypothek für die Bundestagswahl eine Woche später. Liegt Ude ein paar Prozentpunkte über dem Soll, könnte die SPD ein bisschen feiern - und die Welt Glauben machen, es gäbe ein bisschen Rückenwind für Peer Steinbrück.

Die FDP könnte sich auch über den Exit freuen

Die CSU hat ihren Koalitionspartner FDP in den vergangenen fünf Jahren regelrecht verbraucht. In den Umfragen stehen die Liberalen zwischen drei und vier Prozent, es ist fraglich, ob sie den Einzug in den Landtag wieder schaffen. Offiziell wünscht sich FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle ein gutes Ergebnis in Bayern - insgeheim dürfte er auch den Effekt eines Exits durchkalkulieren.

Und der geht so: Würden die Wähler die FDP in Bayern in die außerparlamentarische Opposition schicken - in der sie während der 80er und 90er Jahre schon häufig war -, könnte das Anhänger, Beisteher und Retter im ganzen Land mobilisieren. Unentschlossene, die dazu tendieren, die Union zu wählen, könnten zu den Liberalen abwandern, um deren Totalabsturz im Bund zu verhindern. CDU-Politiker, die sich in Merkels sozialdemokratisierter Partei unwohl fühlen, könnten dazu aufrufen, den Liberalen Leihstimmen zu geben. Und schwuppdiwupp stünde die FDP im Bund besser da als ohne den Bayern-Crash.

Angela Merkel benötigt jede Stimme aus Bayern. Jede.

Es ist kurios: Angela Merkel genießt ein hohes Ansehen. Aber seitdem sie Kanzlerin und CDU-Vorsitzende ist, verlor ihre Partei eine Landtagswahl nach der anderen. Um nur ein für die Union besonders bitteres Beispiel zu nennen: 2011 musste sie nach Jahrzehnten die Macht in Baden-Württemberg abgeben, einem Land, das bis dato als schwarze Hausbank galt. Von dem Schock hat sich der Landesverband bis heute nicht erholt, er ist in einem desolaten Zustand. Eine Kompensation ist nicht vorhanden: Im Westen regiert die Union nur im Miniaturländchen Saarland , (noch) in Hessen und eben in Bayern.

Das jedoch hat Effekte auf die Bundestagswahl: "Die Union ist ohne CSU nicht regierungsfähig", sagte Merkel. Horst Seehofer bezeichnete die Landtagswahl als "Mutter aller Schlachten". Entscheidend ist weniger, wie die CSU in Bayern weiterregiert, sondern ob sie eine Woche später stark genug ist, bei der Bundestagswahl einen hohen Stimmenanteil aus Bayern abzuliefern, der Merkels Machterhalt in Berlin sichert. Andererseits: Liefert die CSU, hat Angela Merkel einen unbequemen Partner an der Seite, der sich auf Augenhöhe sieht. Seehofer wird Merkel das politische Leben schwer machen.