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TV-Kritik zu "Hart aber fair" Ich bin Arzt, lassen Sie mich in Ruhe!


In unseren Krankenhäusern wird teilweise gepfuscht und vertuscht, dass es fast schon kriminell ist. Wie schlimm es wirklich ist, wusste ein Betroffener bei "Frank Plasberg" zu berichten.
Von Mark Stöhr

Wenn eine Runde, die eigentlich zum Debattieren zusammengekommen ist, unisono bedröppelt guckt, ist was faul. Faul am System. Dann muss ein Problem an der Wurzel angepackt werden. Dann muss ein Pakt her über alle Interessengrenzen hinweg. Immerhin reden wir über unsere Gesundheit!

Tausende Deutsche im Jahr gehen krank ins Krankenhaus und kommen richtig krank wieder raus. Diagnose: Ärztepfusch. Theodor Windhorst, der Vorsitzende der Bundesärztekammer, selbst Arzt, will die Patzer seiner Kollegen bei Frank Plasberg anders nennen: "Kunstfehler". Das klingt ein bisschen nach verwirrtem Professor, ein bisschen auch nach Pech gehabt. "Kunst kann man nicht kritisieren", hält Wolfgang Putz, ein Anwalt für Medizinrecht, dem deutschen Oberarzt entgegen. Aber geht es ganz ohne Künstler im Operationssaal, die was riskieren, manchmal eben auch das Scheitern?

Der Mann, dessen Geschichte alle Anwesenden zum Verstummen brachte, heißt Ralf Wolf. Er erhielt mit 15 Jahren die Nachricht, dass er Lymphdrüsenkrebs habe. Ihm wurde die Milz entfernt, es folgten eine Chemotherapie und eine Reihe von Bestrahlungen. Dabei wurde das Gewebe im Rückenbereich so zerstört, dass sich die Muskeln zurückbildeten. Wolf kann den Kopf seitdem nur mit Mühe oben halten.

Nach einem halben Jahr wurde die Behandlung beendet. Der Krebs sei gestoppt, hieß es, aber Wolf sei damit nicht für immer geheilt. Ihm wurde eingebläut, auch beim kleinsten Schnupfen nicht den Hausarzt aufzusuchen, sondern immer gleich die Klinik. Wolf hielt sich jahrzehntelang daran, bis er einmal doch beim Allgemeinarzt war. Und der fand einen Vermerk in der dicken Krankenakte, der besagte: Wolf hatte nie Krebs. Es war eine Fehldiagnose. Seit acht Jahren tobt nun ein Rechtsstreit.

Defensiv-Medizin bringt keinem etwas

Windhorst, der Ärztechef, war ehrlich mitgenommen. Er benutzte sogar das P-Wort ("In diesem Fall muss man in der Tat von Pfusch sprechen") und bot seine Hilfe als oberster Funktionär an ("Geben Sie mir die Namen der behandelnden Ärzte"). Er verzichtete ohnehin auf das übliche Lobbyisten-Getrommel, weil er schlau genug ist, zu wissen, dass das Thema dafür zu sensibel ist. Aber einen Hieb in eigener Sache konnte er sich dann doch nicht verkneifen: Wenn in Deutschland amerikanische Verhältnisse einziehen sollten - Klagewellen gegenüber den Krankenhäusern also -, würde sich kein Arzt mehr an Risikooperationen wagen. Windhorsts Warnung: "Dann leisten wir nur noch Dienst nach Vorschrift."

Die Vermeidung von riskanten Eingriffen nennt man in Fachkreisen "Defensiv-Medizin". Sie bringt keinem was. Nur wie kann man das System reformieren, ohne dass der Patient der Dumme ist oder der Arzt nichts mehr tut? Mit Transparenz statt Vertuschung. Windhorst sprach von einer "anderen Fehler-Kultur", die nötig sei, Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, brachte den Begriff "Fehlermanagementsystem" auf. Gemeint ist ungefähr dasselbe: Ärzte, die offen eine Fehlleistung zugeben, dürfen nicht mehr von ihrem eigenen Apparat unter Druck gesetzt und im schlimmsten Fall aussortiert werden. Das ist heutzutage offenbar mehr die Regel als die Ausnahme. In unseren Krankenhäusern herrscht also nicht nur ein prima Klima für Keime, wie es scheint, sondern auch für Kollegen-Mobbing. Beides nicht die Nachrichten, die man als Patient gerne hört.

Das eigene Todesurteil im offenen Briefumschlag

Und ungern bekommt man als Patient vom Arzt in einem offenen Umschlag sein Todesurteil in die Hand gedrückt. Plasberg zeigte den schier unglaublichen Vorfall in einem Einspieler. Der besagte Umschlag war für den Hausarzt bestimmt, natürlich warf der Patient einen Blick hinein, googelte die hingekritzelte Diagnose - Glioblastom, eine der bösartigsten Tumorarten - und erfuhr somit nicht vom Arzt, sondern von Wikipedia: Er hat nur noch ein paar Monate zu leben.

"Skandal!", rief da Theodor Windhorst, bevor es ein anderer rufen konnte, und brachte einen neuen Begriff ins Spiel: "Zuwendungsmedizin". Der bezeichnet die persönliche Betreuung des Patienten durch den Arzt. Dafür fehle es in der industrialisierten Versorgung, so Windhorst, schlichtweg an Personal und an Zeit. Also an Geld.

Das wird, das sagte der Ärztepräsident nicht, zum Teil lieber für langwierige Gerichtsverhandlungen aufgewendet, die der Ärzteschaft ihre weiße Weste retten sollen. Ralf Wolf, der Nicht-Krebspatient, kann ein Lied davon singen. Er wurde im Laufe des Prozesses vom gegnerischen Anwalt als "Schrottimmobilie" bezeichnet, sprich, er ist nur noch Ramsch und keine Entschädigung mehr wert. Dieser Anwalt vertritt wohlgemerkt einen Arzt, der vor 37 Jahren eine schlichte Katzenallergie für Krebs hielt. Die Medikation, die erforderlich gewesen wäre: zwölf Penicillintabletten.


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