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TV-Kritik "Beckmann" Was Wulff dem Gauck (noch) voraus hat


Reinhold Beckmann musste sich in seiner Show Kritik aus der Gästerunde gefallen lassen: Der Talker bot zum Thema Gauck nur Wahrsagerei, die noch nicht mal für die ganze Sendung reichte.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Warum hatte denn keiner der Gäste eine Wahrsagerkugel dabei? Und hätte man denn nicht noch eine Kartenlegerin, besser noch einen Astrologen einladen sollen? Denn vielleicht steht es ja in den Sternen, ob Joachim Gauck als Bundespräsident "bella figura“ macht. Nun, auf solch` esoterisches Chichi wollte sich Reinhold Beckmann in seiner TV-Sendung - Titel "Die Präsidentenmacher“ - lieber nicht einlassen. Stattdessen ernannte er gleich mal alle Geladenen zu Prophezeiungs-Profis. Vielleicht war es auch ein Zeichen, das der Moderator setzen wollte. Immerhin originell, die momentan lädierte deutsch-griechische Freundschaft aufpeppen zu wollen, indem man sich, wie geschehen, an eine Neuauflage des Orakels von Delphi wagte - Reloaded sozusagen. Die Protagonisten jedenfalls spielten ihre Rollen unter der Regie von Beckmann, dem mephistophelischen Verführer, gut. Sie machten die notwendig ernsten Gesichter und spekulierten ungebremst, ob es Bundespräsidentschaftskandidat Joachim Gauck in seiner neuen Rolle tatsächlich packen wird. Und wie wird er sein? Was wird er tun?

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Wer soll´s denn tatsächlich wissen? Wie vorhersagbar ist der Mensch überhaupt? Gut, die Vergangenheit hinterlässt ihre Spuren und ermöglicht zukunftsweisende Vermutungen. Der Nachbar, der nie grüßt, wird höchstwahrscheinlich nicht plötzlich mit einem Rosenstrauß vor der Tür stehen. Und ein Gauck, der sich das Thema Freiheit riesengroß auf seine Fahnen geschrieben hat, wird kaum morgen schon umweltpolitische Parolen auf Platz Eins setzen. Aber Überraschungen, und darin war Vorgänger Christian Wulff ein unvergleichlicher Könner, sind immer drin. Oder hätten wir dessen zig Fehltritte, um es mal so zu formulieren, etwa vorhersagen können? War es ein Fehler, dass wir Wulff nicht vor Amtsantritt ausreichend bei Beckmann unter die Lupe genommen haben? Hätten wir bundespräsidiale Schmach bereits im Vorfeld verhindern können? Haben wir also nur geschludert?

Wagenknecht holte den verbalen Rotstift raus

Nach der Causa Wulff ist alles anders. Das Amt des Bundespräsidenten, wer, warum, wieso, wird längst auch an Currywurstbuden und zwischen Zapfsäulen analysiert. Jetzt bloß keinen Fehler mehr machen, der nächste Präsident muss ein Guter werden. Keinen Zweifel daran hatte beispielsweise Talkgast Marianne Birthler. Bereits seit Jahren mit Gauck befreundet und beruflich verbandelt - so übernahm die Politikerin etwa im Jahr 2000 die Leitung der Stasi-Unterlagenbehörde und wurde damit Gaucks Nachfolgerin - stellte sich die Politikerin bei "Beckmann“ entschlossen hinter ihn. Nichts davon zu spüren, dass es in der Vergangenheit auch Dissens zwischen beiden gab, unter anderem wegen Gaucks Personalpolitik - er beschäftigte gut 50 ehemalige Stasi-Mitarbeiter in der Behörde. Tempi passati - nun gab es nur Schmeichler-Worte für den Kollegen. Gauck, so Birthler, sei ein "tapferer Pfarrer“, er halte seine Reden mit "unglaublicher Leidenschaft“ und stehe als Person für die Aufarbeitung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Auch Verena Bentele, Rekordgewinnerein der Paralympics und als Wahlfrau am Sonntag dabei, zeigte deutlich ihre Sympathiebekundungen. Gauck habe, so die Sportlerin, jede Menge Pluspunkte, gerade bei jungen Menschen, er sei der richtige Mann, um die Menschen wieder mehr für Politik zu begeistern - und setze sich auch für deren soziale Belange ein.

Von wegen sozial - Linken-Fraktionsvize Sahra Wagenknecht holte sofort den verbalen Rotstift heraus. Gauck würde sich, so die Politikerin, keinesfalls um soziale Belange scheren. Nur auf das Thema Freiheit fixiert, lebe er an dem vorbei, was die Bürger tatsächlich beschäftige, etwa an der immer größer werdenden Schere zwischen Reich und Arm und an der schlechten Situation vieler Minijobber und Leiharbeiter. Anders, so sagte Wagenknecht erwartungsgemäß, die von den Linken ins Rennen geschickte Gegenkandidatin Beate Klarsfeld, die auf Augenhöhe sei und nicht wie Gauck "von oben herab“, eine mutige Frau, insbesondere im Kampf gegen den Antifaschismus . Ein Engagement das durch die rechtsradikale Mordserie "ein leider verdammt noch mal ein aktuelles Thema“ sei.

"Sie sind so zurückhaltend, was ist denn los?“

Apropos, ob Gauck, ob Klarsfeld, sind diese Kandidaten überhaupt zeitgemäß? Auch das so eine Beckmann-Frage. "Beide sind von gestern“, konstatierte Jakob Augstein. Insbesondere kritisch sah der Journalist und Verleger, dass Gauck nur monothematisch unterwegs sei und seine Definition von Freiheit nichts weiter sei als "die Abwesenheit von der DDR“. Klare Worte auch über die Kandidatur, sie sei in diesem Fall ein "würdeloser Prozess“. Augstein: "Was ist das für eine Wahl, deren Ergebnis man schon im Vorfeld kennt?“ Auch ein Minus: "Gauck ist so eitel, dass es kracht.“ Gute Vorlagen für Diskussionspartner Nikolaus Blome, der sich bekanntermaßen in der eigenen Phoenix-Sendung mit Augstein nicht gerade zimperliche Gefechte liefert. Doch der Journalist war dieses Mal eher zahm unterwegs. Was auch Beckmann irritierte: "Sie sind so zurückhaltend, was ist denn los?“ Zurückhaltend mit Gauck-Bekundungen war Blome hingegen nicht. Gauck bringe eine ungeheure Glaubwürdigkeit mit. Es sei gut, dass Gauck die "Holschuld“ einfordere, die Bürger an ihre eigene Verantwortung erinnere.

Im Laufe der Sendung zeigte sich allerdings, was Wulff dem Gauck (noch) voraus hat - der nämlich kann thematisch mühelos mehrere Talkshows füllen. Doch bei "Beckmann“ hatte man nach zwei Dritteln der Sendung das Thema Gauck durch. Also machte man noch kurz das Fass Politikverdrossenheit auf, sprach über die Neuwahlen in NRW und weitere bevorstehende Landtagswahlen, von Hannelore Kraft war die Rede und von der Düsseldorfer Altstadt. Zum Schluss, um den roten Faden irgendwie doch zu halten, dann doch wieder Gauck. Das Beckmannsche Orakel stellte sich der Frage: "Wie wird die Antrittsrede von Gauck werden?“ Zu spät, aber immerhin scherte Verena Bentele aus. Die geforderten Mutmaßungen waren ihr zu viel. "Sie haben immer so Prophezeiungsfragen“, meinte sie zu Beckmann. Übrigens, um ausnahmsweise doch die Sterne zu bemühen: Laut Geburtsdatum ist Gauck Wassermann und über die heißt es unter anderem sie seien fortschrittlich, immer ihrer Zeit voraus - ein Rebell unter den Sternzeichen. Und besonders freiheitsliebend. Na, das kommt einem doch irgendwie bekannt vor.

Von Sylvie-Sophie Schindler

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