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TV-Kritik zu "Helge hat Zeit": Reden ist Silber, Schneider ist Gold

Helge hat Zeit? Von wegen. Der Meister der tiefsinnigen Sinnfreiheit verlor sich in seiner ersten Talkshow gar nicht erst im Gespräch - und schaffte es doch, grandios zu unterhalten.

Von Christoph Forsthoff

Reden in einer Talkshow? "Nein, du musst nicht viel reden - wir haben Zeit", beruhigt Helge Schneider Autorin Sibylle Berg. Hat ja ohnehin niemand ernsthaft erwartet, dass die sinnierende Herrentorte ihre Gäste wirklich befragen oder gar mit ihnen in einen Dialog treten würde, als der WDR verkündete, auch der Mühlheimer würde nun unter die Talkmaster gehen. Denn wenn der Meister des (scheinbar) Banalen die Bühne betritt, kann nur einer im Mittelpunkt stehen - und das ist er selbst.

Insofern ist hier Nomen tatsächlich mal Omen, nimmt sich das Nonsensgenie alle Zeit der Welt für seinen Klamauk und drapiert die Gäste passend drum herum. Lässt sich von seinem angestammten Teekoch Bodo Oesterling den einen oder anderen Schluck kredenzen, um ihn dann wie üblich mit einem barschen "Sitz!" oder "Weg!" wieder von dannen zu scheuchen. "Wenn man ganz reich ist, kann man sich Teeköche leisten." Selbst der Konter Bergs, sie habe drei Teeköche zu Hause, nackt und "mit großen Dödels", vermag den Gastgeber nicht aus der Ruhe zu bringen: "Das ist ja ein Wort, das man selten hört im Fernsehen…"

"Was sind schon zwei Häuser gegen keins?"

Nun, auch solche Meister des höheren Unsinns sieht man selten im Fernsehen. Viel zu selten, denn natürlich macht sich der Jazzer mit der Liebe zum großartig verdrehten Wortunsinn dabei nicht einen Augenblick lang zum Affen. Selbst wenn der 57-Jährige nach einem herrlich kruden Gespräch mit Berg über den menschlichen Arschloch-Faktor, Reichtum ("Was sind schon zwei Häuser gegen keins?") und den Tod zum Abschied der Autorin und ihrem Werk noch ein "Ich hab's mir ja auch ganz schön einfach gemacht, aber ich werde das Buch jetzt lesen" mit auf den Weg gibt.

Denn die Dramaturgie dieses Abends in plüschiger Wohnzimmer-Studiokulisse bestimmt allein der Mann am Klavier. Oder an der Trompete. Oder an der Schweineorgel... und unterstreicht einmal mehr, dass er bei allem Unsinn vor allem ein Vollblutmusiker ist. Im Trio mit Bassist Rudi Olbrich und Schlagzeuger Willy Ketzer ebenso wie als Begleiter der Beatbox-Künstlerin Butterscotch oder Sandra Hüller, die den Jazz-Klassiker "It’s oh so quiet" anstimmt. Was der Schauspielerin auch weitaus besser gelingt, als das Nichtgespräch mit dem Moderator: Nicht jeder verfügt eben über die nötige Schlagfertigkeit, wenn Schneider der Ostdeutschen en passant erklärt, da sie ja aus der DDR käme, hätte man heute extra "viele Leute angekarrt aus der DDR".

"Gut Helge, schön, dass du da warst"

Zwischendurch schlüpft Helge noch für ein Interview mit Alexander Kluge alias Bodeo Oesterling in die Rolle des Jubilars Günther Grass und fasst dessen verunglücktes Israel-Gedicht mit einem einzigen Satz treffend zusammen: "Wenn Sie so wollen, kann ich 170 Jahre alt werden, und es ist nicht alles geschrieben, was zu schreiben ist", begrüßt den lieben Gott persönlich, der in den Händen der Puppenspielerin Suse Wächter "Marmor, Stein und Eisen bricht" röhrt und gibt dem Klanginstallateur Simon Rummel Platz für eine raumfüllende Zimmererarbeit in F-Moll. Und selbst als am Ende der Kollege Kurt Krömer ihm vorwitzig das Regieheft aus der Hand nehmen will - "Gut Helge, schön, dass du da warst, willst du noch ein Buch vorstellen?" - fängt ihn Schneider gekonnt ab: "Jetzt habe ich mal versucht, so ein bisschen zu sein wie du - du bist immer so keck…"

Ob das Ganze Sinn macht? Was der Wortakrobat uns da eigentlich zwei Stunden lang erzählt hat? Am Ende ist das wie immer "Fitze-Fatze" - was zählt, ist allein die hohe Kunst der absurden Groteske. Und die schmerzende Lachmuskulatur.

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