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TV-Kritik zu "Anne Will": Talk-Kampf mit Hitlers Schmieren-Stück

2015 laufen die Urheberrechte von Hitlers "Mein Kampf" aus, dann kann jeder das Pamphlet drucken und vertreiben. Ein Fakt. Rätselhaft nur, warum Anne Will dies jetzt zum Talk-Thema hochstilisierte.

Von Christoph Forsthoff

"Durch solch eine Diskussion entmystifizieren wir dieses Buch nicht, sondern mystifizieren es." Wie wahr, Wolfgang Herles! Ja, eigentlich hätte Anne Will an diesem Punkt die Diskussion beenden können, diese bisweilen unsägliche Talkrunde zu der arg konstruierten Frage "Hitlers ‚Mein Kampf‘ im Klassenzimmer - man wird doch wohl noch lesen dürfen?" Denn der ZDF-Kollege hatte das Problem auf den Punkt gebracht: Warum dieses "langweilige Buch" überhaupt zum Thema erheben? Doch da zu dem Zeitpunkt noch keine Viertelstunde der 75-minütigen Sendezeit verstrichen war, blieb natürlich nichts anderes übrig, als sich Hitlers Ergüssen weiter zu widmen. Und so nahm das Talk-Verhängnis seinen Lauf…

Denn das eigentliche Thema war rasch erledigt: Letztlich wollte keiner der Gäste eine Veröffentlichung wirklich untersagen ("es hilft in Zeiten des Internets überhaupt nichts, zu sagen, wir verbieten den Informationszugang", verdeutlichte Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, die Absurdität eines solchen Gedankens). Es ging lediglich um die Frage einer Publikation mit oder ohne Kommentar. Während der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis einen solchen gerade für Schulzwecke für sinnvoll hielt, meinte Herles, ein Vorwort genüge, denn "Mein Kampf" tauge noch nicht einmal als Quelle für eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus: "Hitler gibt immer an, er sei Bauarbeiter gewesen, dabei weiß jeder, dass er ein Penner gewesen ist." Und Beck hielt die Schüler ohnehin für "klug genug zu erkennen, was für ein Schwachsinn darin steht".

"Ein kabarettreifes Buch"

Eine Einigkeit, die Anne Will nun vor die Schwierigkeit der Fortsetzung der Diskussion stellte. Doch irgendwie hatte sie einen derartigen Verlauf wohl schon befürchtet und entsprechend bei der Gästeauswahl in der Hoffnung auf zusätzliche Reibungspunkte für zwei Antipoden gesorgt: zum einen die Familientherapeutin Gabriele Baring - zum anderen den Comedian Serdar Somuncu.

Und tatsächlich, die Rechnung ging zumindest in punkto Unterhaltungswert auf - und das nicht allein, weil sich die beiden immer wieder ins Wort fielen: Während erstere vor allem um sich selbst und ihre eigenen Forschungen kreiselte, die Deutschen zu einem Volk erklärte, "das besessen ist von der ‚German Angst‘" und eigentlich auch "Opfer" sei, ja sogar prophezeite, "dass dieses Land daran zugrunde geht, dass wir über die falschen Dinge reden", betrieb letzterer eine offensive Ego-Schau. Als Schauspieler hatte Somuncu über Jahre in Schulen und an anderen öffentlichen Orten aus "Mein Kampf" gelesen und das verquaste Geschreibsel ("ein kabarettreifes Buch") durch seine Rhetorik der Lächerlichkeit preisgegeben. Lobenswert, zweifellos - schade nur, dass der Mann sich nun offenbar nicht nur für einen Helden (dabei hatte sein österreichischer Kollege Helmut Qualtinger das gleiche bereits vor 40 Jahren gemacht), sondern auch noch für den einzigen Experten in Sachen Rechtsextremismus in der Gegenwart hielt.

Talk-Thema wird zur übergroßen Last

Ein Selbstbewusstsein, dem auch die Moderatorin kaum gewachsen war - statt die Diskussion zu führen, eröffnete sie also lieber noch ein paar weitere Themenfelder. Wodurch dann nicht nur der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung verlorenging, sondern auch noch eine unsägliche, neun Jahre alte Rede des ehemaligen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann neu hervorgekramt und die Frage nach Relativierung von Verbrechen gestellt wurde. Und die Sendung damit endgültig aus dem Thema lief.

Da half es auch nichts, dass Will der Journalistin Wibke Bruhns ein gutes Schlusswort attestierte, weil die es ablehnte, Hitlers Pamphlet in die Schulen zu bringen: "Es gibt genügend Literatur, die erzählen kann, was das für eine Hypothek ist, mit der wir leben müssen - denn wir alle werden diese Hypothek nicht los." Manchmal kann eben auch ein Talk-Thema zur übergroßen Last werden.