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In den Klamotten einer Unbekannten: Ich habe einen fremden Koffer ersteigert und bin einfach los

Einen Koffer ersteigern, sich damit in den nächsten Flieger setzen und sein altes Ich zu Hause lassen: einmal Urlaub von mir selbst machen. Was passiert, wenn man in die Haut und Klamotten einer Fremden schlüpft. 

Von Nele Justus

Mittendrin statt nur dabei: Küsschen fürs Selfie mit den neuen BFFs.

Mittendrin statt nur dabei: Küsschen fürs Selfie mit den neuen BFFs.

Es gibt Momente, da beäugt man sich ungläubig von der Seite und denkt: Bin das wirklich ich? Was mache ich da nur? Kennt ihr bestimmt. Ich jetzt auch. Spätestens seit ich mit einer Gruppe Britinnen im Einhorn-Kostüm vor einer übervollen Bar eine Tanzchoreographie hingelegt habe. Zu "Saturday Night", falls ihr es genau wissen wollt. Die Schritte kannte ich vorher nicht. War aber auch egal. Der Pegel stimmte, und Jade und die Girls, mit denen sie ihren Junggesellinnenabschied feierte, waren enthusiastische Lehrerinnen: "Turn around, swing your hips", haben sie mir über die laute zugerufen. Bei der dritten Strophe hatte ich den Dreh raus. Am Ende steppten alle mit. Dafür gab es von den Bardamen eine Runde Schnaps aufs Haus. Als Dankeschön. Oder Schmerzensgeld. Wie auch immer.

Wenn man Urlaub von sich selbst macht

Wenn ihr euch jetzt fragt: Ist die immer so? Nee, wirklich nicht! Aber ich hatte die Aufgabe, einen Koffer und einen Rucksack zu ersteigern, um für ein Wochenende in die Haut und Klamotten einer Fremden zu schlüpfen. Und das kommt dann eben dabei heraus, wenn man Urlaub von sich selbst macht.

Who's that girl?: Nele macht Urlaub von sich selbst – und fliegt mit einem fremden Koffer ins Abenteuer
Urlaub mit fremdem Gepäck, nur Neles Zahnbürste darf mit.

Urlaub mit fremdem Gepäck, nur Neles Zahnbürste darf mit.


Wo man einen Koffer ersteigern kann? Zum Beispiel bei der "Lost and Found"-Auktion am Flughafen Köln/Bonn. Da kommen einmal im Jahr die Dinge unter den Hammer, die andere im Flieger und am Flughafen haben liegen lassen: Plüschtiere, Handys, Teppiche, Laptops, Schmuck, dazu Gepäck, das nicht zugestellt werden konnte. "Ein ersteigerter Koffer ist wie ein überraschungsei, nur für Erwachsene", hatte die Auktionatorin Meike Nahli vor den rund 400 Bietern in der Flughafenhalle gesagt.

Cover der ersten Ausgabe von JWD.

Die erste Ausgabe von JWD gibt es ab jetzt am Kiosk zu kaufen – oder hier.

Das Problem ist nur, dass man vorher nicht schütteln kann, um die guten von den schlechten zu unterscheiden. Also hoffen alle, dass sie den mit den Designerklamotten, einem neuen Macbook und Bose-Kopfhörern kriegen – und treiben dabei die Preise in einem Affenzahn in die Höhe. Blöd nur, wenn man sein Geld auf eine Niete setzt. Dann hockt man hinterher auf einem Haufen dreckiger Socken und neongelben "Malle für alle"-Muskelshirts in Größe XXL. Eine Kofferversteigerung ist ein Adrenalin-Kick für Einsteiger, für den man sich nicht aus dem nächsten Flugzeug stürzen muss. Mein Mini-Kick kostet mich 180 Euro. Dafür fahre ich mit einem schwarzen Trolley und einem rosa Puma-Rucksack nach Hause, der bestimmt last-last-last Season total angesagt war.

Alles reingestopft, was billig, kurz und sexy ist

In der Redaktion machen wir die beiden auf. "Bitte, lass es die Bergsteigermontur oder die Tauchausrüstung sein", schicke ich ein Stoßgebet in den Himmel. Aber nix is. Der Koffer ist so gut wie leer. Neben einer weißen Jeans, Größe 164 aus der Kinderabteilung, liegt da nur noch eine Strickjacke, eine Dose mit Tabak, eine Gesichtscreme, die 2016 abge- laufen ist, Wattepads und zwei abgewetzte Teppichstücke. Wer packt so etwas ein? Ich blicke es nicht. Der Rucksack haut es wenigstens wieder raus. Hier hat der Archetyp eines Partygirls alles reingestopft, was billig, kurz und sexy ist. Das bedeutet: Ich geh feiern! Wir buchen ein Hotel in Partymeile Playa de las Américas, und ich steige in den nächsten Flieger – mit Koffer, Rucksack und meiner Zahnbürste. Die durfte ich netterweise noch mitnehmen.

Heute Nacht gebe ich alles!

Sobald ich am Flughafen aus dem Terminal trete, lasse ich mein altes Ich hinter mir. Turnschuhe und Jeans tausche ich im Hotel gegen Schlangentop und einen etwas breiteren Gürtel, den manche wohl als Rock bezeichnen würden. Ich habe mir vorgenommen: Heute Nacht gebe ich alles. Sage zu allem Ja und Amen, feiere, flirte, tanze. "Want a free drink?", ruft einer von der Seite. Na, aber sicher will ich das! Vor jeder Bar stehen Typen, die einen in ihren Laden lotsen wollen. Meiner sieht aus wie Samuel L. Jackson. Er bugsiert mich zum Tresen und drückt mir einen Erdbeerschnaps in die Hand. Der riecht schon übel und schmeckt auch so. Aber muss ja. Schnell ein Bier hinterherkippen, das hilft gegen den aufsteigenden Ekel. Auf einem Barhocker in der Mitte des Raums sitzt ein Kerl mit Klampfe, Mikro und Iro, der musikalisch in den 90ern hängen geblieben ist: Mit Bon Jovis "Bed of Roses" versucht er die traurige Menge an Gästen mitzureißen. Das klappt nur bedingt. Bei "Sweet Home Alabama" stehe ich ihm bei, stelle mich neben ihn, klatsche mit ausladenden Bewegungen in die Hände und rufe "und jetzt alle!" Das ist das Gute, wenn man nicht man selbst ist. Man kann sich danebenbenehmen und bekommt eine angenehme Scheißegal-Attitüde.

Mein neues Ich lässt es krachen

Teneriffs Partydroge Nummer eins ist Lachgas. In jeder Bar sehe ich, wie die Leute an Luftballons saugen. "Macht in London jeder", erklärt mir die gelangweilte Bedienung. "Kostet fünf Euro." Ich bestelle und atme tief ein, huste, nehme einen weiteren Zug, bis der Ballon flach und leer ist. Dann, bäm, haut mich ein Schwindel fast aus den Socken. Die Musik klingt wie eine dicke Soundbrühe, mein Blick verschleiert sich, ich halte mich am Bartisch fest. 30 Sekunden dauert der Trip. Dann sehe ich wieder klar.

Mein neues Ich gefällt mir von Stunde zu Stunde immer besser. Mein neues Ich lässt es krachen. Ist doch egal, was die anderen denken, bin ja nicht ich. Die sind wie eine Uniform. Sie schaffen eine angenehme Distanz. Und das macht frei. Ich tanze mit einem wild gewordenen Iren zu Boom-Boom-Techno-Beats, gebe einem schüchternen Briten Tipps, wie man Frauen anspricht, vermöbele mit einem Belgier, der Oberarme hat wie Meister Proper, eine Boxmaschine, lasse mir von einem Londoner einen feuerspeienden Drachen mit Edding auf den Oberschenkel malen und tanze mit Jade und ihren Mädels. Am Ende verabschieden wir uns, als wären wir beste Freundinnen. "Wann war ich eigentlich das letzte Mal so feiern?", frage ich mich, als ich morgens ins Bett falle. Kann mich nicht mehr daran erinnern.

Nächster Morgen: Hangover wegturnen

Der Kater weckt mich, dieser miese Verräter. Ich zottele eine Leggins und ein Oberteil aus dem Rucksack und mache mich auf an den Strand. Dort klopft gerade die Rentnertruppe von Los Cristianos ihre alten Glieder wach, bevor sie sich zum Yoga auf ihre Handtücher legt. "Kann ich mitmachen?", frage ich die großbusige Trainerin. "Si, claro!" Also reihe ich mich neben Pablo und Maribell ein und turne den Hangover weg. Fast wenigstens.

Aus dem Augenwinkel beobachte ich die coolen Surfer, wie sie geschmeidig ihre Wellen reiten. Würde ich auch gerne mal ausprobieren. Aber Partygirl? Wohl eher nicht. Die würde mit einer pinken Luftmatratze über die Wellen schippern, damit ihr die manikürten Nägel nicht abplatzen. Also suche ich einen Shop, um genau so ein Ding zu kaufen – und finde Fred, einen überdimensionalen aufblasbaren Flamingo. 30 Minuten brauche ich, um den Vogel aufzupusten. Dann werfen wir uns in die Wellen und surfen eine nach der anderen. Fred ist definitiv der Star am Strand. "Hey, darf ich auch mal?", fragt mich selbst die voll tätowierte Surflehrerin. "Klar, leg los!" Während ich aufs Meer starre, kommt mir die Antwort auf die Frage, die mich schon seit Tagen beschäftigt: Wozu packt jemand Teppichreste in seinen Koffer? Na, um sich als Grafitikünstler nicht die Knie aufzuschürfen! Sprayer-Dosen finde ich nirgends. Dafür aber Kinderkreide. Die muss reichen. Ich warte, bis es dunkel wird und schmeiße mich in das kleine Schwarze, das ich mir für meinen letzten Abend aufgehoben habe. Danach suche ich mir ein stilles Gässchen und mache mich mit schnellen Strichen an die Arbeit. "J W D" steht am Ende in großen Lettern auf den dunklen Steinen.

Vielleicht behalte ich mein neues Ich noch ein bisschen

Am nächsten Morgen werfe ich alles wieder in den Koffer. Ich bin ein bisschen wehmütig. Drei Tage bin ich in den Schuhen einer Fremden gelaufen. Schwarze Mode-Sneaker mit abgelatschter Hacke. Die waren eine Nummer zu klein. Nun habe ich einen blauen großen Zeh. Dafür aber auch so viele neue Facebook-Freunde wie sonst in einem ganzen Jahr. Mein neues Ich gefällt mir eigentlich ganz gut. Vielleicht behalte ich es noch ein bisschen. Wer weiß. Urlaub von mir selbst, mache ich jetzt auf jeden Fall regelmäßig. Mal sehen, wohin mich der nächste Koffer bringt.

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.