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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Und ewig lockt der Wulff

Günther Jauch hielt es für eine gute Idee, dem Bundespräsidenten eine weitere Talk-Sendung zu widmen. Dass die nicht völlig verschwendet ist, hatte er dem bebrillten Dauermeckerer Moritz Hunzinger zu verdanken.

Von Sophie Lübbert

Aufgeregt zupft Günther Jauch an seinen Moderationskarten. Es ist ein großer Tag für ihn: Schon die dritte Sendung zum Thema Wulff innerhalb weniger Wochen. Ein Jubiläum, das es zu feiern gilt, am besten mit richtig viel Dramatik und Krawall. Nur woher nehmen und nicht wulffen, wenn doch eigentlich alle schon längst die Nase voll haben von der Diskussion um Christians Kredit und Bettinas Ballkleider?

Jauch probiert es mit Provokation: "Wollen wir totale Transparenz?", ruft er ins Studio und wirkt dabei so leidenschaftlich wie ein Wackeldackel auf der Autorückbank, "oder ist Bundespräsident Wulff nur das Opfer einer Medienhatz?" Ein Variante der alten Frage, ob der Präsident im Amt bleiben darf. Alles schon gehört, alles schon diskutiert, Wulff immer noch da. Doch obwohl Jauch sich redlich bemüht, schafft er es nicht, die erwartbar langweilige Sendung abzuliefern.

Hunzinger hustet was der "spießigen Republik"

Ein lautes, böse klingendes Husten übertönt seine Worte und ein Herr mit runder Hornbrille schaut dazu ebenso böse in die Kamera. Moritz Hunzinger, ehemals PR-Berater von Rudolf Scharping und Kreditgeber von Grünen-Chef Cem Özdemir, ist da und randaliert. Die Affäre Wulff interessiert ihn wenig. Für Hunzinger ist nur eines wichtig: Hunzinger. Er will sich reinwaschen von früheren Vorwürfen ("Ich darf kurz ausholen"). Von der Anschuldigung, Özdemir habe einen unlauteren Kredit von ihm erhalten ("nur ein günstiges Darlehen") und Scharping sei wegen des Honorars aus seinem Haus zurückgetreten ("er hat sich zu der Zeit gerade beruflich neu orientiert").

Dann poltert er doch noch zum Thema Wulff los: "spießige Republik", "mehr mediterrane Contenance", "früher hätten wir uns damit eine Minute beschäftigt, dann wäre das weg gewesen". Hunzinger redet so aufgebracht, unterbrochen nur von Hustenanfällen, als habe ihm schon lange niemand mehr zugehört. Wohl aus gutem Grund. Trotzdem muss man ihm eins lassen: Er ist ungewollt unterhaltsam.

"Menschen brauchen Freunde!"

Gegen seine Tiraden kommen die anderen Gäste kaum an. Rita Süssmuth möchte wenig zu Wulff sagen, aber dafür umso mehr zur fehlenden Menschlichkeit in der heutigen Politik. Der ehrliche Umgang miteinander, der nehme ab, hat die Ex-Ministerin gemerkt. Dafür bringt sie aber auch gute Nachrichten: Nachdem sie selbst vor Jahren im Zentrum einer Dienstwagen-Affäre stand, – angeblich hatte den Fahrdienst auch ihr Ehemann benutzt – weiss Rita jetzt, was zählt im Leben: Freundschaft. Echte, nicht auf materielle Vorteile abzielende Freundschaft: "Menschen brauchen Freunde!", sagt sie und lächelt weise.

Das dringend benötigte Gegengewicht zu so viel Menschlichkeit bilden Internet-Aktivistin Anke Domscheit-Berg und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Die beiden diskutieren engagiert, wieviel Transparenz Politiker bei ihren Einkünften zeigen sollen. Domscheit-Berg findet: ganz, Kubicki findet: gar nicht.

Wobei sich beide dennoch einig sind: Die qualifizierten Arbeitskräfte gehen nicht in die Politik. Das liege am geringen Verdienst im Landtag, macht der FDPler das Problem aus. Domscheit-Berg zaubert sofort eine Lösung aus dem Hut: Mehr Frauen müssen in die Parlamente, die seien zuverlässig und integer sowieso.

Di Lorenzo kommt als Büßer

Dieses Thema gefällt dann auch dem letzten Gast in der Runde, "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Er ist eingeladen als Journalist, kommt aber als Büßer. Manche der Fragen an Wulff seien überzogen, gibt er zu, zeitweise habe die Berichterstattung übertriebene Züge angenommen: "Unsere Aufgabe ist es nicht, jemanden aus dem Amt zu schreiben." Außerdem sei die von Wulff an den Tag gelegte Schnäppchenjäger-Mentalität kein Normalfall: "Merkel würde nicht einmal ein feuchtes Tuch annehmen." Und schließlich geht es noch an di Lorenzos eigene Sünden: Auch er habe Fehler gemacht, gibt er zu.

Günther Jauch nickt wissend. Er kennt das, er macht auch Fehler. Einer davon: Eine weitere Sendung zum Thema Wulff. Zur Buße spricht er noch einmal den randalierenden Hunzinger an. Ob der denn Bundespräsident werden möge, fragt Jauch. "Nein", keift sein Gast, "dafür bin ich nicht geeignet." Besser wäre Hunzinger ohnehin als Dauergast beim Jauch-Talk aufgehoben – dann würde es wenigstens nicht langweilig.

  • Sophie Lübbert