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TV-Kritik "Maybrit Illner": Hundertmal gehört

"Hat uns der Papst noch etwas zu sagen?" Die Antwortsuche bei "Maybrit Illner" wurde zu einem Talk für Spätzünder. Vieles schon viel zu oft gehört. Bleibt die Frage: Haben uns die Talkgäste überhaupt was zu sagen?

Von Sylvie-Sophie Schindler

Es soll Menschen geben, die einen Witz erst dann kapieren, wenn man ihn ein zweites oder auch ein drittes Mal erzählt. Vielleicht zielen manche Polit-Talkshows genau auf solche Spätzünder ab. Wie sonst lässt sich erklären, warum dem Zuschauer Uraltbekanntes wieder und wieder um die Ohren gehauen wird. Jüngstes Beispiel: Maybrit Illner, die am Donnerstagabend zum Thema "Benedikt in Berlin - hat uns der Papst noch was zu sagen?" talkte.

Egal, welche Argumente die Gäste anbrachten, jedes Mal fühlte es sich so an, als hätte man dieses oder jenes nicht nur zwei- oder drei Mal, sondern mindestens schon hundert Mal gehört. Besonders in den letzten Wochen und Tagen, da man sich für den Deutschlandbesuch des Papstes mit zahlreichen Diskussionen rüstete. Einzig Talkgast Richard David Precht, Deutschlands Darling in Sachen Philosophie, gelang es, weg vom Ewig-Wiedergekäuten zu führen. Sein Statement unter anderem: "Die romantische Liebe ist an die Stelle der Religion getreten". Die Menschen würden ihren Wunsch, hundertprozentig akzeptiert zu sein, nicht mehr in der Bindung zu Gott suchen, sondern in ihrer Partnerschaft.

Und dann war da noch die Idee des Grünen Politikers Volker Beck, nun endlich auch, nachdem es dem Papst gewährt wurde, den Dalai Lama im Plenum des Bundestages sprechen zu lassen, "als Zeichen der Solidarität mit den Tibetern". Doch das war trotzdem zu wenig, um am Schluss sagen zu können, man hätte einem verbalen Schlagabtausch beigewohnt, der mehr war als "business as usual". Insofern stellte sich nicht nur die Frage, ob uns der Papst etwas zu sagen hat, sondern auch, ob die Talkgäste überhaupt was zu sagen haben.

Wie hältst Du's mit der Religion

Zur Ermüdung trug sicher auch bei, dass man sich - wie es längst Sitte ist in Polittalks - nicht tatsächlich ans Eingemachte wagte, sondern munter dahin plänkelte und sich vor allem mit allerlei Vermutungen durch die Sendeminuten hangelte. Wie sich beispielsweise Bendedikt XVI. respektive die Katholische Kirche wohl zukünftig zu Themen wie Kondomverbot oder Priesterzölibat verhalten werde, mag man zwar schon ahnen, doch wissen tut man es de facto nicht.

Insofern blieb auch den Gästen nichts weiter übrig, als größtenteils zu orakeln. Auch die wie immer charmant-gewitzte Gastgeberin Maybrit Illner bedeutete mit der Art ihrer Fragestellung - ein häufiges "Was glauben Sie?" - dass es hier mehr um Vages als um Konkretes geht.

Und auch die Gretchenfrage "Nun sag, wie hältst Du's mit der Religion" durfte nicht fehlen. Die Schriftstellerin und Atheistin Karin Duve etwa, die nur wenige Stunden zuvor die vom Papst zelebrierte Messe in Berlin erlebt hatte, die "erste Messe meines Lebens", meinte, sie wäre "tatsächlich ergriffen" gewesen. Allerdings kein Bekehrungserlebnis. Denn wie erwartet antwortete sie auf Illners Frage, ob wir die Kirchen in Deutschland vermissen würden, lakonisch mit einem: "Ich nicht."

Was hat der Papst im Bundestag verloren?

Anders die CDU-Politikerin Monika Grütters. "Ich fühle mich in der Religion aufgehoben. Auch im politischen Alltag sind christliche Werte für mich ein wichtiger Maßstab", sagte die praktizierende Katholikin. Sie halte den im Bundestag vorgetragenen Rat des Papstes an "uns Politiker" entscheidend, nach dem es wichtig wäre, " ein hörendes Herz zu haben, um das Gute und das Böse zu unterscheiden."

Ein Religionsführer im Bundestag - für andere ein rotes Tuch. Precht dazu: "Religion ist etwas Irrationales, und etwas Irrationales hat nichts im Bundestag verloren." Und Beck: "Ich sehe in der Einladung des Papstes einen gewissen Bruch mit der religiösen und weltanschaulichen Neutralität des Staates und des Bundestages." Doch zum Glück habe die Kirche inzwischen an Macht verloren. "Das sage ich als schwuler Mann", so der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen. Menschenrechte würden schließlich für alle gelten, auch für Menschen, "die anders glauben, anders leben oder anders lieben als es Rom gefällt." Auch Duve befürwortete einen Machtverlust der Kirche. Schließlich greife sie, und das gehe zu weit, noch bis heute ins Intimste der Menschen ein, "wie ein totalitärer Staat" und habe "von der Inquisition bis zum Kondomverbot Schlimmes angerichtet".

Katholische Kirche im Schonwaschgang

Gut, draufhauen auf die Katholische Kirche, das ist zeitgemäß, damit liegt man beim Smalltalk in der Regel richtig, doch im Grunde kann das jeder. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke warnte davor, Vorurteile zu übernehmen, vielmehr müsse man "sorgfältig prüfen." Homosexuelle beispielsweise würden, so Jaschke, nicht diskriminiert. Die Katholische Kirche halte Homosexualität zwar nicht für die "geeignete Form der Sexualität", doch "jeder Homosexuelle verdient Respekt." Auch in anderen Fragen, zeigte er sich offen. "Ich bin ein Anhänger des Diakonats der Frau", sagte er. Wenn Frauen nur bei Priestermangel, also quasi als "Notlösung", in der Kirche was zu sagen hätten, dann wäre das unwürdig. Und wie, auch sehr umstritten, steht er zur Kommunion für Geschiedene und Wiederverheiratete? "Wir müssen die Brüche menschlichen Lebens ernst nehmen", so der Bischof. Wer jetzt auf die Idee kommt, hier werde eine Religion im Schonwaschgang skizziert, der täuscht sich allerdings. "Bei einer Wohlfühlreligion mache ich nicht mit", stellte Jaschke entschieden klar.

Weltweit geht ohnehin der Trend zu einer Kirche, die einen härteren Kurs fährt. Deutschland spielt da, anders als wir hierzulande glauben, keine so große Rolle. Precht rechnete es vor: "Die deutschen Katholiken, das sind weltweit nur zwei Prozent." Entscheidender sei, dass in vielen anderen Ländern, wie etwa in Nordamerika, die "harte Schiene" wesentlich mehr Erfolg hätte. Je weicher die katholische Kirche werde, desto ähnlicher werde sie der protestantischen. "In dem Moment, in dem man ein autoritäres System demokratisiert, läuft man Gefahr, dass der Laden wegrutscht", so der Philosoph. "Um dieses Risiko weiß der Papst. Er ist kein Betonkopf."

Den Niedergang der Katholischen Kirche in Deutschland betrachtet Precht mit großer Sorge. "Sie ist im Sozialen unverzichtbar", sagte er. Würden alle Sozialleistungen wegfallen, die die Kirche stemme, wäre ein Desaster programmiert. "Auch Humanisten können dann keine vergleichbare Organisation einfach so aus dem Boden stampfen." Und wer sei, eine weitere Folge, dann für die Festlegung von Moral und Werte zuständig? "Marktnormen haben Sozialnormen gefressen", sagte Precht. Fehle die Kirche, "wie kann das Vakuum aufgefüllt werden?"

  • Sylvie-Sophie Schindler