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ZAPFENSTREICH: Der letzte Akt des Abgangs

Der Große Zapfenstreich dauerte dreißig Minuten, dann war die Karriere des Ministers Scharping entgültig beendet. Kanzler Schröder hatte ihm nicht einmal die Hand gegeben.

Der Kontrast hätte kaum größer sein können: Mit einem Großen Zapfenstreich, dem aufwändigsten militärischen Zeremoniell, das die zivile Bundesrepublik zu bieten hat, wurde Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) am Montagabend von der Truppe verabschiedet. Gleichzeitig zeigte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der mit Scharping lange Jahre in der Partei und fast vier Jahre im Kabinett eng zusammen gearbeitet hat, Scharping beim Empfang dazu die kalte Schulter und gab ihm nicht einmal die Hand.

Scharpings letzter Akt

Für Scharping war es der letzte Akt seines Abgangs als Minister. Vor zehn Tagen hatte Schröder ihn gegen seinen Willen entlassen, weil Scharpings umstrittene Verbindungen zum PR-Berater Moritz Hunzinger die letzte von mehreren Affären sein sollte. Nach dem beispiellosen Rauswurf hatte die Regierung Medienberichten zufolge zunächst sogar erwogen, Scharping als ersten Verteidigungsminister der Bundesrepublik ohne Großen Zapfenstreich gehen zu lassen. Sein Nachfolger Peter Struck (SPD) hatte aber bald klar gemacht, dass Scharping diese Ehre doch zuteil werden solle.

Struck zollt Scharping Dank und Respekt

Vor der Militärzeremonie hatte Struck zu einem Empfang geladen. Scharping fuhr noch einmal am Ministerium vor, das weiträumig abgesperrt war, vorbei an einem Dutzend älterer Demonstranten, die eine Entschädigung für radargeschädigte Soldaten forderten. Seine Lebensgefährtin, Kristina Gräfin Pilati, begleitete ihn nicht, entgegen dem beim Empfang verteilten Programm. »Dank und Respekt« zollte Struck in seiner ausführlichen, aber eher lustlos vorgetragenen Rede dem Amtsvorgänger, der steif neben dem Podium stand und leicht zu lächeln schien. Nur einmal am Schluss wich Struck vom förmlichen Sie ab und duzte den langjährigen Parteifreund.

Scharping sprach frei von der »Freude, der Bundeswehr und ihren Angehörigen dienen zu dürfen« und von »sachlichen Meinungsverschiedenheiten« in seiner Amtszeit. »Ich verabschiede mich von Ihnen - aber nur im Amt. Ich verabschiede mich nicht, was mein Denken und Empfinden betrifft«, sagte er zum Schluss.

Schröder hatte kein Wort für Schrping übrig

Schröder, der in der ersten Reihe der Zuhörer stand, applaudierte wie die anderen. Doch als Scharping das Podium verließ und auf die Zuhörer zutrat, ging er nicht auf ihn zu, um ihm die Hand zu drücken, sondern wandte sich sofort ab, sprach mit Abgeordneten und Industriellen, während die Spitzenmilitärs, Diplomaten und Abgeordneten Schlange standen, um Scharping ihre guten Wünschen mit auf den Weg zu geben. Demonstrativ zeigte sich Schröder mit Struck als seinem Verteidigungsminister der Gegenwart und - wenn die Wahl am 22. September es zulässt - der Zukunft. Für Scharping, den Mann der Vergangenheit, hatte er beim Empfang kein Wort übrig.

Stahlhelm und Marschmusik

Auf dem Paradeplatz hinter dem Ministerium standen Scharping und Struck Seite an Seite auf dem Podest, Schröder saß im Publikum, als mehrere hundert Soldaten mit Stahlhelmen zu Marschmusik einzogen und Fackeln in den Nachthimmel leuchteten. Einmal noch war Scharping Minister: »Herr Minister, ich melde:

Großer Zapfenstreich zu Ihren Ehren angetreten», sagte der Kommandeur des Wachbataillons, Oberst Leutnant Peter Utsch.

Dreißig Minuten dauerte die Zeremonie mit Trommelwirbeln, »Helm ab zum Gebet« und der Musik, die Scharping sich ausgesucht hatte: »Stars and Stripes« und die »Europahymne«, um die transatlantische und die europäische Einbindung der Bundeswehr zu zeigen, wie Struck sagte. Nach der halben Stunde war Scharping endgültig nicht mehr Minister: Utschs Abmeldung, »Herr Minister, ich melde den Großen Zapfenstreich der Bundeswehr ab«, schien nicht mehr an ihn, sondern an Struck gerichtet.

Als die Soldaten mit den Fackeln ausmarschiert waren, standen Struck und Scharping einen Moment im Dunkeln auf dem weiten Paradeplatz. Dann brauste eine Motorradeskorte heran, Struck reichte dem Vorgänger die Hand, das Publikum applaudierte kurz, Scharping verbeugte sich zum Dank. Dann stieg er in einen schwarzen Dienstwagen, der ihn zum Flughafen bringen sollte.

Markus Krah