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"Polizeiruf"-Kritik: Hurra, hurra, die Schule brennt

Im "Polizeiruf" ermitteln Kommissarin Lenksi und Horst Krause nach einem Bombenanschlag im Schulmilieu. Lehrer, Schüler, Eltern - alle stehen unter Druck.

Von Sarah Stendel

Die Referendarin Josephine Mayfeld (Kim Schnitzer, r.) verliert die Nerven, weil sie von einer Schülerin beleidigt wurde.

Die Referendarin Josephine Mayfeld (Kim Schnitzer, r.) verliert die Nerven, weil sie von einer Schülerin beleidigt wurde.

Wie lautet nochmal der Kosinussatz? Wer in der Schule Mathe gehasst hat, wird sich gleich zu Beginn des "Polizeirufs" gegruselt haben. Der Schüler Ben Wieland (Anselm Bresgott) steht vorn an der Tafel, doch er hat keine Antwort für die Referendarin Josephine Mayfeld (Kim Schnitzer). Er kommt auch kaum zum Nachdenken: Der Rest der Klasse ist laut und desinteressiert, ständig muss die Lehrerin Handys konfiszieren. Irgendwann fällt eine üble Beschimpfung und Mayfeld packt eine Schülerin am Kragen. Das alles geschieht fast nebenbei, "Fack Ju Göthe" ist hier Alltag.

Aber natürlich müssen nicht deshalb Polizeihauptmeister Horst Krause und Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) in der Brandenburger Schule ermitteln. Die werden gerufen, als eine Bombe im Büro der Direktorin explodiert. Bärbel Strasser (Corinna Kirchhoff) hat Glück: Sie war gerade auf dem Flur, aber Referendarin Mayfeld wird schwer verletzt.

"Helikopter"-Eltern machen Druck

Lenski und Krause stoßen auf eine Umgebung, in der jeder unter Druck steht. Die Direktorin will auf keinen Fall den Schulbetrieb gefährden, sie hat mit Lehrermangel zu kämpfen und will bei der Schulbehörde nicht negativ auffallen. Die Schüler der zehnten Klasse stehen kurz vor den Abschlussprüfungen, die Lehrer möchten sie durchbringen. "Das sind doch nur Kinder", sagt ein Polizei-Kollege, als er ein Handyvideo vom Vorfall in der Mathestunde sieht. "Die machen die richtig fertig", erkennt Lenski.

Es ist sicher kein Zufall, dass die Elternsprecherin Andrea Wieland (Annika Kuhl) zwischenzeitlich die verdächtigste Person ist. "Ohne Abi hast du heutzutage nichts", trichtert sie ihrem Sohn immer wieder ein und es klingt, als ginge es um Leben und Tod. Sie büffelt mit Ben Mathe, holt den Zehntklässler mit dem Auto von der Schule ab und spazierte auch am Tag des Anschlags im Schulgebäude umher. In wenigen Tagen sind die Abschlussprüfungen – wollte sie ihrem Sohn mit aller Macht mehr Zeit gewinnen?

Wie nah dran an der Wirklichkeit die Szenen sind, hat erst diese Woche ein Rektor einer Grundschule in Stuttgart in einem Brandbrief öffentlich gemacht. Überfürsorgliche, sogenannte "Helikopter"-Eltern verzögern dort sogar den Unterricht, weil sie noch vor der ersten Stunde Lehrer im Klassenzimmer abpassen.

Kinder oder Bombenleger?

Bens Kumpel Tobias (gespielt von Ludwig Simon, dem echten Sohn der Kommissarin) kämpft zuhause mit dem anderen Extrem: Er muss in der Gärtnerei mitarbeiten und auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Seine Eltern verlangen von ihm nur, dass er keinen Ärger macht.

Etwas vorhersehbar tritt natürlich genau das ein: Er wusste von der Bombe, die von seinem in Chemie offenbar gar nicht mal so unbegabten Freund Ben gebastelt wurde. Die beiden schwören jedoch, das Ding im Spind verschlossen zu haben.

So richtig Spannung will bei diesem "Polizeruf" aber leider auch dann nicht aufkommen. Etwas lieblos wird der Verdacht nacheinander auf die übrig geliebenen Nebenfiguren gelenkt und gleich wieder entschärft. Trotzdem hat "Hexenjagd" starke Momente, was den Schulalltag und die Probleme zwischen Lehrern, Eltern und Schülern angeht.

Denn es ist dieser Druck von allen Seiten, der die Referandarin Josephine Mayfeld schließlich zum Durchdrehen gebracht hat. Sie hat die Schüler-Bombe zufällig gefunden, sie im Zimmer der Rektorin versteckt und sich damit fast selbst getötet. "Ich konnte einfach nicht mehr. Es war mir scheißegal", sagt sie. Fast kann der Zuschauer das nachvollziehen. Für Direktorin Strasser gilt jedoch: "Wenn man denkt, man kann nicht mehr, dann hat man noch 40 Prozent." Es brennt an den Schulen.