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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Gelber Engel im Büßerhemd

Retten, was zu retten ist: Der Präsident des angekratzten ADAC zeigt sich bei Günther Jauch reumütig. Zurücktreten will Peter Meyer aber nicht. Kritiker verlangen Neuordnung, sind aber nett zu Meyer.

Von Simone Deckner

Das Jahr hat gerade erst begonnen. Trotzdem muss man sich bereits von lieb gewonnenen Überzeugungen verabschieden: Etwa der, dass Alice Schwarzer ein besserer Mensch ist. Oder der, dass beim ADAC und seinen Gelben Engeln alles himmlisch läuft. Was kommt als nächstes? Marie-Luise Marjan gesteht: Ich haue Männer? Wem kann man überhaupt noch trauen?

Dieser Frage ging die Runde bei Günther Jauch nach - anhand der Causa ADAC: "Totalschaden ADAC - was ist das für ein Pannenverein?", hieß die Frage im "Manta, Manta"-Stil. Es geht hier schließlich nicht um einen Taubenzüchterverein, in dem sich ein paar liebenswürdige Hosenträger-Opis versammeln. Es geht um einen Giganten: Der Club zählt sagenhafte 19 Millionen Mitglieder. Jeder vierte Autofahrer in Deutschland trägt die gelbe Mitgliedskarte mit sich herum.

Der Schlingerkurs des ADAC begann vor drei Wochen. Da enthüllten Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" , dass es der Club bei der Wahl zum "Lieblingsauto der Deutschen" mit der Stimmauszählung nicht ganz so genau genommen hatte. Später kam heraus, dass die Helikopter, die eigentlich Schwerverletzte retten sollen, für so lebenswichtige Aktionen wie das Trockenföhnen eines Stadionrasens genutzt wurden. Seither werden fast täglich neue Verfehlungen bekannt. Zuletzt gerieten sogar die patenten Pannenhelfer tief in den Moral-Morast: Sie sollen Liegenbleibern teure Autobatterien aufschwatzen, weil sie dafür eine Provision bekommen.

ADAC-Präsident sieht seinen Verein "am Boden"

"Was ist bei ihrem Verein eigentlich los?", fragt Jauch angriffslustig. Und zwar einen, der es wissen muss: Peter Meyer, seit 2001 Präsident des ADAC, ehrenamtlich. Endlich sitzt mal wieder ein Kronzeuge in der Runde, nicht nur ein blasser Stellvertreter. Obwohl: Etwas blass um die Nase ist auch Meyer. Zu Jauch kommt der oberste Gelbe Engel im Büßerhemd.

Schon im ersten Satz signalisiert Meyer Reue: Im Präsidium sei man "tief betroffen über die Skandale", mehr noch: "Wir liegen wirklich am Boden." Dann kippt Meyers ins Politikerdeutsch, spricht von "Transparenz" und "kompletter Aufklärung". Man sei "vielleicht ein bisschen blind auf einem Auge" gewesen, weil jahrelang alles so problemlos lief, übt sich Meyer sogleich wieder in Selbstkritik. Externe Berater seien jetzt dabei, die ganze Struktur des Vereins auf den Prüfstand zu stellen: Meyer martialisch: "Wir werden die Axt ansetzen."

"Das Wort "Demut" hört man in solcherlei Zusammenhängen selten. Meyer spricht es aus. "Wir nehmen die Kritik mit Demut entgegen", sagt er. Der naive Mensch tief in einem drinnen möchte es glauben. Die Journalisten, die Meyer gegenübersitzen, bleiben skeptisch. Uwe Ritzer hat den Skandal in der "Süddeutschen Zeitung" ins Rollen gebracht. Für ihn lassen sich alle hausgemachten Skandale auf ein Kernproblem zurückführen: "Der ADAC ist ein Riesenkonzern ohne Konzernstruktur." Zu Meyer gewandt sagt er: "Sie müssen diese Struktur komplett umgraben, wenn sie wieder zurück wollen in die Glaubwürdigkeitsspur." Das ist Wasser auf die Mühlen von ADAC-Kritiker Ferdinand Dudenhöffer. Wie Ritzer prangert er an, dass der Club durch unzählige Tochterfirmen "jede Menge Geschäfte macht". Dass sei aber mit dem Status eines gemeinnützigen Vereins absolut nicht vereinbar. Mit dem Verkauf von Versicherungen, Reisen oder Finanzdienstleistungen habe der Club zuletzt 85 Millionen Euro Gesamtgewinn gemacht heißt es in einem Einspieler. Die Steuerlast dagegen: mickrig.

Ein Mitglied "bis zum Tod"

Die Journalistin Margaret Heckel will nicht nur über Zahlen reden. Sie erzählt von ihrem Vater, einem ADAC-Mitglied "bis zum Tod". Für ihn sei der Club "eine sehr vertrauenswürdige Institution" gewesen. Dieses Vertrauen sei "komplett verloren gegangen". Nicht nur beim kleinen Mann auf der Straße, sondern auch in der großen Politik. 19 Millionen Autoliebhaber verärgert kein Politiker ohne Not. Wenn der ADAC früher etwas wollte, spurten die Politiker. Beispiele? Gibt es so viele wie Autos im Elbtunnel am Freitag: Tempolimit, E-10-Benzin, Maut. Margaret Heckel prophetisch: "Diese Zeiten werden nicht mehr wiederkommen. Sie werden nie mehr so mächtig sein, wie sie mal waren." Meyer mag gar nicht groß dagegen halten, deutet an, man werde sich künftig politisch zurückhalten. Also: Bescheidenheit statt Protzerei? Smart statt Porsche?

Mit Zahlen hat es der Club nicht so

Ungläubige Blicke. Wie war das noch gleich mit der jährlichen Pannenstatistik des ADAC? Darin landen nur jene Fälle die über die ADAC-Hotline gemeldet werden. Das waren 2012 rund 168.200 Fälle. Ruft man aber direkt beim Autohersteller an, wird die Meldung gar nicht erst erfasst. Das betraf immerhin rund 140.000 Fälle. Meyer zu Jauch: "Wir haben nie behauptet, dass das eine repräsentative Statistik ist." Ach so. Halt nur so ein paar Zahlen zur Info veröffentlicht. Nur, dass der Club die Pannenstatistik seit den 70er Jahren als Top-Nachricht verkauft hat - wohl wissend, wie sehr das Ranking Käufer und Hersteller beeinflusst. Genau wie die manipulierte Wahl zum Lieblingsauto.

Meyers Kontrahenten behandelten den gefallenen Engel trotzdem überraschend höflich. Niemand wird laut. Alle dürfen ausreden, auch Meyer. Vielleicht wollen sie ihn, der mit seinem Club "wirklich am Boden liegt", einfach nicht noch weiter treten - wie einen alten Käfer, der nicht anspringt.

Klar ist: Der ADAC muss tabula rasa machen. Aber kann ein Neuanfang mit der alten Flotte klappen? "Müssen sie sich nicht fragen, ob sie zurücktreten wollen, weil es das beste für den Club wäre?" fragt Jauch dann auch. Meyer verneint. Kein Rücktritt jetzt. "Ich sehe meine Aufgabe darin, das wieder ins Reine zu bringen." Jenes "Das" - es ist ein ganz schön großer Schrotthaufen. Ob der ADAC tatsächlich noch mal die Kurve kriegt? Die nächsten Wochen werden es zeigen.