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Interview mit Wirten: "Die Jungen haben die Wiesn in Besitz genommen"

Die größte Gaudi der Welt beginnt: Im stern.de-Interview sprechen die Wirte des Schottenhamel über Bierpreise, warum so viele Junge auf die Wiesn kommen und wie man einen Platz ergattert.

Die wichtigste Frage zuerst: Was Kostet die Maß Bier in diesem Jahr?
Michael Schottenhamel: 9,85 Euro.

Ein stolzer Preis. Sie verdienen auf dem Oktoberfest unglaublich viel Geld. Wie viel kommt da rein?


Beide: Darüber sprechen wir nicht.

Ihr Zelt ist das älteste und traditionsreichste auf dem Oktoberfest, es existiert schon seit 1867. Damals passten 50 Gäste hinein, heutet gibt es 6000 Plätze und zusätzlich 3000 im Garten. Trotzdem ist es regelmäßig überfüllt. Wie kommt man an einen Platz?


Michael Schottenhamel: Die Wochenenden sind jetzt schon dicht. Kurz vor der Eröffnung ist die Schlange regelmäßig 200 Meter lang, einmal ums Zelt herum. Aber in der Woche und vor allem mittags bekommt man auch kurzfristig einen Tisch.

Im Internet kann man Tischreservierungen für Hunderte von Euro kaufen. Dabei sind die Reservierungen in allen Zelten gratis.


Michael Schottenhamel: Manche verkaufen sogar Mittagsreservierungen für teures Geld, obwohl die Leute nur bei uns anrufen müssten, um sie gratis zu bekommen. Wir haben jetzt so eine Art Kripoeinheit, die versucht, die Verkäufer aufzustöbern.

Warum ist ausgerechnet in Ihrem Zelt der Anstich, also die offizielle Eröffnung des Festes?
Christian Schottenhamel: Unser Großvater war mit dem damaligen Oberbürgermeister Thomas Wimmer in der Kutsche zur Wiesn gefahren, und als sie vor dem Schottenhamel-Zelt standen, fragte er ihn: 'Magst net ozapfn?' Und der sagte ja. Das Ganze wurde dann zu einer Institution, die weltweit im Fernsehen übertragen wird.

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude ist ein Anzapf-Profi. Mit wie vielen Schlägen schafft er es, den Zapfhahn ins Bierfass zu rammen?


Christian Schottenhamel: Meistens braucht er zwei, selten auch mal drei. Mit der Linken Hand. Schon der erste Schlag muss treffen. Wenn nicht, spritzt das Bier.

Am Samstag um punkt 12 Uhr wird im Schottenhamel-Zelt die erste Maß ausgeschenkt - an den Bayrischen Ministerpräsidenten.


Christian Schottenhamel: Der Oberbürgermeister ruft 'Ozapft is!', das Bier sprudelt in den Maßkrug, 6000 Menschen im Zelt hören die Böllerschüsse auf der Theresienhöhe, die Kapelle spielt den Bayrischen Defiliermarsch, und danach gibt es für alle das erste Bier. Dann sitzen die Leute da, Schaum unter der Nase, es ist heiß, alle freuen sich und sind gut drauf. Das ist eine unglaublich Stimmung, die reißt uns immer wieder mit.

Wie viele Menschen arbeiten in Ihrem Zelt?


Michael Schottenhamel: Vor der Eröffnung natürlich Aufbau-Personal, Schreiner, Elektriker. Dann 250 Bedienungen, Köche, Küchenhilfen, Schankkellner, alles in allem sind es 400 Leute dazu 80 Security-Leute. Oktoberfest - das ist knallhartes Arbeiten. Trotzdem kommen 90 Prozent unserer Mitarbeiter jedes Jahr wieder.

Warum tragen die Bedienungen bei Ihnen keine Dirndl?


Michael Schottenhamel: Sie haben schwarze Kleider an, weiße Schürzen und Häubchen. Das war bei uns schon immer so, und so soll es bleiben. Dadurch sind sie gut zu erkennen, und es ist ein sehr schöner Anblick in der Halle.

Welche Prominente kommen ins Schottenhamel-Zelt?


Christian Schottenhamel: Natürlich Ministerpräsident Horst Seehofer. Und Oberbürgermeister Ude mit dem gesamten Münchner Stadtrat, die haben eine eigene Boxe gemietet. Florian Silbereisen und Heino kamen letztes Jahr zum Anstich, auch Gloria von Thurn und Taxis war da. Wir gehen rum und sagen allen Grüß Gott.

Wird das Oktoberfest wirklich immer jünger?


Christian Schottenhamel: Ja, die Jungen haben die Wiesn in Besitz genommen. Sie wollen Spaß haben, loslassen. Sorgen hinter sich lassen, ein paar Maß Bier trinken, auf der Bank stehen, Lieder singen, die sie vom Skifahren kennen. Das Schöne ist: Da gibt es keine Klassengesellschaft, alle sind gleich. Es ist ein richtiges Volksfest.

Wie oft werden Maßkrüge als Schlaginstrument missbraucht?


Michael Schottenhamel: Früher gab es viel mehr Schlägereien. Am 'Maurermontag' hat sich kaum eine Frau auf die Wiesn getraut, weil es da so derb zuging. Heute sind die Leute nicht mehr so aggressiv , und das Sicherheitspersonal ist besser, die wirken deeskalierend. Meistens genügt es schon, wenn sich vier Sicherheitsleute neben zwei Schlägernde stellen. Dann hören die schon auf.

6000 Gäste - wie bekommen Sie die am Abend wieder raus?


Christian Schottenhamel: Um 22.30 Uhr schenken wir das letzte Bier aus. Danach wird das Putzlicht angeschaltet, die Musik spielt nicht mehr, das ist nicht besonderes gemütlich. Die meisten Leute gehen dann freiwillig. Und der Rest wird von unseren Sicherheitsleuten zum Gehen gedrängt. Um 23.00 müssen wir zusperren.

Was machen Sie, wenn alles überstanden und das Oktoberfest zu Ende ist?


Michael Schottenhamel: Ich werde regelmäßig fünf Tage nach der Wiesn krank. Christian Schottenhamel: Genau. Und das trotz der Grippespritze, die wir uns immer geben lassen. Bei 6000 Plätzen kommt man eben mit vielen Menschen zusammen die Bakterien vor sich her tragen. Und danach müssen wir schon wieder fürs nächste Oktoberfest planen.

Am Wochenende ist nicht nur Wiesnbeginn, sondern auch Bundestagswahl. Gehen Sie hin?


Dafür haben wir am Sonntag ganz bestimmt keine Zeit. Natürlich machen wir Briefwahl.

Interview: Anja Lösel
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