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Maria Simon als neue "Polizeiruf"-Kommissarin: Mit Babybauch in Brandenburg

Maria Simon gehört zu den wenigen deutschen Schauspielerinnen, die ihren Filmen ganz ungekünstelt ein Geheimnis verleihen können. Umso überraschender, wenn einem die neue "Polizeiruf 110"-Kommissarin im Gespräch als flüchtiges Schwebewesen begegnet.

Zum Einstieg setzt es eine nicht angekündigte Schauspieleinlage. Nach abgelehntem Händedruck zur Begrüßung - eine deutsche Unart, wie man hört - bewundert und tätschelt Maria Simon ein Hündchen unter dem Tisch. Als man schon dem Besitzer hinterherrennen will, der das Tier im Interviewraum vergessen hat, entlarvt die Schauspielerin das Kurzstück als einen ihrer Ausflüge in assoziative Parallelwelten. Der Hund existierte nur zur Demonstration verletzter Hygieneregeln. Dass man dem Ganzen aufgesessen ist, sagt jedoch viel über Maria Simon aus: als Schauspielerin versteht sich die 35-Jährige auf eine eindringlich überzeugende Präsenz. Im Reden über ihre Arbeit zeigt sich die bald vierfache Mutter jedoch als seltsames Schwebewesen - irgendwo zwischen Hippie-Romantik und Kommunikationsverweigerung.

Maria Simon ist schwanger - was allein keine Sensation ist. Für die 35-jährige Schauspielerin, die gerne mit Berliner Schnauze spricht, ist es jedoch schon das vierte Kind. Eine erstaunliche Fruchtbarkeitsquote für eine viel beschäftige deutsche Actrice, die mit ihrem Mann Bernd Michael Lade ein eher bodenständiges Leben in Berlin-Pankow pflegt und nicht über ein Heer von Nannys gebietet.

Zwei Söhne mit Bernd Michael Lade

Die Gleichung 'Kind gleich Karrierekiller' gilt für die neue "Polizeiruf 110"-Kommissarin also nicht? "Es geht doch letztlich darum, was man selbst spürt und was einem wichtig ist", sagt sie. "Familie und Kinder machen uns glücklich. Dadurch können wir auch ganz anders und professionell diesen Beruf ausüben. Natürlich ist das bei uns immer etwas chaotisch, aber so wachsen die Kinder eben auf. Da ist es normal, wenn Mutter oder Vater eben mal eine Weile weg sind."

Maria Simon wurde bereits 1998 als Schauspielstudentin Mutter eines Sohnes. Der Vater: Kommilitone Devid Striesow. Zwei weitere Söhne aus der Beziehung mit Bernd Michael Lade wurden 2005 und 2007 geboren. Für Schlagzeilen sorgte ein Interview Maria Simons mit der "Bild"-Zeitung vor einigen Monaten, das die Überschrift "Neue Polizeiruf-Rolle rettet ihre Familie" trug. Darin weist die Schauspielerin branchenunüblich offen darauf hin, dass sie und ihr Mann finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet leben.

"Von einem Film im Jahr kann ein Schauspieler nicht leben"

"Ich fand es wichtig, da mal Stellung zu beziehen. Mein Mann hat seinen Job beim 'Tatort' verloren. Der 'Tatort' wird immer wiederholt. Die Leute denken, da kriegt man Kohle - aber Pustekuchen. Von einem Film im Jahr kann ein Schauspieler nicht leben. Und beim Arbeitsamt fällt man durch, weil man als selbstständiger Filmschaffender in zwei Jahren 365 Tage versichert gewesen sein muss, um Arbeitslosengeld zu bekommen. Das schafft kein Mensch."

Immerhin - anderthalb Filme pro Jahr hat Familie Simon-Lade nun schon mal sicher. Als neue "Polizeiruf"-Kommissarin wird Maria Simon drei Filme in zwei Jahren drehen - so der Plan des produzierenden Senders RBB. In der Auftaktfolge lernt man Maria Simon als junge Kommissarin Olga Lenski kennen. Olga - so wie der Name von Maria Simons Mutter, die aus Kasachstan stammt. Vater Simon lernte sie während seines Mathematikstudiums in Leningrad kennen.

Mitgeredet hat Maria Simon bei der Entwicklung ihrer Ermittlerin schon, sagt sie - auch wenn sich ihre Wünsche für die Figur vor allem auf das Bewahren von Geheimnissen bezogen: "Ich wollte vor allem einen vorsichtigen Einstand, bei dem nicht zu viel über diese Frau erzählt wird. Das gibt mir die Möglichkeit, in sie hinein zu wachsen - ohne dass ich mir gleich zu Beginn Steine in den Weg lege."

Olga Lenskis erster Fall, "Die verlorene Tochter", ist ein lange geheimnisvoller und schwerer Fernsehkrimi mit viel traurigem Personal. Ein durchaus verheißungsvoller Einstand für Simon, die in ihrer Rolle ähnlich präzise agiert, wie in vielen ihrer Arbeiten der letzten Jahre: als Militärpolizistin im preisgekrönte Bundeswehr-Krimi "Kongo" beispielsweise, im Vergewaltigungsdrama "Es war einer von uns" oder jener Titelepisode des Kinofilms "Nichts als Gespenster", in der sie als Partnerin von August Diehl eines der beeindruckendsten Beispiele vom Schweigen eines zerfallenden Liebespaares abliefert seit Jean Luc Godards "Die Verachtung".

Maria Simon ist eine Subtext-Schauspielerin. Immer glaubt man, in ihren Figuren mehr zu erkennen, als die eigentliche Handlung hergibt. Fast scheint es, als imitiere ihre Arbeit echtes Leben mitsamt seiner irritierenden Widersprüche - eine selten gewordene Schauspielerqualität im deutschen TV - dem Reich von Reißbrettcharakteren und effizienzoptimierten Drehbüchern.

Im zweiten Lenski-Fall, der im Mai 2011 gedreht wurde, ist Maria Simon dann schon sichtbar schwanger. Da im November das Baby kommt, will die Schauspielerin nun eine kleine Pause einlegen. Wie die Schwangerschaft in die Handlung integriert wird, ist derzeit noch geheim - schließlich wird die Kommissarin in Fall eins als höchstwahrscheinlicher Single eingeführt. "Dass Olga Lenski schwanger ist, spielt in der Handlung einfach so mit. Dazu fallen mir 1000 Geschichten ein, wie das passiert sein könnte. Es ist aber mit Sicherheit nicht Zentrum der Handlung, was mir auch wichtig war."

Sie interessiert sich für Homöopathie

So präzise wie Maria Simon ihre Arbeit abliefert, so vage und fast abweisend erscheint sie, wenn es gilt, über diese Arbeit zu reden. Dinge wie, dass das alles ja nur ein Job ist, der vielleicht auch irgendwann ein anderer sein wird, hört man dann von ihr. Irgendwann will sie vielleicht in Pflanzen und Kräutern machen. Homöopathie interessiere sie, aber die Heilpraktikerprüfung abzulegen, wozu sie sich schon mal die Unterlagen schicken ließ, dazu fehle auf absehbare Jahre die Zeit. Auch, dass man dankbar sein müsse für das, was einem das Leben schenkt.

Wobei sie mit der letzten Aussage vor allem die Familie und nur ein klein bisschen ihre Rollen meint: "Ich versuche, den Druck aus meinem Leben raus zu lassen und mir dieses Gefühl bewusst abzutrainieren. Das ist doch nur negativ. Dann bin ich schlecht gelaunt, was sich auf meine Kinder, meinen Mann auswirkt - und auf den schönen Tag. Und plötzlich hört man die Vögel nicht mehr singen."

Keine Hand, kein Hund


Nur dann, wenn man Maria Simon direkt fragt, ob sie auch gut ohne ihren Beruf leben könnte, bekommt man ein kleines Plädoyer zu hören: "Schauspielen ist ja nicht nur Texte auswendig zu lernen. Es erfordert absolute Konzentration, Disziplin, Energiehaushalt, Körperkenntnis. Ich lerne dabei unglaublich viel über das Menschliche. Das ist immer noch ausreichend für mich. Es ist ein ständiges Philosophieren, Infragestellen. Vielleicht bin ich damit irgendwann am Ende. Momentan hilft es mir persönlich, ein Yedi zu sein - also geerdet und gut. Ich möchte schon ein guter Mensch sein. Und irgendwann ist es vielleicht etwas anderes."

Zum Abschied gibt es wieder keine Hand, aber auch keinen Hund, dem man aufsitzen könnte. Maria Simon reitet indes weiter zum nächsten Interview. Vielleicht über Kräuter und das Ying und Yang der Familie. Eventuell auch über das Schauspiel. Jene Kunst, die Maria Simon so exzellent beherrscht - was sie vielleicht manchmal ein bisschen langweilt.

Eric Leimann/Teleschau / TELESCHAU