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TV-Kritik "Günther Jauch": Seien Sie bloß ruhig. Heute ist Gauck-Tag!

Joachim Gauck ist neuer Bundespräsident und Günther Jauch redet drüber, obwohl es kaum noch Neues zu sagen gibt. Dabei wäre der Moderator doch viel lieber auf der Präsidentenparty.

Von Sophie Lübbert

Eine Bundespräsidentenwahl ist eine aufregende Sache. Außer, wenn das Ergebnis seit Wochen feststeht. Aber zum Glück gibt es dann ja immer noch so viele Details, die besprochen werden wollen: die Wahlparty des Gewinners Joachim Gauck zum Beispiel.

Günther Jauch, Profi-Talker und Party-Tier, will alles hören: "Hat Gauck eine Rede gehalten?", fragt er, und: "Standen da Leute mit Bundesadler herum und haben die Jacken abgenommen?". Vor ihm sitzt eine Dame, die es wissen muss. Sibylle Hammer, eine enge Freundin von Gauck aus Kindertagen, die bis vor wenigen Sekunden auf der Party zugegen war. Der Party! Der "privaten Präsidenten-Party", wie Jauch aufgeregt und alliterarisch verkündet.

"Wir senden nicht bis Mitternacht"

Zum Glück ist Frau Hammer ganz offen. "Man kommt da so die Treppe hoch", teilt sie mit. Jauch hebt begeistert die Augenbrauen. Die Treppe! Wahnsinn! "Ja, man kommt da so die Treppe hoch", bestätigt Hammer noch einmal. Das wird ja immer besser. Vielleicht sind es jetzt sogar schon zwei Treppen. Oder doch nur eine? Und was für eine Treppe überhaupt? Ach, egal, Hauptsache Joachim Gaucks Füße haben sie berührt.

Denn der Mann, das weiß nicht nur Sibylle Hammer, der rettet Deutschland. Wie und wovor, das ist noch nicht ganz klar, aber dafür gibt es ja Jauchs Talk. "Joachim Gauck - der Volkspräsident?" lautet das Thema, eine rhetorische Frage, klar. Wer, wenn nicht Gauck?

"Er ist schon heute in einer Klasse mit Helmut Schmidt", befindet Spiegel-Chef Georg Mascolo. "Gauck war immer ein hoch interessanter Mann", stimmt Edmund Stoiber zu, so glücklich, dass er kaum stottern muss. "Er wird Großartiges leisten", sagt Vizekanzler Philipp Rösler.

Nur Linken-Chefin Gesine Lötzsch hat das Thema nicht verstanden: "Ich erwarte, dass er sich um Menschen mit Minijobs kümmert", sagt sie. Dann wirft sie noch in kurzen Abständen die Reizworte "Schlecker" und "Finanzkrise" in den Raum und guckt erwartungsvoll. Es passiert: nichts. Nur Jauch schaut sie böse an und sagt: "Wir senden nicht bis Mitternacht". Er meint: Seien Sie bloß ruhig. Heute ist Gauck-Tag!

"Lassen wir ihn doch erstmal anfangen"

Dabei gibt es nur ein klitzekleines Problem: nachdem die Party-Details durch und alte Videos vom jungen Gauck vor Rostocker Kulisse abgespielt sind, gibt es eigentlich außer Mutmaßungen über die Zukunft nichts mehr zu sagen. Der neue Bundespräsident hat ja noch nicht mal richtig angefangen mit dem Job, wie soll er dann schon im neuen Amt beurteilt werden?

Ein paar Tage braucht selbst ein Joachim Gauck, um die Menschen wieder an die Politik heranzuführen, für die Freiheit einzustehen und die sozial Schwachen zu unterstützen. Und alles, was es zu Gauck als Person, als politische Persönlichkeit zu sagen gibt, das hat Jauch schon in den letzten Sendungen durchexerziert - der Mann stand ja schon seit Wochen als neuer Präsident fest.

"Lassen wir ihn doch erstmal anfangen", schlägt Mascolo vor. "Er ist ja nicht der erste Bundespräsident in der Geschichte der Republik", sagt Hans-Jochen Vogel. Aber Jauch lässt das nicht zu. Er hat gefühlt die letzten 378 Shows ausschließlich über Bundespräsidenten getalkt, er kann nicht gut loslassen.

"Nicht jetzt schon schwätzen"

Und er gibt sich ja auch Mühe so zu tun, als wäre das Thema nicht schon zur Genüge durchgekaut. In der gesamten Sendung erwähnt er nicht einmal den Namen Wulff. Manchmal lässt es sich nur knapp vermeiden, aber dann unterbricht er seinen Gast einfach mittendrin und leitet schnell zum nächsten über.

Meistens zu Philipp Rösler, dem Gauck-Macher. Doch statt selbstbewusst wirkt der FDPler eher, als habe er kurz vor der Sendung eine böse SMS von Merkel erhalten. Er ist nervös, verhaspelt sich, weicht jeder Frage aus.

Schließlich sieht auch Günther Jauch ein, dass es keinen Zweck hat. Alle Fragen sind geklärt, alle Einspielfilme gezeigt, Frau Hammer will zurück zur Party. Gesine Lötzsch bekommt ihre auswendig gelernten Zitate nicht auf die Reihe, Vogel und Stoiber schwärmen von Bayern im Allgemeinen und bayrischer Toleranz gegenüber ostdeutschen Protestanten wie Gauck im Besonderen.

"Nicht jetzt schon schwätzen", ermahnt Jauch, dann verabschiedet er sich erschöpft. Von den Gästen und hoffentlich auch vom Bundespräsidententhema.