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TV-Kritik "Anne Will": Klassenkampf mit Adelstussi

Bei "Anne Will" wurde kräftig Sozialbeton gerührt: "Einmal unten, immer unten - Aufstieg nur für Reiche?", so das abgegriffene Thema der Talkshow. Dabei trafen ein Ex-McKinsey-Chef und eine geborene Sayn-Wittgenstein-Berleburg auf "Big Brother"-Frohnatur Jürgen Milski. Für Anne Will war das definitiv kein Aufstieg.

Von Björn Erichsen

Die große Talkshow-Offensive der ARD ist ein Reinfall, das ist kein großes Geheimnis. Schuld daran ist schon allein die Masse an Fernseh-Bla-Bla. Denn die insgesamt fünf Sendungen, die allein im Ersten jede Woche über den Zuschauer hinwegrollen, graben sich gegenseitig die Themen ab. Eurokrise, das haben jetzt schon Jauch und Plasberg gemacht, auch Beckmann steigt auf das Megathema ein. Maischberger musste dafür beim Dauerbrenner "Mobbing" notlanden, und auch bei "Anne Will" musste man sich dringend was Interessantes einfallen lassen: "Irgendwas mit sozialer Gerechtigkeit, aber bitte keine Banker", so lautete vermutlich die Arbeitsanweisung an die Redaktion, schließlich konfrontiert die Moderatorin nur zu gern "die da oben" mit "denen da draußen". Am Ende wurde ein altbekanntes Thema aufgewärmt: "Einmal unten, immer unten - Aufstieg nur für Reiche?"

Es folgte das Unvermeidliche: Ein Schaulaufen ehemaliger Underdogs, die allen Widrigkeiten zum Trotz groß rausgekommen sind. Klaus Wowereit etwa, das "fünfte Kind der Arbeiterwitwe Hertha Wowereit", der sich mit verschmitztem Lächeln und enormer politischer Skrupellosigkeit zum Regierenden Bürgermeister von Berlin hochgebissen hat. Oder Herbert Henzler, ein unangenehm freundliches Alpha-Tier, der es vom Bauernsohn zum langjährigen Europa-Chef von McKinsey brachte, jener Unternehmensberatung, deren Namensnennung allein schon einen Angestellten um seinen Arbeitsplatz fürchten lässt. Das Credo von Henzler könnte direkt aus dem FDP-Parteiprogramm kommen: "Die Armut befindet sich nicht im Geldbeutel, sondern in den Köpfen."

Klassenkampfparolen einer Gräfin

Der Schlagabtausch zwischen ihm und dem "Armutsforscher" Christoph Butterwegge zählt zu den Highlights einer ansonsten lausigen Diskussionsrunde. Hier der High-Potential, der Eigenverantwortlichkeit predigt und findet, dass die Durchlässigkeit des Systems in den "letzten Jahren dramatisch zugenommen hat". Da der Universitätsprofessor, der auf strukturelle Defizite und Probleme hinweist: überforderte Eltern, die ihren Kindern weder Bildung noch Wissensdurst mitgeben. "Mittelschichtspädagogen", die Hauptschüler notorisch unterschätzen und demotivieren. Dazu die öffentliche Hand, die lieber Exzellenz-Universitäten und Privatschulen fördert, anstatt Lernmittelfreiheit zu gewährleisten und Studiengebühren zu vermeiden. Und natürlich die Bedeutung von Beziehungsgeflechten, durch die sich eine großbürgerliche Oberschicht die wichtigsten Posten zuschiebt.

"Klassenkampfparolen" nennt Anna von Bayern solche Ausführungen und fügt sich damit ungewollt in die ihr zugedachte Rolle. Die Journalistin und Stanford-Absolventin ist keine Aufsteigerin von unten, sondern als geborene Sayn-Wittgenstein-Berleburg quasi mit goldenem Löffel in der Hand auf die Welt gekommen. Sie tauge aber nicht für das Klischee "der verwöhnten Adelstusssi", sagt sie, für Bestnoten und Diplom habe sie schließlich hart arbeiten müssen. Und das merkt man ihr durchaus an, denn sie kann fast jede ihrer Aussagen mit einer Studie belegen. Immerhin: Sie benennt ein plumpsdummes Einspielfilmchen, in dem tendenziell angetrunkene Oberschichtler im Sylt-Urlaub über Eliten schwadronieren, als das was es ist: "fast schon unseriös" - und erntet dafür einen bitterbösen Blick von Anne Will.

Aus dem Container an den Ballermann

Hätte man in der Sendung ernsthaft über Aufstiegschancen diskutieren wollen, wären mehr Gäste vom Schlage einer Katja Urbatsch nötig gewesen. Die Doktorandin, die aus einer Nichtakademiker-Familie stammt und über ihre Webseite arbeiterkind.de Studienberatungen organisiert, kennt sich aus mit den Lebenswelten bildungsferner Schichten und all ihren Problemen. Doch stattdessen lud die Redaktion lieber Jürgen Milski ein. "Der Jürgen" aus dem ersten "Big Brother"-Container vor mehr als zehn Jahren, dessen größte Leistung darin besteht, seither nicht vollständig in Vergessenheit geraten zu sein. Auch die Berufsfrohnatur meint, dass es hierzulande jeder schaffen kann, wenn er sich nur Mühe gebe. Das Schlimme daran ist, dass er nicht wie Henzler von fetten Jobs und hohen sechsstelligen Gehältern spricht, sondern von der Arbeit als Moderator bei Call-in-Shows und gelegentlichen Gesangsauftritten am Ballermann.

Die Sendung endet, wie die meisten Fernsehtalkshows: ohne nennenswertes Ergebnis. Die Kontrahenten einigen sich ohnehin nicht und so ist ein: "Ja ja, Chancen gibt es schon, aber es ist nicht einfach" der kleinste gemeinsame Nenner. Anne Will hatte dabei wahrlich nicht ihren besten Tag und wurde von Wowereit bei der Diskussion über die "Bildungsmonitor"-Studie abgefertigt, als habe sie erst vor wenigen Tagen ihr Volontoriat begonnen. Man kann es mal deutlich sagen: Sollten die ARD-Oberen demnächst darüber diskutieren, wie sie der unsäglichen und immens teuren Talkshow-Flut im Interesse der Zuschauer Einhalt gebieten, wäre "Anne Will" in der derzeitigen Form ein Streichkandidat. Bei allem Talent der Moderatorin. Das wäre dann wirklich mal ein jäh gebremster Aufstieg.