HOME

TV: Tricksen, Tarnen, Täuschen

Ein paar Karten, starke Nerven und viel Zeit - mehr braucht man nicht, um aus ein bisschen Geld ein kleines Vermögen zu machen. Längst findet Pokern nicht mehr nur in dunklen Hinterzimmern statt. Nun erobert das Glücksspiel die Deutschen.

Von Sebastian Glubrecht und Alexandros Stefanidis

Früher gab es auch mal Tote. Wenn der Fremde im Saloon vier Asse präsentierte, bissen seine Mitspieler in die Tischkante, er ins Gras. Dennoch: Cool bleiben und abräumen, das lockt seitdem echte Mannsbilder, nicht nur zwischen Kansas City und Santa Fe.

Alles auf eine Karte setzen und sich ums Verrecken nicht anmerken lassen, dass da gar nichts ist - das beherrschen Kerle bis heute (auch sonst) recht gut. Nicht umsonst galt Poker lange Zeit als Zeitvertreib zwielichtiger Gestalten: verrauchte Hinterzimmer, Goldkettchen und stapelweise Scheine auf dem Tisch, das war nichts für scheue Gemüter, schon gar nicht für brave deutsche Skatspieler.

Mehr Geld mit Pokerunden als Kinofilmen

Nun, die Zeiten haben sich geändert. 2003 gelang es einem bis dahin unbekannten Buchhalter aus Tennessee, mit 40 Dollar Einsatz die Poker-Weltmeisterschaft in Las Vegas und 2,5 Millionen Dollar zu gewinnen. Der Name des überraschten Siegers: Chris Moneymaker, ausgerechnet.

Die Geschichte sprach sich herum, und aus dem Hinterzimmer-Zock wurde ein profitabler Wirtschaftszweig: Mittlerweile setzt die Branche in den USA mehr um als Kinofilme an der Abendkasse. Als vergangenes Jahr das Online-Kasino Partygaming an die Börse ging, übertraf es den Wert der Fluglinie British Airways, heute ist Partygaming gut sechs Milliarden Euro wert. Fernsehsender wie ESPN oder NBC zeigen bis zu 300 Pokersendungen im Monat. Kein anderes Spiel verspricht einen schnelleren Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Oder wie es Donald Trump, selbst passionierter Spieler und Turnierveranstalter, ausdrückt: "Wäre ich erst 20, würde ich nichts anderes tun." 2003 betrug der weltweite Einsatz an den Online-Pokertischen pro Jahr 13,5 Milliarden Dollar, vergangenes Jahr waren es schon 60 Milliarden. Für 2008 lautet die Prognose: 215 Milliarden.

Vorboten des Trends, der auch Deutschland erreicht hat, sind die Sportsender DSF und Eurosport, die seit gut einem Jahr Pokersendungen zeigen. Durch eine im Tisch installierte Kamera kann der Zuschauer in die Karten sehen. Pokerspiel-Aufzeichnungen aus dem Jahr 2004 verfolgen mehr Zuschauer als Liveübertragungen von Handballspielen der Bundesliga. Das DSF kaufte wegen der guten Einschaltquoten bereits im Mai erneut 1000 Stunden Pokersendungen. Anfang Juli veranstaltete Stefan Raab eine Live-Pokerrunde mit Heike Makatsch und "Bully" Herbig, 1,5 Millionen Menschen fieberten zu später Stunde mit.

Im Aviation Club de France liegt Geld in der Luft

Auf den Schulhöfen und am Stammtisch hat Poker mittlerweile Skat abgelöst. Clubs und Diskotheken in den Großstädten locken mit Pokernächten. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland bis zu drei Millionen Menschen im Internet, in Hinterzimmern oder zu Hause pokern. Dabei darf offiziell nicht um Geld gespielt werden. Denn in Deutschland zählt Poker - wie auch Roulette, Black Jack oder Baccara - zum Glücksspiel und ist nur in konzessionierten Spielbanken erlaubt. Deshalb finden die großen Profiturniere im Ausland statt.

Paris, Champs Elysees 104. Im Aviation Club de France liegt Geld in der Luft: Räume im Kolonialstil mit holzvertäfelten Wänden, englischen Ledersesseln und Pokertischen, an denen die Kartengeber mit ausdruckslosem Gesicht mischen und austeilen. Zwischen den Spielern drängeln sich Kameramänner, Fotografen und Internetblogger: Jedes Blatt, jeder Zug steht Sekunden später im Internet, wo mehr als 150 Millionen Pokerfans alles über neue Strategien, Tricks und Bluffs mitlesen. Das lauteste Geräusch: das Klackern der Plastikchips. Die Spieler drehen sie zwischen den Fingern, stapeln sie übereinander und werfen sie auf den Tisch. George Danzer, 22, und Jan Heitmann, 29, lieben dieses Geräusch. Sie gehören zu den wenigen Profispielern hierzulande, beim Grand Prix de Paris sind sie die einzigen Deutschen - noch.

Schon nach einer halben Stunde bekommt George zwei Asse auf die Hand: Volltreffer! Im Pott liegen 4000 Euro in Chips, sein Gegner, ein grauhaariger Franzose, setzt noch mal 2500, ein klares Zeichen für ein gutes Blatt. Aber George hat das Gerücht gehört, sein Gegenspieler bluffe gern. Also setzt er 10 000, um zu schauen, ob der andere mitzieht. Der geht aber noch weiter, setzt alles. George ist überrascht, aber er darf keine Emotionen zeigen. Eigentlich müsste er aussteigen, das Risiko ist zu hoch. George mustert seinen Gegner, registriert, dass der schwitzt und zittert. Er erinnert sich an das Gerücht vom Bluffer und setzt ebenfalls alles. Ein verhängnisvoller Fehler. Der Franzose blufft nicht. George ist raus.

Etwas später bekommt Jan zwei Buben auf die Hand. "Wir setzen, mein Gegner deckt zwei Damen auf, und ich bin raus. Wenn wir dieses Turnier als eines von vielen betrachten", ergänzt er, "ist der Verlust nicht so schlimm. So sieht eben der Alltag eines Pokerprofis aus."

Die beliebteste Pokerart heißt Texas Hold 'em: Jeder Spieler bekommt zwei Karten auf die Hand, auf dem Tisch werden fünf "Gemeinschaftskarten" aufgedeckt. Diese müssen die Spieler mit ihren Karten kombinieren. Zuerst setzen sie einen Grundeinsatz, danach halten oder erhöhen sie; sie wetten also, dass ihre Kartenkombination die beste ist. Wer keine Chips mehr hat, fliegt.

Pokern für den Lebensunterhalt

Das funktioniert auch im Internet. Auf Seiten wie Pokerstars, Partypoker oder Pokerroom kann jeder vom Schreibtisch aus gegen Spieler aus aller Welt antreten. So wie Tobias. Weil der Online-Zock illegal ist, will er seinen Nachnamen nicht nennen. Der 29-jährige BWL-Student aus München spielt "aus dem Bauch heraus". Drei- bis viermal die Woche sitzt er vor seinem Laptop. Aber Tobias sieht nicht aus wie ein Computer-Nerd, vielmehr gleicht er mit seinem Spitzbart und den Bermudashorts einem Surfer aus Bali. Auf die Frage, wie er sich als Student ohne große Mühe seinen Lebensunterhalt verdienen könne, gab es für ihn nur eine Antwort: pokern. Inzwischen verdient er damit im Schnitt monatlich 500 bis 700 Euro. "Das ist ein idealer Studentenjob. Kein Aufwand, nur Spaß. Und es ist sicher besser, als für sechs Euro pro Stunde in einer verrauchten Kneipe zu kellnern." Nachts schaut er mit Kommilitonen Poker im TV, auf dem Campus diskutieren sie über ihre Partien, und als er letztes Mal seine alte Clique in Wiesbaden besuchte, war er überrascht, dass die Freunde eigene Chipköfferchen besaßen und die Partynacht mit einer Runde Poker beginnen wollten.

Die Leidenschaft hat die ganze Republik erfasst - trotz des offiziellen Verbots, um Geld zu spielen. In Frankfurt am Main sagt Taxifahrer Vladimir: "Geheime Pokerrunden sind über alle Städte verteilt - wie McDonald's." Er hält vor einem geschlossenen Wettbüro. Tagsüber bietet der Inhaber hier private - und erlaubte - Sportwetten an, nachts treffen sich spielfreudige Banker, Köche, Politiker oder Dachdecker. "Jeder zockt", sagt er trocken.

Wer mitspielen will, muss sich erst "Kredit verschaffen": Ein bekannter Spieler muss für den Neuen bürgen. Die Termine koordiniert der Veranstalter via Handy, die Codes sind so simpel wie zweideutig: "Chinesisch essen bedeutet gelber Schein, also zweihundert Euro Einsatz pro Spiel", erklärt er, "Salat ist grün wie ein Hundert-Euro-Schein." Ab fünf Interessenten eröffnet er einen Tisch. Allein durch die sieben Prozent Provision, die er von jedem Pott abzweigt, verdient er an einem "normalen" Abend zwischen 2000 und 4000 Euro. Rechnet man das hoch, gehen im illegalen Hinterzimmer an einem durchschnittlichen Pokerabend mindestens 30 000 Euro über den Tisch. Die Gäste reagieren gereizt auf Zuschauer. Ein dicker Südländer flüstert mit seinem Sitznachbarn. Es gibt böse Blicke. Zeit, zu gehen.

Pokern wird als Sport vermarktet

Auch der Fachhandelsverband Vedes freut sich über steigende Pokereinnahmen. "Mit den Pokersendungen stieg die Nachfrage nach Pokerchips, Karten und Zubehör rasant an", sagt Sprecherin Eva-Maria Stempel. Manche Hobbyrunden spielen aber auch nur um Zehn-Cent-Stücke oder Monopoly-Scheine. Dabei geht es nicht ums Geld, sondern um eine durchzockte Nacht mit Freunden, Bier und großen Sprüchen. Der Bremer Psychologe und Glücksspielforscher Professor Gerhard Meyer hält Poker allerdings für gefährlich: "Es ist problematisch, dass Poker als eine Art Sport vermarktet wird. Gerade jungen Menschen wird damit vorgegaukelt, sie würden etwas Positives für sich tun. Aber Poker ist ein Glücksspiel."

Ein Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts zur Lizenzierung des Glücksspiels vom 28. März dieses Jahres gibt dem Gesetzgeber nun bis Ende 2007 Zeit, seine strikte Haltung zum Glücksspiel zu überdenken. Dann könnte Poker legalisiert werden, wie in den USA.

Von dort stammt auch die nette Poker-Anekdote von Profispieler Jan Heitmann: "Vor vier Jahren spielte ich in Las Vegas an einem Tisch mit einem Typ, der einen Bart und eine dunkle Sonnenbrille trug. Es war der Schauspieler Toby Maguire. Da kam mir ein schrecklicher Gedanke: Gegen den kannst du nur verlieren - das ist Spiderman!" Und so kam es dann auch.

print