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TV-Kritik "Maybrit Illner": Kassenkrampf statt Klassenkampf

"Verteilungskampf am Krankenbett": Maybrit Illner wollte den großen Klassenkampf im Gesundheitssystem diskutieren. Es erwies sich: Das ist in einer x-beliebigen Talkrunde nicht zu schaffen.

Von Christoph Forsthoff

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

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"Bleiben Sie heiter – irgendwie…" Irgendwie spürte Maybrit Illner am Ende der Sendung wohl, dass die eben geführte Diskussion niemanden wirklich weitergebracht hatte. Dabei hatte der Titel "Verteilungskampf am Krankenbett" durchaus Spannendes verheißen, betraf die Frage "Kassen reich, Patienten arm dran?" doch einen Großteil der Bevölkerung. Aber nach einer Talkstunde hatte die Moderatorin zwar diverse Themen rund um Kliniken, Kassen, Ärzte und Patienten gestreift, musste sich aber der Erkenntnis beugen, dass das deutsche Gesundheitssystem allzu komplex und kompliziert ist, um es auf eine Talkrunde herunterzubrechen.

Kritik am aktuellen Status Quo übte nämlich jeder. Gesundheitsminister Daniel Bahr monierte die "offenbar falschen Anreize im System" ("Wenn die Krankenhäuser nicht operieren, stehen sie doppelt schlechter, weil sie über die sinkenden Vergütungen bestraft werden"), der KKH-Allianz-Vorstandsvorsitzende Ingo Kailuweit bemängelte die fehlenden Strafen für betrügerische selbständige Ärzte, und der Arzt Gunter Frank prangerte die allzu strikten und oftmals veralteten Behandlungsleitlinien an. Wie aber unter solchen Umständen ein System diskutieren, über das zwar jeder (nicht zuletzt der Patient) herzuziehen vermag, dessen Details aber ohnehin kaum noch einer durchblickt?

Abarbeiten an den Fakten

Also arbeitete sich Illner an Daten und (vermeintlichen) Fakten ab. Die Praxisgebühr: Hat außer zwei Milliarden Euro Einnahmen nichts gebracht, war sich die Runde einig – Steuerungseffekte gäbe es keine, stattdessen sei die Zahl der Arztbesuche sogar weiter gestiegen. Die Milliarden-Überschüsse der gesetzlichen Krankenkassen: Besser nicht an die Versicherten ausschütten, denn das bringe denen kaum etwas, da dies Geld versteuert werden müsste. Ein Argument, gegen das auch FDP-Minister Bahr nichts sagen konnte, obgleich seine darbende Partei im Werben um Wähler denen dies Geld gern zukommen lassen würde. Womit auch dieser Aspekt in der Diskussion rasch erledigt war.

Immerhin war da dann noch die Studie des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen unter niedergelassenen Ärzten, die in der vergangenen Woche für Aufregung gesorgt hatte: Danach sollen Fangprämien an Ärzte für deren Einweisungen von Patienten in bestimmte Krankenhäuser weit verbreitet sein – "und fast 40 Prozent der Mediziner halten die ärztliche Berufsordnung nicht für so wichtig", empörte sich Anke Martiny, Vorstandsmitglied der Anti-Korruptionsorganisation "Transparency Deutschland". Und forderte ein schärferes Vorgehen gegen korrupte Weißkittel, denn derzeit bestünde hier ein Kontrolldefizit: "In dem Moment, wo man die schwarzen Schafe erwischt, wird sich das Problem von selbst erledigen", behauptete die Gesundheitsexpertin.

Korrupte Ärzte? Konkrete Fälle bitte!

Eine Spezies, die der Vizepräsident der Bundesärztekammer Max Kaplan standesgemäß längst nicht so weit verbreitet sieht: Das Problem seien die Fragestellungen in der Studie gewesen. Die hätten nämlich lediglich wissen wollen, ob Mediziner sich vorstellen können, dass sich Kollegen bestechen lassen – nun aus diesen Antworten eine weit verbreitete Korruption unter den Ärzten abzuleiten, sei "nicht lauter, dagegen verwehren wir uns". Und überhaupt: "Wir können nur dann handeln, wenn uns ein Fall bekannt wird", forderte Kaplan auf, konkrete Fälle auch zu benennen. Womit der Herr Doktor natürlich nicht Unrecht hatte – und wieder ein Diskussionspunkt erledigt war.

Doch zum (Talk-)Glück bot der Gesundheitsmoloch ja noch anderen Diskussionsstoff wie etwa den Allgemeinplatz, das System mache den Menschen erst krank: Ja, die Nachfrage der Patienten werde letztlich auch durch die Zahl der Ärzte bestimmt, gab Kailuweit zu; stünden in einer Region viele Ärzte und Kliniken zur Verfügung, würden die auch genutzt. Lachend räumte Thomas Isenberg, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, denn auch ein, dass es gesundheitswirtschaftlich betrachtet natürlich ein Problem sei, wenn alle gesund würden. In diesem Sinne: Bleiben Sie heiter – irgendwie.