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Fußballderby HSV - St. Pauli: Der Mythos vom Klassenkampf

Auf den ersten Blick prallen beim Hamburger Lokalderby zwischen HSV und FC St. Pauli Welten aufeinander. Die Vertreter von Fans beider Vereine geben einen Einblick, ob das tatsächlich stimmt.

Von Philipp Markhardt (HSV) und Mathias Radowski (St. Pauli)

Wenn am Sonntag der FC St. Pauli den Hamburger SV empfängt, treffen im einzigen Lokalderby der Fußball-Bundesliga nicht nur sportlich Welten aufeinander. Auch soziokulturell könnten diese beiden Vereine unterschiedlicher nicht sein - vor allem ihre Anhänger nicht. So zumindest geht die gern gepflegte Legende. Aber stimmt das noch? Zwei Fanvertreter haben sich Gedanken gemacht über das, was ihren Verein ausmacht, vom lokalen Konkurrenten unterscheidet - und verbindet.

HSV
Philipp Markhardt ist Mitglied der HSV-Fangruppe "Chosen Few" und Sprecher der vereinsübergreifenden Faninitiative Pro 15.30.

Der Unterschied zwischen HSVern und Paulianern liegt im Selbstverständnis. Der HSV ist und sieht sich als Volksverein. Die Fanszene setzt sich aus sämtlichen sozialen Schichten, politischen und religiösen Lagern zusammen. Sie ist heterogener als die des FC St. Pauli. Zudem ist sie eben auch bedeutend größer, was das Vorhandensein vieler verschiedener Strömungen begünstigt. Dazu kommt, dass der HSV immer der große hanseatische Verein war, der auch noch den notwendigen Erfolg hatte.

Politik spielte dabei nie eine wirkliche Rolle. Der HSV war ein Freizeitvergnügen für alle. Eben auch für Rechte, die in den 1980ern bis in die 1990er Jahre erkennbar vorhanden waren. In dieser Zeit kehrten viele linke oder alternativ angehauchte HSVer ihrem Verein den Rücken und wanderten zum FC St. Pauli ab, wo sich zu dieser Zeit auch eine wahrzunehmende Fanszene unter der Führung der Hausbesetzerszene bildete. Sie prägte das politische Selbstverständnis. Dies gilt noch immer als Konsens.

Beim HSV gibt es seit dem Verschwinden erkennbarer Nazigruppen aus dem Stadion übrigens mehr erkennbar linke Fans mit einem politischen Bewusstsein, die dies auch zeigen. Trotzdem gilt bei den meisten immer noch das "Football without Politics"-Dogma, obwohl Kommerzkritik und Fanpolitik ja auch politischer Natur sind.

Bei St. Pauli bemängeln die Alteingesessenen ein Abrücken von Gewaltfreiheit und Toleranz - oder sexistische Ausfälle. Der antikommerzielle Verein ist doch auch längst im Business angekommen. Exzellente Vermarktung des Außenseiterimage weckt bei pubertierenden Punks und Hipstern aus der Oberschicht die Begehrlichkeit, zu "den anderen" dazuzugehören. Aber die Revolution hat ihre Kinder längst gefressen. Unter den heutigen Zuschauern sind genug unpolitische "Normalos". Leute, die nur Fußball sehen wollen.

Die Fanszenen beider Vereine sind sich in ihrer Kritik am modernen Fußball und an der Kommerzialisierung grundsätzlich einig.

Beide sind leider Teil der "Inszenierung", allerdings verleugnet man dies beim HSV nicht. Und das ist die Hauptkritik an den St.-Pauli-Fans: Sie sind nicht der "andere Klub". Ihr Verein hat sogar die Vermarktung eines Image perfektioniert. Das müssten sie nur mal zugeben. Und nicht jedes Wort auf die Goldwaage der Political Correctness legen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite den Beitrag des St. Pauli-Vertreters.

FC St. Pauli
Mathias Radowski ist Redakteur des St.-Pauli-Fanzines "Übersteiger" und Sprecher der Organisation Baff (Bündnis aktiver Fußballfans).

Weite Teile der Fanbasis beider Lager teilen die Grundüberzeugung, dass Fußball Fußball bleiben und nicht Identität und Wesen verlieren sowie anderen Interessen untergeordnet sein soll. Für die HSV-Supporters gilt die Maxime: Wir wollen nicht Fußball spielen, um Geld zu verdienen, sondern Geld verdienen, um Fußball zu spielen.

Auch wir beim FC St. Pauli sind nicht gegen das Geldverdienen an sich. Die Vermarktung eines Klubs darf aber nicht so weit gehen, dass dieser seine Identität verliert. Wir haben vor einem Jahr einen Fankongress initiiert, auf dem Mitglieder und Präsidium gemeinsam Richtlinien des Sponsorings beschlossen haben. Auch wenn der damalige Präsident Corny Littmann uns als sozialromantisch belächelt hat, haben wir vieles durchgesetzt. So konnte der Verkauf des Stadionnamens verhindert werden.

Der Fokus soll auf dem sportlichen Wettbewerb liegen. Wenn alle nur wie wild an der Geldspirale drehen, sind die Vereine bald austauschbar. Unsere Arbeit ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Das konnte man schon vor sieben Jahren sehen, als wir mit der von den Fans ins Leben gerufenen "Retter"-Aktion den Verein vor dem Konkurs bewahrt haben.

Sowohl Spieler als auch Verein haben großes Interesse am Stadtteil. Das Image des FC St. Pauli ist von den Fans vor über 20 Jahren kreiert worden und ist von der Vermarktungsabteilung vorgefunden und genutzt worden. Die Kommunikation zwischen Fanbasis und Vermarktung ist ehrlich, offen und transparent, das Vertrauen ist da.

Die Fanszene beim HSV, wo Gewalt und Rechtsextremismus bis in die 90er-Jahre gang und gäbe war, hat sich geändert. Das liegt an den engagierten Mitgliedern, das muss man anerkennen. Das Problem des HSV in Sachen Kommerz zeigt sich an der Person von Präsident Bernd Hoffmann. Der Streit um den Großinvestor Kühne hat die Diskrepanz zwischen Basis und Vorstand gezeigt.

Die Supporters haben abermals bewiesen, dass es auch andere Kräfte im Verein gibt. Der Vorstand wollte das Tafelsilber des Vereins, seine Spieler, womöglich unter Wert verkaufen, um kurzfristig Geld zu generieren. Wir gehen andere Wege und wollen zeigen, dass es durchaus möglich ist, mit alternativen Vermarktungsstrategien kommerzielle Erfolge zu erzielen.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

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