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Corona-Talk bei Maybritt Illner "Viele wollen nicht mehr angeben, wie sie sich angesteckt haben" – Ärzte sehen gefährliche Tendenz

Corona-Talk bei Maybritt Illner
Bei Maybritt Illner diskutierten die Gäste am Donnerstagabend über die neuen Corona-Maßnahmen, ihre Umsetzung und Auswirkungen
© ZDF / Svea Pietschmann
Bei Maybrit Illner drehte sich vieles um die Frage der Wichtigkeit der Gesundheitsämter in Zeiten von Corona. Bekommen wir durch die neuen Maßnahmen die Zahlen in den Griff, so dass die Kontaktnachverfolgung wieder möglich ist? 
von Andrea Zschocher

Tag Eins nach der Pressekonferenz der Bundesregierung zum Wellenbrecher-Shutdown und natürlich ist der auch bei Maybrit Illner das Thema der Woche. "Wie weit fährt Deutschland runter?", fragte sie ihre Gäste, obwohl es im Kern natürlich eher um die Verhältnismäßigkeit aber auch die Alternativlosigkeit der beschlossenen Maßnahmen ging.

Zu Gast bei "maybrit illner" waren:

  • Melanie Brinkmann, Virologin
  • Ute Teichert, Vorsitzende Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD)
  • Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident Saarland
  • Robert Habeck (Bündnis `90/Die Grünen), Parteivorsitzender
  • Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Kontaktnachverfolgung ist das A und O

"Viele können oder wollen nicht mehr angeben, wie sie sich angesteckt haben", erklärte Ute Teichert auf die Frage, wieso die Bundesregierung denn immer davon ausging, dass die meisten Infizierungen im privaten Umfeld stattfinden würden. Weil die Infiziertenzahlen inzwischen so hoch sind, kommen die Gesundheitsämter mit der Kontaktnachverfolgung auch nicht mehr hinterher und können folglich auch keine Infektionsketten nachvollziehen. Die Hoffnung ist nun, dass die neu beschlossenen Maßnahmen dies wieder möglich machen.

Denn eines der wichtigsten Werkzeuge in der Pandemie sei das Nachverfolgen von Kontakten, da stimmte auch die Virologin Melanie Brinkmann zu. Deswegen übten beide Frauen auch harsche Kritik an dem von Andreas Gassen vorgetragenen Alternativkonzept, dass die Ansteckungsverfolgung in die Aufsicht jedes Bürgers und jeder Bürgerin legte. Es müsse, so Teichert, weiter das Gesundheitsamt dafür zuständig sein, weil es sonst keine "Pandemiekontrolle" mehr gäbe. Alle, bis auf Gasser betonten, wie wichtig diese Kontrolle sei.

Die Disziplin fehlt

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, der sich kurz damit rühmte der einzige Arzt in der Runde zu sein (und dann von Ute Teichert eines Besseren belehrt wurde), erklärte in seinem Konzept, das laut seiner Aussage auch auf den Empfehlungen der Leopoldina beruht, dass die AHAL plus App-Maßnahmen eigentlich ausreichend seien. Problematisch ist, dass nicht alle die Disziplin haben, sich daran zu halten. Diese Aussage stieß auf allgemeine Zustimmung, es dürfte aber wirklich allen klar sein, dass wir uns in der aktuellen Lage befinden, weil sich eben nicht alle an alle Regeln halten. Die Gründe dafür sind individueller Natur, in der Gesamtheit sind sie gefährlich.

Wir brauchen Solidarität

Nicht nur Robert Habeck fragte sich allerdings, wieso wir überhaupt an diesem Punkt stehen? Wieso es nicht schon längst andere Konzepte gibt? Wurden die letzten Monate nicht optimal genutzt? "Niemand unterstellt Wurstigkeit oder Lässigkeit", so Habeck, aber es muss nun einfach besser werden. Denn die kommenden Monate seien für alle eine Herausforderung, auch, weil Depressionen und Vereinsamungsgefühle in den nächsten Monaten zunehmen werden.

Dem kann mit einem gestärkten Gemeinschaftsgefühl entgegengetreten werden. Aktuell droht das aber zu kippen, auch, weil einige die BürgerInnen auffordern, wachsam zu sein und Meldungen bei der Polizei zu machen, wenn sich mehr als zwei Haushalte privat treffen. "Vertrauen muss ein Wir-Gefühl erzeugen, kein Ich-Ich-Ich-Gefühl", so Habeck.

Zuversichtliche Virologin

Überhaupt sei in diesen Zeiten die Solidarität das, was uns durch diese Krise bringen wird. "Ja, Kontakte sind schlecht", sagte die Virologin und stern-Stimme Melanie Brinkmann. Sie ist aber guter Hoffnung, dass der Wellenbrecher-Shutdown den gewünschten und dringend benötigten Effekt erzielt. Es gäbe, sagt sie, nur blöde Wege, die man gehen kann in diesen Zeiten und deswegen sei es so wichtig, dass der November dafür genutzt wird, die Infektionen auch wirklich runter zu fahren.

Weitere Themenpunkte:

  • Mehr Schutz für vulnerable Gruppen Es herrschte Uneinigkeit bei diesem Thema. Andreas Gassen plädierte für FFP2-Masken für Risikogruppen, Tobias Hans hielt dagegen. "Es ist kein Leben unter der FFP2-Maske", sagte er und sprach sich dafür aus, dass alle BürgerInnen sich solidarisch verhalten und so die vulnerablen Gruppen ebenfalls schützen.
  • Weihnachten "Weihnachten ist nicht das Ende der Zeit", sagte Robert Habeck und warnte davor, dass nun alle im Wellenbrecher-Shutdown auf die Feiertage hin fiebern. Danach kämen noch vier mehr oder weniger dunkle Monate, in denen die Ansteckungszahlen wieder steigen könnten.
  • Die beschlossenen Maßnahmen Während Tobias Hans sich wünschte, es hätte schon vor zwei Wochen einschneidendere Maßnahmen gegeben, analysierte Habeck lieber die vergangenen Monate. "Der Tag gestern war ein Eingeständnis, dass die Maßnahmen nicht gewirkt haben." Es seien viele Fehler gemacht worden.

Diesmal nicht zu Lasten der Familien

Saarlands Ministerpräsident betonte, dass er die jetzigen Maßnahmen für "angemessen" hält. "Ich finde sie verhältnismäßig", erklärte er. Der Regierung sei es wichtig gewesen, nicht wie im Frühjahr, Familien so extrem zu benachteiligen, weswegen auch die Schulen und Kitas nicht geschlossen wurden. Was dann doch im Halbsatz anklang: Natürlich geht es bei dieser Entscheidung auch darum, dass die Wirtschaft weiter am Laufen gehalten werden muss. Mit Eltern, die zwischen Home-Office und Home-Schooling ins Burnout rutschen ist das aber nicht zu machen. Stattdessen wird nun das öffentliche Leben weitestgehend eingeschränkt. Es müsse aber klar sein, dass sich die Gesamtbevölkerung an die neuen Regelungen halten muss, weil nur dann die Maßnahmen überhaupt Wirkung zeigen können.


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