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TV-Kritik zu "Polizeiruf 110": Ein Reigen geplatzter Träume

Maria Simons Debüt als neue "Polizeiruf 110"-Kommissarin Olga Lenski ist ein ruhiger, aber mysteriös spannender Krimi mit viel traurigem Personal.

Schon wieder ein Jubiläum bei den Premium-Sonntagskrimis im Ersten. Der "Polizeiruf", einziges fiktionales Ost-Format, das die Wende bis heute überlebte, wird am 27. Juni 40 Jahre alt. Am Vorabend gibt es schon mal eine neue Kommissarin als Geschenk. Maria Simon, die sich immer mehr zur Fachkraft für diffizile Fernsehfrauen entwickelt, debütiert als Kommissarin Olga Lenski. An ihrer Seite: der urwüchsige Brandenburger Polizist Krause (Horst Krause), der es inzwischen bereits mit der vierten Chefin zu tun bekommt. Fall eins des ungleichen Duos erzählt von einem verschwundenen Kind und vielen geplatzten Lebensträumen. Ein ruhiges, aber starkes Debüt, das am Ende leider eine hastige Blitzauflösung erfährt.

Die fünfjährige Michelle verschwindet von einem Spielplatz in der Nähe Potsdams. Die Kindergärtnerin, welche die Aufsichtspflicht hatte, ist fertig mit den Nerven. Polizeihauptmeister Horst Krause findet vor Ort keinerlei Hinweise auf den Verbleib des Mädchens. Als Michelles Mutter (Valerie Koch) informiert wird, versucht sie sich das Leben zu nehmen. Zeitgleich beginnt Krauses neue Chefin Olga Lenski (Maria Simon) den Dienst in der Potsdamer Dienststelle. Ihre Kollegen wundern sich, warum die intelligente und toughe junge Frau einen karriereträchtigen Job im Wiesbadener BKA kündigte, um in ihre alte Heimat zurückzukehren.

Keine Zeit für Details

Für den Begrüßungssekt oder gar Details zu Lenskis Lebenssituation bleibt jedoch keine Zeit. Die neue Ermittlerin muss die Zelle des nicht in die Haft zurückgekehrten Freigängers Felix Driest (Tom Schilling) inspizieren. Der stellt sich überraschend als der Bruder von Michelles Mutter heraus. Bald taucht Driest heimlich an seinem alten Arbeitsplatz auf, einem astrophysikalischen Institut. Dort hat der Mann offensichtlich noch eine alte Rechnung zu begleichen. Fortan ermitteln Lenski und Krause auch im Wissenschaftsmilieu. Hat etwa der renommierte Forscher Ulrich Oppmann (Burghart Klaußner) etwas mit dem verstrickten Fall zu tun?

Autor und Regisseur Bernd Böhlich schafft es, die Zusammenhänge und das Geheimnis dieses Krimis lange und gekonnt in der Schwebe zu halten. Über sämtlichen Figuren scheint eine bleierne Schwere zu liegen. Ein tiefer Lebensschmerz, der sich in Aggression gegen andere oder sich selbst ausdrückt, oft aber einfach in traurigem Schweigen verharrt. Einem Reigen gleich wird es von Protagonist zu Protagonist weitergegeben.

Weil der Fall spannend ist und die Figuren echt wirken - auch dank der hochklassigen Besetzung - tritt nie eine Derrick-artige, kühle Atmosphäre der Künstlichkeit ein. Auch Maria Simon, die Imogen Kogge nachfolgt, überzeugt als keck-schweigsame Kommissarin, von der man sicher noch einiges an Glanzstücken erwarten darf. Einziges Manko dieses Krimis, das ihn um eine Spitzenbewertung bringt: Offenbar stellte man beim Drehbuchschreiben recht spät fest, dass die 90 Minuten fast um waren - weshalb eine etwas hastige Blitzauflösung am Ende die Antwort auf allen Fragen liefern muss.

Eric Leimann/Teleschau / TELESCHAU