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TV-Kritik

"Maischberger" zum stern-"Ärzte-Appell": Eckart von Hirschhausen: "Jeder, der nicht bei Drei auf dem Baum ist, kriegt heute ein neues Knie"

Beim Polit-Talk von Sandra Maischberger kochten die Emotionen hoch. Kein Wunder bei dem Thema: "Ärzte klagen an: Sind Krankenhäuser gefährlich für Patienten?" Der stern hatte es mit seiner Titelgeschichte zum "Ärzte-Appell" gesetzt.

Von Simone Deckner

Eckart von Hirschhausen in der Talkrunde von Sandra Maischberger zum "Ärzte-Appell" des stern

Eckart von Hirschhausen in der Talkrunde von Sandra Maischberger zum "Ärzte-Appell" des stern

Wenn die Moderatorin ihre Sendung mit den Worten schließt: "Das war viel komplexer, als man denkt", kann das zwei Dinge bedeuten: 1. Hoffentlich nicht so komplex, dass die Hälfte weggezappt hat oder 2. Komplex ja, aber zum Glück habe ich den von Hirschhausen eingeladen.

Denn Maischbergers TV-Kollege und Arzt sorgte mit einer krassen Aussage für Aufregung unter den Talkgästen. Beim Thema ihrer Sendung griff Sandra Maischberger den viel diskutierten "Ärzte-Appell" des stern von vergangener Woche auf: "Ärzte klagen an: Sind Krankenhäuser gefährlich für Patienten?"

Bei "Maischberger" diskutierten:

  • Bernhard Albrecht (stern-Wissenschaftsredakteur und Mediziner)
  • Maike Manz (Gynäkologin mit Schwerpunkt Geburtshilfe, ehemalige Chefärztin)
  • Gerald Gaß (Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft)
  • Jana Langer (Krankenschwester)
  • Karin Maag (gesundheitspolitische Sprecherin von CDU/CSU)
  • Eckart von Hirschhausen (Arzt und TV-Moderator)


Der Besuch im Krankenhaus ist definitiv gefährlich für Patienten, sagte von Hirschhausen und begann noch mit einem recht launigen Vergleich. "Jeder, der nicht bei Drei auf dem Baum ist, kriegt heute ein neues Knie oder eine neue Hüfte eingebaut", sagte er. Der Grund sei reine Profitgier der gewinnorientierten Krankenhäuser.

Interview mit stern-Reporter Bernhard Albrecht: Was ist seit dem Aufruf der Ärzte im stern passiert?

Dann sorgte der Arzt und Moderator für betroffene Gesichter in der Runde: Eine Intensivstation bekäme für Frühchen umso mehr Geld, je leichter diese seien, sagte von Hirschhausen. Das führe dazu, "dass Kinder früher geholt werden, weil sie dann lukrativer sind". Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft widersprach: "Das wäre ein Straftatbestand."

"Jeder Eingriff ein Gewinn"

Eckart von Hirschhausen beharrte: "Die Fallpauschalen setzen Fehlanreize". Seit 2003 werden Behandlungen in deutschen Krankenhäusern nicht mehr nach Tagessätzen, sondern nach Eingriff abgerechnet. "Und jeder Eingriff erzeugt Gewinn", so stern-Autor und Mediziner Bernhard Albrecht, der für die Titelgeschichte des Magazins von vergangener Woche mit mehr als 100 Ärzten gesprochen hat. Sein deprimierendes Fazit: "Wir haben alle ein Preisschild auf der Stirn, wenn wir ins Krankenhaus kommen." So werde etwa ein alter, verwirrter Mann, der auf der Straße aufgegriffen wurde, "eher weggeschickt" als jemand, der sich den Unterarm gebrochen hat: "Der wird mit Kusshand genommen."

Eigentlich seien die Fallpauschalen "richtig gedacht" gewesen, sagte die Gynäkologin und ehemalige Chefärztin Maike Manz. Es gäbe aber "Auswüchse, die wir dringend korrigieren müssen". Sie selbst kündigte ihren Job an einer Hamburger Klinik, weil sie den Konflikt zwischen "ärztlichem Gewissen und betriebswirtschaftlichen Zwängen" nicht mehr aushielt. Manz: "Das Profitinteresse darf nicht vor Patientenwohl gehen."

Darauf konnten sich alle in der Runde einigen. Gerald Gaß zeigte sich jedoch überzeugt, dass das Schachern um Fallpauschalen "kein flächendeckendes Problem ist." Man dürfe das System nicht generell verteufeln. Viele Patienten hätten "oft jahrelange Leidensgeschichte hinter sich" und würden sich dann in Absprache mit den Ärzten für eine Operation entscheiden. Gaß: "Die bekommen das nicht aufgeschwatzt!"

Hischhausen macht "radikalen Vorschlag"

Stichwort: Kommunikation. Daran mangele es in den meisten Krankenhäusern. "Jeder, der schon mal eine Arztserie geguckt hat, wünscht sich, dass der Arzt sich mit Geduld auf die Bettkante setzt und zuhört", fühlte sich Maike Manz in gebeutelte Patienten ein. Mit dem Fallpauschalensystem sei das aber kaum realisierbar, denn Gespräche sind darin nicht abrechenbar. Warum eigentlich nicht?, wollte von Hirschhausen wissen. 

Er berichtete von einem Modellprojekt in Kiel, bei dem junge Ärzte in Gesprächskultur unterrichtet würden. Das müsste längst Standard in der Ausbildung sein, wunderte er sich . "Aber man kann in Deutschland Chefarzt werden, ohne dass man irgendwie nachweisen muss, dass man vernünftig mit Menschen sprechen kann." Dann machte er einen "radikalen Vorschlag", wie er selbst sagte: Die Fallpauschalen dürften erst dann gezahlt werden, wenn Ärzte den Patienten nachweislich über mindestens zwei alternative Behandlungsmethoden aufgeklärt hätten.

Patientin Angela S. mit einem Blumenstrauß in der Hand

Die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU, Karin Maag, favorisierte eine andere Strategie: "Es ist gut und richtig, dass im Krankenhaus wirtschaftlich gedacht wird." Früher habe man für eine Blinddarm-Operation 14 Tage in der Klinik gelegen. Das Problem sei ein anderes: "Wir haben zu viele Krankenhäuser." Auch Gaß zeigte sich offen für einen "Strukturwandel": Man sei bereit, Krankenhäuser umzuwandeln etwa in ambulante Zentren. Hier sei aber auch die Politik gefragt. Von einem "Kahlschlag", sprich, die Hälfte aller Krankenhäuser zu schließen, halte er aber nichts.

Krankenschwester fürchtet "riesige Katastrophe"

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Jana Langer bereits als Krankenschwester. "Der Beruf an sich macht mir unheimlich Spaß", sagte sie, aber die Arbeitsbedingungen seien "eine Katastrophe". Langer hatte darauf schon vor zwei Jahren in einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel hingewiesen. Darin warnte sie vor Krankenhäusern als einer "tödlichen Falle" – wegen des Personalmangels.

Ob sich denn in der Zwischenzeit etwas verbessert habe, wollte Sandra Maischberger wissen. Nicht wirklich, so Langer. An der "jahrzehntelangen Überlastung" des Pflegepersonals hätte auch das neue Pflegegesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das seit Januar 2019 in Kraft ist, nichts geändert. "Wir laufen auf eine riesige Katastrophe zu und niemand reagiert", sagte eine resigniert wirkende Langer. "Der Pflege fehlt eine Lobby", fasste Eckhard von Hirschhausen das Dilemma zusammen.

Viel komplexer, als man denkt? Man hatte eher den Eindruck, dass alle Fakten unübersehbar vor einem liegen.

Collage: Operationssaal, Stern-Reporter Bernhard Albrecht

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