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TV-Tipp 17.6.: "Aufschneider": In der Pathologie des Wahnsinns

Tiefschwarzer Humor aus österreichischen Landen. Wem die heile Welt der "Schwarzwaldklinik" zuwider ist, wird "Aufschneider" lieben. Unser TV-Tipp des Tages.

Unter seinem Skalpell landen nur Tote - und das ist auch gut so: Josef Hader als Professor Doktor Fuhrmann

Unter seinem Skalpell landen nur Tote - und das ist auch gut so: Josef Hader als Professor Doktor Fuhrmann

"Aufschneider"
23.40 Uhr, 3Sat
SCHWARZE KOMÖDIE Josef Hader gehört in Österreich zu den ganz großen Kabarettisten. Ich muss zugeben, bis vor kurzem hatte ich noch nie von dem Mann gehört. Bis die "Aufschneider" über meinen Bildschirm flimmerten. Oder sagen wir besser: grantelten. Eine Freundin aus Wien hatte mir den Zweiteiler ans Herz gelegt: Wenn ich auf schwarzen Humor und bitterböse Wortgefechte stehen würde, dürfte ich den Film auf keinen Fall verpassen. Tue ich. Und wurde nicht enttäuscht.

"Der Krebs hat Spaß, das sieht man!" raunt Professor Doktor Fuhrmann (Josef Hader) seiner Kollegin gleich zu Beginn zu, während er über einem Mikroskop brütet und anerkennend befindet: "Eigentlich ist das ein total schöner Krebs." Schon jetzt merken wir: Mit den Lebenden hat es der Herr Doktor nicht so, weswegen seine Berufswahl auch völlig logisch erscheint: Fuhrmann ist Pathologe. Eigentlich geht es in seiner Abteilung also nicht mehr um allzu viel - würde ihn nicht eine Mission treiben: Er will seinem verhassten Kollegen Böck (Oliver Baier) einen Kunstfehler nachweisen. Dabei weiß Fuhrmann noch gar nicht, dass ausgerechnet seine Ex-Frau (Ursula Strauss) als Böcks neues Betthupferl unterwegs ist.

Eigentlich stehen alle Zutaten bereit für einen durchschnittlichen Arztfilm - oder eine platte Komödie darüber: Da wäre der junge Assistent, der ein Verhältnis mit der Tochter des Pathologen beginnt. Die Kollegin, die sich langsam in ihren grantelnden Boss verguckt. Und die erwartbare unerwartete Rettung in letzter Sekunde. Doch all diese Charaktere, eigentlich Abziehbilder von Klischees, werden so herrlich skurril und absurd beschrieben, dass es eine Freude macht, ihnen beim Scheitern zuzusehen.

Die Briten werden gerne über den grünen Klee gelobt für ihren trockenen, schwarzen Humor. Die Österreicher lachen ähnlich, nur umweht ihr Humor etwas Morbideres, Düsteres, vor allem aber etwas völlig Absurdes. Ich sahe nur: Erste Allgemeine Verunsicherung. Wem "Kottan ermittelt" nicht zu abgedreht war und wer den Witz der kurzlebigen "Stockinger"-TV-Serie mochte, dem werden auch die "Aufschneider" gefallen. Und ich habe eine neue Mission: Mehr Filme aus Österreich schauen.

PS: 3Sat strahlt die "Aufschneider"-Filme heute in folgender Reihenfolge aus: Um 20.15 Uhr läuft Teil 2, um 23.40 Teil 1, direkt im Anschluss folgt um 01.05 Uhr wieder Teil 2 (bis 2.35).

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern




Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Die Banker - Master of the Universe"
22.55 Uhr, Arte

DOKUMENTARFILM "Irgendwann fliegt uns der Laden um die Ohren." Ex-Investmentbanker Rainer Voss gibt sich keinen Illusionen hin. Von Regisseur Marc Bauder befragt, spricht der Fachmann für Gewinnmaximierung über die Macht des Geldes und die Ohnmacht kleiner Anleger. Auf dem Weg durch ein paar leerstehende Frankfurter Büros gewährt Voss ungeschönte Einsichten in die Welt der Milliardenzocker. Sein Fazit: Staaten werden bewusst in die Pleite getrieben, die Bank gewinnt immer. Das Branchenporträt war für den Deutschen Filmpreis nominiert. (bis 0.25)

"This Ain’t California"
22.45 Uhr, ARD

DOKUMENTARFILM (?) über die DDR-Skaterszene, die sich in den 80ern rund um den Alexanderplatz traf, um unter den Augen der Staatsmacht ihr Terrain abzustecken. Der Mix aus Fakten und Fiktion ist mitreißend und enttäuschend zugleich. Welche Szenen gestellt sind, bleibt im Unklaren. (bis 0.20)