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Abschied von Dieter Hildebrandt: "Wir sehen uns"

Der Kaberettist Dieter Hildebrandt wird heute auf dem Neuen Südfriedhof in München beigesetzt. Auf stern.de verabschieden ihn zwei Freunde: Christian Ude und Georg Schramm.

Du hast Mut gemacht

Lieber Dieter, eigentlich warst Du schon immer da. So lange, wie ich denken kann. Es begann nämlich schon in meiner Schulzeit. Da freuten wir uns das ganze Jahr auf den Silvesterabend mit Deinem Solo beim kabarettistischen Jahresrückblick im Radio. Alles, was uns damals rückständig und verlogen, bedrückend und bedrohend vorkam, wurde von Dir mit analytischer Schärfe seziert. Endlich konnte man befreit und schallend lachen über jene, die das Jahr über an Notstandsgesetzen bastelten oder mit der Feuerpatsche den Atomkrieg als ganz akzeptabel präsentieren wollten.

Und Du hast Mut gemacht. Mut, die Lächerlichkeit autoritärer Ansprüche zu erkennen, üble Traditionen und fiese Geschäfte beim Namen zu nennen. Mut, den aufrechten Gang zu üben und aufmüpfig zu werden.

Persönlich kennen gelernt habe ich Dich erst Jahre später, als ich Willy Brandt in die Lach- und Schieß begleiten durfte. Da fiel mir schon auf, wie herzlich Ihr miteinander gesprochen habt, obwohl sich das vielleicht gar nicht ziemt, als Kabarettist einem Kanzler nahezustehen. Im Programm aber hat Willy dann natürlich auch sein Fett abbekommen, denn Du hast zwar immer Farbe bekannt, und die war ziemlich rot, Dich aber nie vereinnahmen lassen von einer Organisation oder gar einer Regierung. Später kam Dein Spott über unseren Laden sogar knüppeldick. Das waren die Zeiten, als Du sozialdemokratischer geblieben warst als die SPD selber.

Ein Freund ohne Allüren

Jahrzehntelang warst Du in jedem deutschen Wohnzimmer gegenwärtig und hast das Kunststück vollbracht, ausgerechnet mit Hilfe der Mattscheibe Einsicht und Durchblick zu vermitteln. Für unüberschaubar viele Menschen warst Du schlicht ein Freund. Ohne alle Allüren, die man dem Größten seiner Zunft sogar hätte nachsehen müssen. Unfassbar, wie Du noch in diesem Jahr Dein Publikum buchstäblich vom Hocker gerissen hast. Im April, als Du mit Deinem Rentner-Rap eine sozialdemokratische Veranstaltung gerockt hast, habe ich mir - rund zwei Jahrzehnte später geboren - nur gedacht: "So fit will ich auch mal werden". Wir sehen uns: Dein Christian.

Christian Ude, 66, ist seit 1993 SPD-Bürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt München.

Du hast Demokratie gelehrt

Ich bin seit frühester Jugend auf Hildebrandt konditioniert worden. Wenn er im Fernsehen kam, gab es Salzstangen, und die Nachbarn brachten Mon Cheri mit. (Ein Freund von mir wurde mit "Blutgeschwür" eingestimmt, Eierlikör mit Kirschlikör, das gab's bei denen nur an Ostern, Weihnachten und bei Hildebrandt.) Leute wie wir sind von Hildebrandt zu Demokraten erzogen worden und haben von ihm mehr über die Politik der Bundesrepublik gelernt als in der Schule.

Seine "Notizen aus der Provinz" im ZDF waren für uns Pflichtfach. Als die Sendung abgesetzt wurde, umarmte der Redakteur Hildebrandt mit Tränen in den Augen und sagte: "Ich bin so froh, dass es vorbei ist." Das war es aber nur fürs ZDF, kurz darauf startete der "Scheibenwischer", und irgendwann war Hildebrandt kein Gast mehr in den Wohnzimmern, sondern gehörte zur Familie. Als ich ihn dann kennenlernte, wandelte er sich für mich von der Ikone zum Ratgeber und väterlichen Freund, Vorbild ist er geblieben. Manche seiner Texte hätten Sternstunden des Parlaments sein können. Beispielsweise Herbert Wehners Abschiedsrede. Wehner hat die Rede aber gar nicht gehalten, sie stammt von Hildebrandt, und der letzte Satz lautet: "Meine Damen und Herren Abgeordneten, ich hoffe, Sie verzeihen mir meine Leidenschaft. Ich hätte Ihnen die Ihre auch gerne verziehen!". Solche Sätze gehören in die Schulbücher. Wir sollten über seinen Tod nicht lamentieren, er hat einen langen Atem gehabt, einen klaren Kopf und wurde bis zum Schluss nicht von Altersmilde befallen. Mehr kann man nicht verlangen, hätte er wahrscheinlich gesagt.

Im Wesentlichen herumgestochert

Bei seinem letzten "Scheibenwischer" hat er ganz nebenbei und ohne es zu merken, seine ganze Arbeit in einem Satz auf den Punkt gebracht. Er hatte sich im Text verirrt, und als er endlich wieder herausfand, sagte er vergnügt: "Das war jetzt ein Riesenhänger, aber ich glaube, ich habe im Wesentlichen herumgestochert." - Es gibt nicht viele, die das über sich sagen können. Wir sollten es ihm auf den Grabstein schreiben: Er hat im Wesentlichen herumgestochert.

Georg Schramm, 64, gehörte von 2000 bis 2006 zum Ensemble der ARD-Kabarettsendung "Scheibenwischer", die er nach Dieter Hildebrandts Abschied 2003 mit leitete.