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100 Jahre Willy Brandt: "Er war wie Luke Skywalker"

stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers erklärt seinem zehnjährigen Sohn Paul, was der große Sozialdemokrat ihm bedeutet – und warum er uns noch immer viel zu sagen hat.

Lieber Paul,
ich weiß, Du bist sehr stolz darauf, ein echter Berliner zu sein, geboren in derselben Stadt wie Deine Großmutter, die hier fast auf die Stunde genau zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Welt kam und knapp sechs Jahre später als kleines Mädchen mit Deiner Uroma in den Westen geflohen ist. Ich bin mir aber sicher, dass Du gar nicht weißt, wem Du es zu verdanken hast, überhaupt in diesem Berlin aufwachsen zu können, in einer ungeteilten Stadt, in einem vereinten Deutschland, in einer Zeit, in der Du keine Angst vor einem Krieg haben musst.

Für Dich ist es ganz normal, dass wir durchs Brandenburger Tor spazieren oder ungehindert zu unseren Verwandten nach Süddeutschland fahren. Als ich so alt war wie Du, war das alles undenkbar. Und der Mann, der ganz entscheidend dazu beigetragen hat, diese alte geteilte Welt zu einen und sie etwas friedlicher zu machen, der hieß Willy Brandt.

Es ist wahrscheinlich nicht ganz einfach für Dich zu verstehen, welche Bedeutung und welche Ausstrahlung dieser Willy Brandt hatte. Am besten versuchst Du ihn Dir als eine Mischung aus zweien Deiner größten Helden vorzustellen. In früheren Jahren war er ein wenig wie der junge Sternenkrieger Luke Skywalker – verwegen, mutig und kühn, aber gelegentlich auch an sich und dem Erfolg seiner Mission zweifelnd. Später wurde er Meister Yoda immer ähnlicher – weise, viel wissend und in sich ruhend. Die Macht war am Ende mit ihm.

"Deutscher bis ins Mark, Weltbürger aus Berufung"

Willy, wie ihn seine Anhänger liebevoll nannten, hat manchmal übrigens auch genauso gesprochen wie Yoda: nur in Andeutungen. Manches musste man sich bei ihm zusammenreimen. Vor allem aber war er nie in Gefahr, den Verlockungen der dunklen Seite zu erliegen. Im Gegenteil.

"Deutscher bis ins Mark, Europäer aus Überzeugung, Weltbürger aus Berufung", so beschrieb ihn sein Freund und Bewunderer Felipe González. Das war am 17. Oktober 1992, in einer bewegenden Abschiedsrede auf den eine Woche zuvor Gestorbenen. Ich bin mir bis heute nicht völlig im Klaren darüber, ob es eher eine Schande für seine deutschen Zeitgenossen war, dass ausgerechnet ein ausländischer Staatsmann an diesem Tag die ergreifendsten Worte fand – oder eine späte Auszeichnung. Konsequent war es auf jeden Fall.

Im Ausland war Brandt bereits hoch geachtet, da wurde er in seiner Heimat noch von vielen angefeindet, weil er aus dem Exil heraus gegen das den Nazis verfallene Deutschland angekämpft hatte, und viele Landsleute diffamierten seine Politik der Aussöhnung als "Verrat am deutschen Volk". Ihren Frieden mit ihm haben die Deutschen erst relativ spät gemacht. Bis in die 80er Jahre galt: Entweder man liebte "Willy" – oder man hasste ihn. Kalt gelassen hat er niemanden, auch das unterscheidet ihn von vielen Politikern späterer Generationen.Als Felipe González seine Trauerrede mit den Worten schloss: "Adiós, lieber Freund Willy" – da saß ich vor dem Fernseher in meiner Hamburger Wohnung und heulte. Mit den Tränen, die an diesem Tag vergossen wurden, hätte man vermutlich ein Entwicklungsprojekt in der Sahara bewässern können. Ob viele Menschen so trauern werden, wenn einst Gerhard Schröder oder Angela Merkel zu Grabe getragen werden? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Ein Riss mitten durch Deutschland

So wenig jedenfalls, wie Du Dir heute vorstellen kannst, wie das war, früher. Heute reisen wir, zumindest in Europa, einfach von einem Land ins andere und merken gar nicht mehr, wenn wir die Grenze überqueren. Wir zahlen in vielen Ländern mit derselben Währung. Ich musste noch vor Gericht erstreiten, dass ich Zivildienst leisten durfte, statt zur Bundeswehr zu gehen. Für Dich gibt es gar keine Wehrpflicht mehr – weil wir, wie es so schön heißt, von Freunden umzingelt sind.

Als ich zur Schule ging, war Europa gespalten in Ost und West, und der Riss ging mitten durch Deutschland. Beide Seiten (damals nannte man das Blöcke) standen sich nach dem Weltkrieg fast unversöhnlich, misstrauisch und mit einem Arsenal an Waffen gegenüber, mit dem man auf Knopfdruck den ganzen Kontinent hätte auslöschen können. Die Grenze nannte man zu Recht den Eisernen Vorhang – für normale Menschen gab es zunächst kein Durchkommen.

Ja, und das hat Willy Brandt geändert, lieber Paul. Natürlich nicht allein, und natürlich hatte er auch Glück. Aber es war das Glück eines tüchtigen Mannes mit dem Willen und der Vorstellung, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist, und dass man sie lieber langsam und beharrlich verändert als gar nicht. Politik der kleinen Schritte nannte er das.

Mindestens so pragmatisch wie Merkel

Als Willy Brandt seine Erinnerungen aufschrieb, gab er ihnen den Titel "Links und frei". Mir war das immer sehr sympathisch. Aber diese Selbstbeschreibung traf nur die eine Seite des Politikers Brandt. Er hatte eine Idee von einer besseren Zukunft, ja. Aber er war auch mindestens so pragmatisch wie heute Angela Merkel.

Anerkennen, was ist – für Willy Brandt hieß das: akzeptieren, dass wir den Krieg verloren hatten und dass es neue Grenzen und einen zweiten deutschen Staat gab. Du wirst es nicht für möglich halten, aber bis dahin hatten westdeutsche Regierungen so getan, als gäbe es die DDR gar nicht. Die Bundesrepublik sah es sogar als "unfreundlichen Akt" an, wenn andere Staaten diplomatische Beziehungen zur DDR aufnahmen. Man tat so, als gäbe es nur die Bundesrepublik. Du erinnerst Dich vielleicht, wie das kleine Kinder machen, wenn sie sich vor etwas fürchten. Sie halten sich die Hand vor die Augen und glauben, damit existiere, was sie nicht sehen wollen, tatsächlich nicht. Du glaubst, so doof könnten Politiker gar nicht sein? Sind sie aber manchmal.

Allein weil er die Realität anerkannte, musste Willy Brandt sich vorwerfen lassen, Deutschlands Interessen an den Osten zu verraten. Es war aber notwendig, damit die Mächtigen im Warschauer Pakt, der Organisation der osteuropäischen Staaten, überhaupt zu weiteren Gesprächen bereit waren. Zu Verhandlungen über Abrüstung, vor allem aber über Erleichterungen für die Menschen. Sie sollten ihre Verwandten im Westen besuchen können (und umgekehrt), die Berliner sollten ungehindert nach Westdeutschland reisen können (und umgekehrt), und ältere Menschen sollten die DDR verlassen können (umgekehrt war das nicht ganz so beliebt).

"Zusammen, was zusammen gehört"

Dies war, ich vereinfache das jetzt sehr, der Kern der Entspannungspolitik, mit der Willy Brandt angefangen hat, die Mauer und den Eisernen Vorhang durchlässiger zu machen. Erst ein wenig, dann ein bisschen mehr. Und am Ende konnte aus Dir ein Berliner werden. Wandel durch Annäherung, auf diese Formel brachte Brandt seine Ostpolitik – sie hat die Welt verwandelt.

Es ist sehr schwer, in andere Menschen hineinzugucken, aber ich wette, als Willy Brandt am Abend des 9. November 1989 erfuhr, dass die DDR ihre Grenzen öffnet und die Menschen in Berlin auf der Mauer feiern – da war das der größte Moment seines politischen Lebens. Die Vollendung seines Werkes. Und, ja, auch das, eine späte Genugtuung und Entschädigung für ihn, den so lange und so heftig als "Vaterlandsverräter" Angefeindeten. Willy Brandt hat damals den Satz für die Geschichtsbücher gesprochen, den eigentlich der amtierende Bundeskanzler hätte sagen müssen. "Nun wächst zusammen, was zusammengehört." Ein Satz, der beides war: staatsmännisch und aus dem tiefsten Inneren kommend. Pathetisch und schlicht zugleich. Ein Willy-Brandt-Satz. Er konnte ja auch anders reden als Yoda.

Es war übrigens ein Satz, den viele Menschen, die sich als links empfanden, damals nicht gern hörten, und ich muss gestehen, dass ich die Erwiderung des SPD-Politikers Oskar Lafontaine aus dem Saarland, ihm sei die französische Hauptstadt Paris näher als Leipzig, durchaus sympathisch fand. Auch das wirst Du noch lernen, Paul: Man verirrt sich manchmal, aber das ist – in der Regel jedenfalls – nicht schlimm. Man sollte sich nur korrigieren können. Und man sollte zu dem stehen, was man einmal gedacht und getan hat. "Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird", sagt der Marquis von Posa in Schillers Drama "Don Karlos". Sich daran zu orientieren, auch das kann man übrigens von Willy Brandt lernen.

Geschichte, Du wirst es noch feststellen, nimmt häufig krumme Wege, wenig, ganz wenig lässt sich berechnen und viel, sehr viel hängt von den handelnden Personen ab. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass der Eiserne Vorhang auch ohne die Entspannungspolitik irgendwann einmal rostzerfressen zusammengefallen wäre. Aber vermutlich hätte es viel länger gedauert; und ob aus den zwei Deutschlands dann noch einmal eins geworden wäre – wer weiß.

Mit der Fahne zum Publuc Viewing? Unvorstellbar!

Zur Wahrheit gehört aber auch: Für mich war das als junger Mensch nicht so wichtig. Ich gehörte zur Generation jener, für die zwei deutsche Staaten eherne Realität waren, die gerechte Strafe dafür, dass wir zweimal über Europa hergefallen waren, die Juden bestialisch fast ausgerottet und auch sonst unbeschreibliches Elend über die Welt gebracht hatten. Dass Du einmal bei Fußballweltmeisterschaften mit schwarz-rot-goldenen Tattoos und Deutschlandfahne durch die Gegend laufen würdest, hätte mir noch vor 20 Jahren niemand ungestraft prophezeien dürfen. Ich singe ja nach wie vor die Nationalhymne nicht mit. Aber gelegentlich summe ich. Auch das ist ohne Brandt nicht denkbar (und ohne Klinsmann auch nicht).

Ich war 17 Jahre, als ich zum ersten Mal nach Berlin kam. Das war im Winter 1978, auf einer Klassenfahrt. Als wir in den Ostteil wollten, hielten sie unseren Lehrer ziemlich lange am Übergang Friedrichstraße fest, wahrscheinlich als Schikane, weil er in der Jungen Union aktiv und strammer Antikommunist war. Geschah ihm recht, auch weil er tags zuvor hatte verhindern wollen, dass wir im Reichstag den Film "Bei Nacht und Nebel" vorgeführt bekommen. Wir haben uns durchgesetzt und dann die Leichenberge gesehen, die Deutsche aufgehäuft haben, und die ausgemergelten Schattengestalten, die man kaum mehr menschlich nennen konnte, bei ihrer Befreiung aus dem KZ.

Willy Brandt, das war für mich einer der guten Deutschen, die dagegen gekämpft haben; der ins Ausland, ins Exil gegangen war – und trotzdem nach Kriegsende zurückkehrte in diesen moralischen wie ganz realen Trümmerhaufen. In sein Heimat- und Vaterland, das so lange brauchte, bis es ihn so zurückliebte, wie er es, trotz allem, liebte. Brandt war der Mann, der es möglich machte, dass die Worte Deutschland und Frieden wieder in einem Atemzug genannt werden konnten. Er war ein Politiker, der so war, wie man sich als junger Mensch sein Heimatland wünschte, in all seiner Zerrissenheit.

Ein biblischer Kniefall

So hat er dazu beigetragen, viele wie mich mit diesem schwierigen Vaterland zu versöhnen, das habe ich später begriffen: Denn ein Land, das einen Mann wie ihn zum Bundeskanzler wählt (wenn auch erst im dritten Anlauf und das äußerst knapp) und ihn, nach drei turbulenten Jahren, mit dann überwältigender Mehrheit nach einem erbitterten Wahlkampf (wir haben uns damals auf dem Schulhof geprügelt, als Zwölfjährige!) wieder wählt, dieses Land konnte doch so schlecht nicht sein.

Das, lieber Paul, war und ist Willy Brandt zuallererst für mich: ein Kanzler, der das andere Deutschland repräsentierte, das der Nicht-Nazis und Nicht-Verdränger; der "mehr Demokratie wagen" wollte (und leider auch Berufsverbote schuf), für den Künstler keine "Pinscher" waren (und dass er gern Volksmusik hörte, geschenkt!), der die Hoffnung weckte: Ja, doch, Politik kann etwas verändern.

Und wenn da nur dieses eine Bild wäre, diese Geste für die Ewigkeit: Willy Brandt, der deutsche Bundeskanzler, am 7. Dezember 1970 auf den Knien vor dem Mahnmal für die ermordeten Juden vor dem alten Warschauer Ghetto. "Ich hatte nichts geplant", schrieb er in seinen "Erinnerungen". "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt. Ich weiß es auch nach 20 Jahren nicht besser als jener Berichterstatter, der festhielt: Dann kniet er, der das nicht nötig hat, für alle, die es nötig haben, aber nicht knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können."

Als "biblische Szene" empfand stern-Gründer Henri Nannen diesen Kniefall. Dir als viel später Geborenem wird das niemals so viel bedeuten wie mir, wie auch? Aber mir werden heute noch die Augen feucht, wenn ich diese Sätze lese.

Als Vaterlandsverräter beschimpft

Es ist kaum zu glauben, aber nachdem Willy Brandt im Jahr darauf, 1971, als erster Deutscher nach dem von Deutschland entfachten Weltenbrand den Friedensnobelpreis verliehen bekam, da gratulierte ihm nur ein einziger jener Minister von CDU und CSU, mit denen er nicht lange zuvor noch im Kabinett der Großen Koalition gesessen hatte. So tief waren damals die Gräben zwischen politischen Gegnern.

Mein Fahrlehrer hat noch 1978, vier Jahre nach Brandts Rücktritt als Kanzler, vom "Vaterlandsverräter" schwadroniert und gegen ihn gehetzt: "Brandt an die Wand." Brandt-Gegner und Brandt-Verehrer standen sich häufig feindlicher gegenüber als die Ultras von Borussia Dortmund und Schalke 04. Ich hätte damals einfach aussteigen und mir eine andere Fahrschule suchen sollen. Aber so mutig war ich nicht. Nur einmal, als wir getankt hatten, wieder losfuhren, er noch mit seinen Papieren beschäftigt und nicht angeschnallt war, da stieg ich kurz vorm Einscheren auf die Straße voll auf die Bremse, sodass er mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe prallte. Nicht wirklich heftig, aber mir reichte es. Hatte doch glatt den Wagen von links fast übersehen … Das war für Sie, Herr Brandt!

Diese Zeiten voller Hass auf politische Gegner sind vorbei. Wir sind insgesamt zivilisierter geworden, diese erbitterten Auseinandersetzungen gibt es nicht mehr. Das ist zwar etwas langweilig (vor allem für Journalisten), letzten Endes aber sehr gut so. Und ich wünsche Dir, lieber Paul, und Deiner Generation, dass sich die Weltläufe nie so entwickeln mögen, dass Ihr auf Politiker wie Willy Brandt, den großen Ein-Mann-Reparaturbetrieb der Nachkriegsgeschichte, angewiesen sein werdet. Aber ihn zu erleben, das hätte ich Dir schon sehr gegönnt.

Dein Papa