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Nach dem Erdoğan-Skandal: Warum Böhmermann nicht mal die Klappe halten kann

Die Schonfrist ist vorbei. Das Rennen, wer Jan Böhmermann zuerst verreißt, ist gelaufen. Allerdings mit mäßigem Ergebnis.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann: vom Ai-Wei-Weichei zum "Quassel-Satiriker" 

Schon vor dem Erdoğan-Eklat war klar, dass Jan Böhmermann jetzt langsam mal eins auf den Deckel kriegen muss. "Wer mit uns im Fahrstuhl nach oben fährt, fährt auch wieder mit uns runter" ist schließlich die mittlerweile überall gültige Regel nach der allgemeinen Boulevardisierung. Aber dann passierte eben die Sache mit Erdoğan und den poetisierten Ziegen, und plötzlich wollte man nicht mehr ganz so fies sein. "Da muss er erstmal durch", hieß es. Oder auch "Käme nicht so gut, ihm ausgerechnet jetzt einen mitzugeben." Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Frage lautete nun eben: WANN ist er durch?

Der Berliner "Tagesspiegel" hat den Zeitpunkt just zu Christi Himmelfahrt für gekommen gesehen und ließ sich offensichtlich vom "Quassel-Iman" zum - wait for it - "Quassel-Satiriker" inspirieren. Und der soll nun endlich "mal die Klappe halten?" Nimm' das Böhmermann.

"Ich würde gerne mal mit Jan Böhmermann sprechen. Vorausgesetzt, ich käme überhaupt zu Wort, würde ich dem Satiriker sagen, dass Sprechdurchfall eine Krankheit mit extrem guten Heilungschancen ist. Die Therapie ist einfach: Schweigen", lautet der vollmundige Einstieg. Und es folgt der freundliche Hinweis, dass "Jan Böhmermann das alles wie eine Sphinx hätte genießen können", dass er das aber nicht könne, "weil er in seiner böhmermannhaften Hypertrophie meint, er könne auch die Wirkung steuern".

Wie man's macht, macht man's falsch

Problem ist nur, dass dem TV-Entertainer genau dieses "sphinxhafte" Schweigen während der Affäre Erdoğan auch schon vorgeworfen wurde. Abtauchen sei keine gute Taktik, wurde da bemängelt - im Feuilleton wie in den Social-Media-Kommentaren. Schließlich ist das "quasseln" doch genau sein Ding. "Er kennt die Werkzeuge, mit denen jetzt zu spielen ist. Das sind in seinem Fall die Medien", sagte unter anderem der Karikaturist Gerhard Haderer im Gespräch mit dem stern. "Man kann auf so eine Geschichte nicht mit Abtauchen reagieren. Allerdings nehme ich schon an, dass er sich demnächst wieder mit einer entsprechenden Äußerung melden wird."

Tat er dann fünf Wochen später ja auch - nach Polizeischutz und dem ganzen Gedöns. Aber nicht zu aller Zufriedenheit. Und aus dem "Märtyrer der Meinungsfreiheit" wurde für viele ein "Ai-Wei-Weichei".

Aber der Kollege vom "Tagesspiegel" ist noch nicht fertig mit "Jan B.". Für den letzten Schlag holt er die ganz dicke Axt raus: "Halt doch mal die Klappe, schau doch mal über dich hinaus, schau doch mal in die Türkei. Dort wird am Freitag ein Urteil im Prozess gegen die regimekritischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül erwartet. Ihre Recherche über vermutete Waffenlieferungen an Extremisten in Syrien hat ihnen eine Anklage wegen Spionage, versuchten Umsturz der Regierung und Unterstützung einer Terrororganisation eingebracht. Den Journalisten droht eine lebenslange Haft. Kein Witz."

Jan Böhmermann geht's zu gut

Der Vorwurf lautet "Dir geht's zu gut". Und der wird auch noch mit "Das 35-jährige Fernsehtalent arbeitet im wohltemperierten 'Neo Royale'-Studio, bezahlt von den Rundfunkgebühren und beschützt vom ZDF" elaboriert. Noch Fragen?

Ja, eine: Was genau wäre das für eine Aussage, wenn einer, der damit Karriere gemacht hat, politisch unkorrekt zu sein, plötzlich demütig wird, weil er in die politischen Mühlen geraten ist?

Die Zuschreibungen und Interpretationen für Jan Böhmermann kommen immer von außen, von uns. Das einzige, was er uns bietet, ist Spielfläche. Die ist eben mal besser und mal schlechter. Die wir füllen. Mal besser, mal schlechter.

Am 12. Mai soll es weitergehen mit der Böhmermann-Show "Neo Magazin Royale"