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"Maybritt Illner" "Hätte, hätte, ..." - ein Corona-Talk mit viel Phrasendrescherei und wenigen Erkenntnissen

Maybritt Illner
Diskutierten bei "Maybritt Illner": Hendrik Streeck, Maybrit Illner, Helge Braun (zugeschaltet), Miriam Pech, Katharina Nocun (von links nach rechts)
© ZDF/Svea Pietschmann
Das Thema klang vielversprechend, die Gästeliste auch. Leider war der Talk von Maybritt Illner nur eine Aneinanderreihung von allgemein bekannten Phrasen.
Von Andrea Zschocher

Wenn das Motto des Abends gewesen wäre bei jeder abgedroschene Phrase zwei Euro ins Sparschwein zu packen, es wäre einiges Geld bei Maybritt Illner zusammengekommen. Ihre Gäste, die sich zum alles und nichts sagenden Thema "Corona-Leichtsinn – weniger Regeln, mehr Ärger?" äußerten, boten von "hätte, hätte Fahradkette" (Hendrik Streeck) über "Vorsicht ist besser als Nachsicht" (Katharina Nocun) bis zu "es gibt keine Gleichheit im Unrecht" (Helge Braun) wirklich alles an.

Was der Talk leider nicht bieten konnte, waren irgendwelche neuen Erkenntnisse oder auch nur blinde Flecken, die in den letzten Wochen in sämtlichen Talkshows nicht schon wiederholt durchgekaut wurden.

Zu Gast bei "Maybritt Illner" waren:

  • Katharina Nocun, Autorin und Netzaktivistin.
  • Miriam Pech, Schulleiterin und Vorsitzende der "Vereinigung Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter an den Integrierten Sekundarschulen" (BISS)
  • Hendrik Streeck, Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn 
  • Helge Braun (CDU), Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts
  • Sebastian Pufpaff, Kabarettist und Moderator

Der Talk begann recht verheißungsvoll, Illner erklärte, dass wir alle den "Coronaregeln beim Verschwinden zusehen" könnten und fragte, ob die Regeln bald "nur noch für die Dummen" gelten. Nein, natürlich nicht, beteuerte Helge Braun, es sei weiterhin von größter Bedeutung, dass die elementaren Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden, ungeachtet dessen, was einige Bundesländer da nun aktuell so beschließen. Man sei bisher ja gut damit gefahren, niemand solle in Angst vor eine zweiten Welle leben, aber Vorsicht walten lassen sei immer eine gute Idee.

Schulen werden zu Versuchslaboren

Nichts als Worthülsen, wenn man bedenkt, dass spätestens nach den Sommerferien die Schulen wieder zum Regelbetrieb zurückkehren sollen. Es ist durchaus verständlich, dass sich Lehrerinnen und Lehrer aber auch Schülerinnen und Schüler wie Versuchskaninchen fühlen, an denen nun ausprobiert wird, ob das mit dem Abstand halten denn wirklich sein muss. Die Schulleiterin Miriam Pech drückte sich da dezenter aus, sie wünsche sich regelmäßige Tests für alle und könne grundsätzlich nichts zurzeit nach den Sommerferien sagen. Es gäbe Rückfallpläne für die Schulen, aber ob und wie die angewendet werden müssen, das stünde aktuell nicht zur Debatte.Warum gibt es keine innovativen Schulkonzepte?

Was auch nicht zur Debatte stand, aber für viele Eltern sicher interessant gewesen wäre, ist die Frage, wieso weiterhin auf Präsenzunterricht in vollen (und zu kleinen) Klassenzimmern gepocht wird. Immerhin, das bestätigte auch der Virologe erneut, sind die Superspreader-Events die, wo viele Menschen in schlecht belüfteten Räumen aufeinander treffen. Das tritt auf die allermeisten Schulen ja wohl definitiv zu.

Wieso also wurden die letzten Monate nicht von Seiten der Bildungs-und Schulministerien dazu genutzt, um alternative Modelle zu entwickeln, die Schülerinnen und Schülern das Lernen außerhalb von überfüllten Klassenräumen zu ermöglichen? Statt an dieser Stelle Corona wirklich als Chance für Bildungsreformen zu begreifen, wird auf Altbekanntem beharrt. 

"Virologisch betrachtet ist alles gesagt"

Auf die Gefahren für das Lehrpersonal und die Schülerschaft sich mit Corona zu infizieren angesprochen, suchte der Virologe kurz nach Worten. "Virologisch ist eigentlich alles gesagt", man traue sich, so Streeck, in der emotionalen Debatte nicht mehr, eine Empfehlung zu geben. Er fasste dennoch die aktuellen Studienerkenntnisse noch einmal zusammen: Kinder können gleich oder weniger infektiös als Erwachsene sein, die Entscheidung, die Schulen zu öffnen sei eine politische gewesen. Helge Braun erwiderte darauf, dass es ja gute Konzepte gäbe, und, dass Familien diese Entlastung durch die Schulen dringend bräuchten. Man wolle dafür sorgen, dass der "Schulbetrieb sicher" ist. Nur das wie, das konnte auch Schulleiterin Pech nicht erklären.

Keine regelmäßigen Tests für Schulen

Natürlich brauchen Familien Lösungen, sie können nicht weiterhin Kinderbetreuung, eigene Arbeitsanforderungen und Beschulung der Kinder allein stemmen. Aber deswegen Schulen und Kitas zu öffnen und hoffen, dass es irgendwie gut geht, scheint für alle Beteiligten auch nicht der beste Plan zu sein. An der Stelle wäre es durchaus wünschenswert gewesen, hätte die Schulleiterin den Bundesminister für besondere Aufgaben mal direkt gefragt, wie das alles so weitergehen soll.

Die regelmäßigen Tests für Schulen, die übrigens zwei- bis dreimal pro Woche durchgeführt werden müssten, soll es, wenn es nach Braun geht, flächendeckend gar nicht geben. Die Infektionszahlen seien aktuell zu niedrig, da sei das nicht nötig und würde vielleicht zu vielen falsch positiven Ergebnissen führen.

Ist die App DIE Rettung?  

Werbung machte er dagegen für die App, die ab nächster Woche das Infektionsgeschehen nachvollziehbarer machen soll. Netzaktivistin Nocun und Virologe Streeck waren deutlich kritischer, die App sei kein "Heilsbringer" auf dem Weg zur altbekannten Normalität und würde Menschen vielleicht zu sehr in Sicherheit wiegen. Braun versprach, dass der eventuell ausgelöste Alarm, wenn beispielsweise klar sei, dass man im Bus neben einer infizierten Person gesessen hat, keine Angst machen soll. Es sei eine reine Information, die einem dabei helfen soll, sich an das Gesundheitsamt zu wenden. Die App gebe nur die "Sicherheit, das Risiko besser einzuschätzen". Da die Nutzung freiwillig ist, funktioniert sie natürlich besser, umso mehr Menschen mitmachen. Es muss aber, entgegen einiger Gerüchte, keine Mindestteilnehmerzahl erreicht werden, bevor die App wirkungsvoll arbeiten kann.

Weitere Themenpunkte:

  • Was ist eigentlich mit der Kultur? Sebastian Pufpaff brach eine Lanze für all die (Klein)KünstlerInnen, die vom anhaltenden Auftrittsverbot betroffen sind. Die großen Häuser könnten ihre KünstlerInnen in Kurzarbeit schicken, die kleinen machen vielleicht nie wieder auf. Viele Kulturschaffende stehen vor dem Aus. "Wir können nicht alle einfach umsatteln", erklärte Pufpaff. Die Ankündigung Brauns, es würde ein Programm geben, dass Solo-Selbstständige mit bis zu 9.000 Euro unterstützen würde, sah der Kabarettist kritisch.
  • Wird es einen Impfstoff geben? Die anhaltende Frage nach einem Impfstoff kann erst beantwortet werden, wenn er da ist. Virologe Streeck gab zu bedenken, dass es gegen alle großen "Killer" keinen Impfstoff gibt. Ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität sei daher auch die Herdenimmunität. Die wird erreicht, in dem immer mehr Menschen eine Corona-Infektion erfolgreich durchstehen.
  • Ist Corona jetzt vorbei? Auch wenn es vielerorts in Deutschland so wirkt, als sei Corona vorbei, die Gefahr des Virus ist nach wie vor existent. Weltweit sterben viele Menschen daran. Deswegen seien auch alle im März getroffenen Maßnahmen richtig gewesen. Es würden sich sicher vereinzelt Diskussionen über die Verhältnismäßigkeit geben, aber klar ist, für Braun, dass am Grundkurs festgehalten werden muss. Das bedeutet auch: Mund-Nasen-Schutz und Abstandhalten sind nach wie vor der beste Schutz für die Gesamtbevölkerung.   

Es gibt Talks, da lernt man dazu. Oder regt sich auf. Und dann gibt es die, bei denen man sich im Anschluss fragt, was die eigentlich gebracht haben. Das Thema und auch die Gästeliste versprachen eine spannende Talkrunde mit neuen Erkenntnissen. Aber stattdessen füllte sich leider nur das imaginäre Phrasenschwein.


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