VG-Wort Pixel

TV-Kritik von "Anne Will" Was wollen Wulff?


"Mein Haus, mein Auto, mein Zapfenstreich - was hat Wulff verdient", wollte Anne Will wissen. Jedenfalls nicht noch eine Talkshow, die sich mit seinen Verfehlungen beschäftigt.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Deutschland ist zwar Papst, aber vom Stuhl haut das auch keinen mehr. Tatsache ist auch, dass Deutschland momentan kein Sommermärchen hat. Autogehupe, Fahnenmeere, alles weit, weit weg. Und wenn die Welt zu Gast ist, ist sie dann überhaupt bei Freunden zu Gast? Glaubt man Moritz Hunzinger so steht es gerade schlecht um unser Land. "Neidisch, hämisch, missgünstig", urteilte der PR-Berater im ARD-Talk bei "Anne Will" über die Deutschen und appellierte in Oberlehrer-Manier: "Wir müssen uns wieder richtig benehmen."

Gemeint ist: Schluss mit dem Lamentieren über den gescheiterten Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff. Stattdessen, so Hunzinger, "mediterrane Contenance". Deutschland müsse wieder ein "Land der guten Laune" werden. Steht es wirklich so schlecht um uns? Hat uns das Wulff-Debakel denn so sehr zugesetzt? Stecken wir deshalb womöglich in einer kollektiven Depression?

Wollte man überhaupt eine Diagnose wagen, könnte man wohl am ehesten von einer gewissen Zwanghaftigkeit sprechen, Wulff wieder und wieder zu thematisieren - wofür allerdings der Protagonist selbst in hübscher Regelmäßigkeit sorgt. Die Will-Redaktion fühlte sich diesmal inspiriert von Wulffs Abschiedsgetöse und warf deshalb die Frage in die Talkrunde: "Mein Haus, mein Auto, mein Zapfenstreich - Was hat Wulff verdient?"

"Jetzt rutscht es in Untiefen"

Schon mal vorweg: Einig war und wurde man sich nicht. Die Gemüter waren teilweise so erregt, dass aufgebrachtes Durcheinandergerede immer wieder aufbrannte. Auch vor persönlichen Angriffen wurde nicht zurückgeschreckt. Insbesondere Moritz Hunzinger teilte mit Vorliebe aus und hatte sich dabei besonders auf den Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge eingeschossen. Dass so einer, wie Hunzinger sich echauffierte, auf Studenten losgelassen würde, sei ohnehin schon schlimm genug. Dann kam er darauf zu sprechen, dass Butterwege von den Linken als Kandidat für das Präsidentenamt vorgeschlagen worden sei und holte zum großen Schlag aus: "Zwischen Linke und NPD sollte kein Unterschied gemacht werden", echauffierte sich Hunzinger, das sei dasselbe. Prompte Buhrufe aus dem Publikum. "Jetzt rutscht es in Untiefen", kommentierte Anne Will und lenkte vom wohl brisantesten Moment dieser Sendung sofort weg.

Zurück zu Wulff. Der ehemalige NDR-Chefreporter Christoph Lütgert sagte, er habe bis zuletzt gehofft, dass der ehemalige Bundespräsident endlich ein Gefühl für das bekommen würde, was angebracht sei. Er hätte besser auf den Zapfenstreich verzichten sollen. Das befand auch Politikberater Michael Spreng, der den Zapfenstreich ein "anachronistisches Ritual" nannte. Die deutsch-türkische Buchautorin Melda Akbas, mit ihren 20 Jahren sowieso in einer anderen Generation zu Hause, schloss sich ihren Vorrednern an, sagte, die geplante Abschiedszeremonie sei "nicht passend für unsere heutige Zeit". Uwe Wesel wies darauf hin, zwischen Amt und Mensch zu unterscheiden. "Es reicht langsam, auf diesem Menschen herumzutrampeln", sagte der Rechtwissenschaftler. Mit dem Zapfenstreich könne man Wulff seine Würde zurückgeben, die laut Grundgesetz schließlich jedem zustünde.

Müdigkeit in der Wulff-Debatte

Und was ist mit dem Ehrensold? "Ein alter Zopf, der längst abgeschnitten gehört", sagte Butterwegge. Die Will-Redaktion unterfütterte die Ehrensold-Debatte mit einem Trailer: Da Wulff, der nach eineinhalb Jahren 199.000 Euro Ehrensold bekommen soll. Dort eine Schlecker-Mitarbeiterin, die nach 20 Jahren im Job bei Hartz IV landet und nicht weiß, wie sie die Miete bezahlen soll.

Wulffs Verfehlungen zum x-ten Mal abzuarbeiten, lag allen fern. Eine gewisse Müdigkeit, oft gehörte Argumente rauszukramen, machte sich breit. Für Christoph Butterwegge lag der Hase ohnehin woanders im Pfeffer. Das Enttäuschendste an Wulff sei, dass er als "Politiker der sozialen Härte und Kälte" agierte habe. Einer, der sich nicht für sozial Benachteiligte interessiere, sondern sich lieber den Reichen und Schönen andiene. Das Stichwort von Hunzinger aufgreifend, sagte er: "Unser Land kann nur an Laune gewinnen, wenn es den Menschen sozial gut geht." Die Diskussion über Wulff lenke ohnehin nur von den wesentlichen Problemen hierzulande ab und sei, so vermutete Butterwegge, ohnehin gezielt gesteuert. Wer aber steuert da? Wesel brachte die Presse auf die Anklagebank und redete damit denjenigen Mund, die glauben, Wulff sei nichts weiter als ein Medienopfer. Journalisten, so Wesel, seien in Kompaniestärke angetreten, um ihn aus dem Amt zu bringen. Lütgert sprang sofort für seine Branche in die Breche. Es gehe nicht an, gute Recherche zu diffamieren.

Talkgäste als Berufsberater für Wulff

Wulff - quo vadis? Welche Zukunft steht dem Bundespräsidenten a.D. nun bevor? Die Talkgäste versuchten sich als Berufsberater. Einig war man sich darin, dass Wulff am besten erstmal von der Bildfläche verschwinden solle, am besten rund zwei Jahre lang. Von vorzeitigen Comeback-Versuchen wurde abgeraten, Wulff solle es bloß nicht Guttenberg gleichtun und mit Giovanni di Lorenzo einen Bestseller initiieren. Tritt Wulff dann wieder aufs Parkett, müsse unbedingt eine neue Agenda her. Die besten Chancen hätte Wulff wohl, wenn er seine viel diskutierte Äußerung "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland" ausbaue und für sich zum Thema mache. Wenn er sich da richtig reinkniee, dann könne Wulff, so sagte Spreng, die Rolle eines "Anti-Sarazzin" übernehmen.

Zu hoch gegriffen, befand Butterwegge, denn erstens sei der Satz einfach logisch, er sei schlicht Lebenswirklichkeit. Zudem bezweifle er, dass Integration eine Herzensangelegenheit Wulffs sei, denn er habe nach seinem Satz nicht mehr nachgelegt, geschweige denn auch brisantere Themen aufgegriffen wie die Situation der Flüchtlinge in Deutschland. Mehr aber als auf Wulff, so Wesel, sollten die Augen nun auf den kommenden Bundespräsidenten gerichtet sein: "Gauck ist intelligenter als Wulff." Und er sei, auch das sei ein Vorteil, nicht bekannt für gute Verbindungen zur Wirtschaft, sondern für eine gute Verbindung zum lieben Gott. Amen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker