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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das war der Gipfel!

Autor Micky Beisenherz würde den nächsten G20-Gipfel am liebsten auf dem abgetrennten Eisberg in der Antarktis abhalten, um dort Trump den Klimawandel leugnen zu sehen. Über ein komisches Wochenende in Hamburg und die Frage nach der Schuld.

Maischberger

Der G20-Gipfel hallt nach: Eklat in der Talkshow von Sandra Maischberger

Dass man, wenn man mit dem Fahrrad zu einem Kindergeburtstag fährt, auf eine gewaltige Rauchsäule zufährt, links und rechts brennende passiert, während die Sirenen jaulen und Helikopter kreisen, erlebt man so auch nicht alle Tage.

Der -Gipfel ist vorbei, Trump längst abgereist, um mit Frankreich ein anderes Land zu befremden, und hier ist man auch Tage später noch mit der Frage beschäftigt, die in Deutschland wichtiger scheint, als die nach dem Sinn des Lebens: Wer ist schuld?

Bosbach spielt Boulevard-Theater für unentschlossene Wähler

Dies abschließend zu klären misslang Sandra Maischberger geradezu spektakulär und führte zu Schlagzeilen, die vor kurzem noch so unwahrscheinlich schien wie ein Gewissensbiss bei Markus Söder: "Bosbach verlässt Talkshow“. Da stellt sich natürlich gleich die Frage, wer das Sorgerecht erhält für Anne Will, Frank Plasberg und Maybritt Illner. Kubicki?

Das omnipräsente Hardliner-Maskottchen der CDU, dessen stilsichere Krawattenwahl meine Mutter zutiefst bewundert, sah sich durch die ebenfalls anwesende Linksramme Jutta Ditfurth dermaßen provoziert, dass er sich gegen Ende der Sendung genötigt sah, die Runde endgültig zu verlassen. Dem Gespräch mochte er ebenfalls nicht mehr beiwohnen.* Ja, Jutta Ditfurth ist in etwa so bequem wie eine Euro-Palette und hat es vor Jahren schon fertig gebracht, ebenfalls bei dafür zu sorgen, dass selbst die sonst so gelassene Nina Hagen die Kontrolle verlor.

Dennoch ist diese senile Talkflucht natürlich ein wenig lächerlich, hysterisch und irgendwie auch ein bissl Boulevardtheater für unentschlossene Wähler, die hier nochmal deutlich darauf hingewiesen werden sollen: "Guckt mal. Die Linken sind ein solch ideologisch verkorkstes Pack, dass schon Bosbach (!) eine Talkshow verlässt!"

Alles dumm für Martin Schulz

Möglicherweise wollte er auch einfach nur seinen Reich-Ranicki- Moment. Oder er musste dringend pinkeln und wusste nicht, wie er's verkaufen soll. Menschlich.

Gleichwohl hat die Linke natürlich ein echtes Problem, schaffen sie es doch nicht, sich geschlossen und glaubhaft von den Gewaltorgasmen des schwarzen Wochenendes zu distanzieren und verzetteln sich in "Die haben angefangen!"-Scharmützeln mit der , die zumindest in der potentiellen Wählermasse kaum jemand hören mag. Es gibt günstigere Konstellationen, als so kurz vor der Wahl ein "links" im Parteinamen zu tragen und plötzlich in den Fokus einer nationalen Sicherheitsdebatte zu rücken.

Dumm auch für Martin Schulz (ein Satz, der derzeit fast immer passt), auf den nicht nur der vermutete, ja, geradezu gefürchtete Koalitionspartner negativ abstrahlt, sondern auch , der als Bürgermeister eines SPD-geführten Landes in der Kritik steht. Zuletzt sah man den ehemaligen Goldjungen in einer Büßerpose, die ich seit den "Bitte verzeih mir“-Talkshows in Sat1 nicht mehr gesehen habe.

Alle haben Recht!

Dass die ganze Nummer eigentlich Angela Merkels Idee war, scheint zumindest niemanden so richtig zu jucken. Fast eine Woche. Und immer ist noch nicht klar: Wer ist schuld?

Gerade auch im Falle G20 lässt sich sehr schön beobachten, wie die Lager um die Deutungshoheit der "Hamburger Domplatte" ringen, als gäbe es in diesem Falle die alleingültige Wahrheit:

Demonstranten gut.
Demonstranten gewaltbereite Arschlöcher.
Polizisten gut.
Polizisten gewaltbereite Arschlöcher.
Das hat nichts mit Links zu tun.
Das hat sehr wohl mit Links zu tun.
Es wurde zu einseitig berichtet.
Es wurde zu einseitig berichtet.
Und alle haben Recht!

Als sei es immer so einfach. Wie viele Menschen trafen da noch gleich aufeinander? Natürlich weiß auch ich von Fällen, in denen friedliche Demonstranten oder Anwohner von Polizisten grundlos drangsaliert oder gar verprügelt wurden. Das ist beschissen und nicht hinzunehmen.

Genauso mussten sich Polizisten, die auch lieber woanders wären, im Dienst angreifen, bewerfen, sogar mit Stahlkugeln beschießen lassen, während sie auf Verstärkung warteten. Am letzten Wochenende sind so unglaublich viele Sicherungen durchgebrannt. Und die "Hamburger Linie" war bestimmt auch nicht förderlich, wenn es darum geht, friedlich geplante (was man ja nun nicht von allen behaupten kann) Demonstrationen, koordiniert zu begleiten.

"Macht kaputt, was Euch... Zumindest nicht gehört"

Bestimmt lässt sich sagen, dass ein "Sicherheitskonzept", das es zulässt, dass Eskalationstouristen aus ganz Europa anreisen, um aus der Schanze ihren persönlichen Anarcho-Abenteuerspielplatz zu machen, diesen Namen nicht verdient. Macht kaputt, was Euch... zumindest nicht selbst gehört.

In ihrer Bereitschaft, sich über die Freiheit und das Eigentum Anderer zu erheben sind die Idioten aus dem schwarzen Block und die Rechtsradikalen sich übrigens erstaunlich ähnlich. Und dass es keine Toten gegeben hat, liegt weniger in ihrem am Ende dann doch sensibleren Wesen begründet, denn in: Glück. Schlicht Glück. Lass eines der Gebäude Feuer fangen, einen Pflasterstein die falsche Stelle treffen, den Molotow-Cocktail zünden, und Du bist schnell bei Mord.


Was für asoziale Arschlöcher. Eigentlich nur gekrönt durch Andreas Beuth, der als Chefplaner der G20-Proteste noch Sympathien für diese Orgie bekundete, wenn auch im falschen Viertel. "Aber doch nicht hier bei uns, wo wir wohnen." Zumindest ein Beleg dafür, dass Linksautonome am Ende auch nur jämmerliche Spießer sind. "Find ich gut. Solange es nicht bei uns in der Nachbarschaft ist." Ähnliche Aussagen hört man sonst immer nur, wenn irgendwo Flüchtlingscontainer aufgestellt werden sollen.

"Ich fand das mit dem Saab schlimm"

Wobei das ja niemandem fremd ist: Der Nissan Micra der Krankenschwester wurde ja auch heftiger beweint als der brennende Cayenne. Muss ja irgendeinem reichen Arschloch gehört haben. Ich fand das mit dem Saab schlimm. So ein schönes Auto.

Also, wo stehen wir?

Offenkundig ist linke Gewalt kein aufgebauschtes Problem, sondern Realität. Der Furor, mit dem die politische Rechte allerdings aus der Deckung schießt, um mit einem giftigen SIEHSTE so zu tun, als sei der linke Terrorismus das viel zu lange gedeckelte Problem, wirkt dann auch irgendwie verzweifelt. Was machen eigentlich die "Dönermorde"? Und wie läuft's denn gerade in Sachsen? Globalismus, Extremismus, Aktionismus.

Scholz, der Versager, muss Fritten bei McDonald's servieren

Wie geht's jetzt weiter? Brauchen wir mehr Polizei? Zumindest darf Rainer Wendt sich jetzt wieder öffentlich äußern. Möglicherweise kann er dazu ja das Talkshow-Vakuum füllen, das Bosbach geschaffen hat. Wird die rote Flora jetzt umgehend plattgemacht, und es kommt ein Kindergarten rein? Warum nicht gleich ein McDonald's, um es den radikalen Kapitalismuskritikern direkt zu geben. Und, Scholz, der Versager muss die Fritten servieren!

G20 nie wieder in einer deutschen Großstadt? Ist Hamburg zu provinziell dafür? Oder wäre ein etwas weniger brisantes Viertel nicht schon ausreichend gewesen? Vielleicht halten wir den nächsten G20-Gipfel einfach auf diesem riesigen Eisberg ab. Platz genug hat er, es kommen nur die Demonstranten, die es wirklich ernst meinen - und Trump zu sehen, der von dort aus den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel leugnet, hat ja auch was.


G20 - für jeden etwas dabei

Es war ein komisches Wochenende. Eigentlich eine Miniatur der Welt: In einem millionenteuren Prunkbau lauschen die mächtigsten Menschen der Welt entspannt Beethoven, während "da unten" Autos brennen, die Gewalt in den Straßen eskaliert, begleitet von Sirenen und Helikoptern. Und nur wenige hundert Meter Luftlinie weiter sitzen ein Freund und ich in der Sonne, essen Steak, freuen uns über den autofreien Freitag und stecken dem Straßenmusiker aus einem Schwellenland ein paar Cent zu.

Zwei Tage später schon werden Tausende zu einer zerstörten Drogerie tingeln, um Fotos zu schießen, als handele sich um die zerstörten Tempel von Palmyra. Davor ein paar syrische Flüchtlinge, deren deutsche Betreuerin ihnen offenbar geraten hat, auch ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Aleppo noch im Kopf, knien sie neben enthusiasmierten Volksdorfern auf dem Kopfsteinpflaster und puhlen aus den Fugen mikroskopisch kleine Karma-Glassplitter, die die hervorragende Stadtreinigung übrig gelassen hatte, blicken auf den zerstörten Rewe-Markt und sehen ein, dass dieses Deutschland es auch nicht leicht hat.

G20. Da war für jeden was dabei.

*#Bodyshamning bitte in gesondertem Thread behandeln. Danke.

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