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TV-Tipp 16.7.: "Auf Achse": Terminfracht, Baby!

Kaum zu glauben, dass das mal cool war: Zwei Brummifahrer schippern Terminfracht durch die Welt. "Auf Achse" hieß die Serie - und ist heute ein erschreckendes Stück Zeitgeschichte.

"Auf Achse", "Lalla und Kifkif" / "Schwarze Fracht"
00:45 Uhr, SWR
TV-SERIE Die Amis hatten das A-Team, Michael Knight und McGyver. Und wir? Hatten Günther Willers und Franz Meersdonk! Zwei LKW-Fahrer, zuhause in ihren Maschinen, unterwegs auf den Straßen zwischen München und Teheran. Ja, die TV-Helden meiner Kindheit retteten die Welt weder vor gemeingefährlichen Bösewichtern, noch verfügten sie über besondere Superkräfte. Sie fuhren Terminfracht! Und ihre bestechendste Eigenschaft verkündete eine Erzählerstimme zu Beginn jeder Folge: "Auf sie ist Verlass!" Rock'n Roll, Baby!

Aber die beiden schwitzenden Mannsbilder, gespielt von Manfred Krug und Rüdiger Kirschstein, fuhren fette Brummis - und das reichte voll und ganz aus, um von uns Sechsjährigen vergöttert zu werden. Was waren wir neidisch auf ihre Maschinen - vor allem auf Meersdonks blauen Mercedes-Benz-Sattelzug. Keine Frage, wir wollten auch LKW-Fahrer werden - ein Berufswunsch, den unsere Eltern mit Kopfschütteln quittierten.

Es reichte dann doch nur zum Führerschein Klasse 3. Und Meersdonk und Willers traf ich erst zu Unizeiten wieder: In einem Anfall Retrolaune hatte ich mir die DVD-Box zur ersten Staffel besorgt und meine beste Freundin, ebenfalls "Auf Achse"-Fan von einst, in die WG geladen. Da saßen wir also, das gekühlte Pils in der Hand, und unsere Augen wurden größer und größer - vor Schock. Die Serie wurde damals an Originalschauplätzen gedreht - aber ihre Vorurteile hatten die Macher offenbar aus der Bundesrepublik mitgebracht.

"Hab mal mitgekriegt, wie sie einen gelyncht haben. In Marokko vor einem Jahr. Das geht verdammt schnell bei den Orientalen", kommentiert ein deutscher Trucker in der Folge "Lalla und Kifkif", nachdem Willers ein tunesisches Kind angefahren hat. Und Meersdonks und Willers französischer Kollege weigert sich beharrlich, eine Dusche zu betreten. ("Waschen tu ich mich nicht. C'est passé! Das ist vorbei!")

Verständlich, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen sträuben, die Serie heutzutage woanders als im Nachtprogramm zu wiederholen. "Auf Achse" im Zeitalter von Twitter? Der Shitstorm wäre vorprogrammiert. Als ein Spiegel dafür, welche Vorurteile in den Achtzigern noch im TV salonfähig waren, welches Klischee wir anderen Nationen und Kulturen anhefteten, ist die Serie aber noch immer ein interessantes Stück Zeitgeschichte. Und ja, irgendwie stimmt es auch hoffnungsvoll, dass wir bei manchen Sätzen unserer Kindheitshelden plötzlich zusammenzucken. Hat unsere Gesellschaft etwa doch ein wenig gelernt?

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern




Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Lars und die Frauen"
20.15 Uhr, Tele 5
TRAGIKOMÖDIE Lars (Ryan Gosling) lebt in der Garage seines Bruders (Paul Schneider). Als der Sonderling, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, eine Gummipuppe als seine neue Freundin Bianca vorstellt, halten ihn alle für irre. Und spielen das Spiel dann mit. – Die Idee zu ihrem Drehbuch kam Nancy Oliver, als sie im Internet auf RealDoll stieß, einen Anbieter für "anatomisch einwandfreie" Sexpuppen nach Maß. Statt in eine schlüpfrige Farce zu münden, erzählt "Lars…" auf hohem Niveau von einer angeknacksten Seele. Gosling spielt umwerfend, und ganz nebenbei wärmt der im winterlichen Wisconsin spielende Film garantiert jedem das Herz. Es sei denn, man ist aus Gummi. (bis 22.25)

"The Best Exotic Marigold Hotel"
20.15 Uhr, Sat.1

KOMÖDIE Sieben britische Senioren (u. a. Bill Nighy, Judi Dench und Maggie Smith) finden im indischen Jaipur zur Einfachheit des Seins zurück. - Beglückender Kulturschock mit zauberhaften Darstellern. 2015 kommt Teil 2 mit den "Neuzugängen" Richard Gere und David Strathairn ins Kino. (bis 22.50)

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