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Saisonarbeiter für einen Tag: Harter Job der Erntehelfer: Spargelstechen ist nichts für Memmen

Spargel made in Germany – das geht nur dank der 280.000 Saison­arbeiter, die jedes Jahr aus Osteuropa anreisen, um auf den Feldern zu ackern. Unsere Kollegin Nele hat mit ihnen kräftig reingehauen – und weiß nun: Erntehelfer sind wahre Superhelden.

Von Nele Justus

So sieht Arbeit aus! Erntehelferin Aga schaut zu, ob der Stich auch sitzt.

So sieht Arbeit aus! Erntehelferin Aga schaut zu, ob der Stich auch sitzt.

Meine Karriere als Spargelstecherin beginnt mit einem Video. Es ist sieben Minuten lang und in sieben Sprachen übersetzt. "Unser Schulungsvideo. Das muss sich jeder Erntehelfer anschauen, der bei mir sticht, du also auch", sagt Hinrich Niemann, während er die deutsche Version anklickt. Hinrich ist ein Berg von einem Mann. Typ Wikinger mit dickem Bart und wildem Haar. Seit 26 Jahren macht er in Spargel. Mit einem Hektar hat er angefangen, als er den Betrieb im niedersächsischen Eimke in den 90ern von seinen Eltern übernahm. Jetzt sind es 20. Das ist eine Fläche, die größer ist als die Hamburger Binnenalster. Oder, wenn ihr damit mehr anfangen könnt, etwa so groß wie 20 Fußballfelder.

Um die abzuernten, braucht Hinrich Hilfe. 24 Polen und Bulgaren kommen jedes Jahr von April bis Ende Juni, um die weißen Stangen zu stechen. Sieht in dem Video ganz einfach aus: gucken, wo der aus dem Damm bricht, mit geradem Rücken bücken, mit der linken Hand die Stange freigraben, mit der rechten das Messer ansetzen, einmal zustechen, Loch zu schütten, Damm glätten, fertig. Voll easy. Wenigstens in der Theorie.

"Das sind Sophia und Aga", sagt Hinrich, als wir auf dem Feld angekommen sind. "Die zeigen dir jetzt mal, wie das richtig geht." Die beiden Frauen kommen aus Polen. Sophia arbeitet schon die 22. Saison auf Hinrichs Hof, Aga, das ist kurz für Agnieszka, "das kann hier aber keiner aussprechen", ist jetzt das fünfte Jahr dabei. Normalerweise stehen die Frauen an der Sortiermaschine. Oder an der Schälmaschine. Spargel stechen die . Das hat mit Sexismus nichts zu tun, sondern mit Wirtschaftlichkeit. Die Männer schaffen einfach mehr weg. Heute Vormittag müssen aber alle ran. Die Hitzewelle der vergangenen drei Tage hat den Spargel wachsen lassen wie blöd. Nun drücken die Triebe gegen die weißen Plastikplanen und müssen geerntet werden. "Das muss jetzt schnell gehen", sagt Hinrich, "sonst kriegen wir schlechte Köpfe." Und die kann er nicht verkaufen.

Ein paar Meter laufe ich einfach nur mit und schaue den Frauen über die Schultern. "So, jetzt du", sagt Aga. Also buddele ich los, setze das Messer kräftig an, und dann halte ich triumphierend die erste selbst gestochene Stange Spargel in meiner Hand. Ein bisschen erwarte ich jetzt aufbrausenden Applaus oder minutenlangen Trommelwirbel. Ist aber mucksmäuschenstill auf dem Feld am Waldrand in der Lüneburger Nordheide. Nur die Spargelspinne summt beim Weiterfahren.

Die Spargelspinne ist ein Freund des Spargelbauern. Sie hat die Produktivität ordentlich gesteigert. Früher liefen die Erntearbeiter mit einem kleinen Rollwägelchen über das Feld, auf dem nur eine Kiste Platz hatte. Sie mussten die Planen, die die Dämme abdecken, von Hand anheben, den Spargel stechen, den Damm wieder abdecken. Wenn die Kiste voll war, haben sie ihren Wagen die ganze Reihe entlanggeschoben, um sich am Ende eine leere zu holen. Das kostete jede Menge Zeit. Und Kraft. Jetzt hebt die Spinne die Planen vom Damm und deckt hinter uns die aufgeschütteten Erdwälle wieder zu. Bis zu zehn Kisten kann man auf ihr stapeln, da passen in etwa 150 Kilo Spargel rein. Die muss man erst mal stechen.

Spargelstechen ist Akkordarbeit

Normalerweise arbeitet ein Mann an der Maschine und fährt damit die Reihen ab. Spargelstechen ist Akkordarbeit. Heißt: Wer viel sticht, kann mehr verdienen. Die richtig guten Jungs, so wie Damian, der polnische Topmann in dieser Saison, schaffen 25 Kilo die Stunde. Wenn der Spargel eng steht, so wie jetzt, auch mal 30. Damian zieht gerade links an uns vorbei. Er arbeitet so fix, dass man denken könnte, er sei ein Oktopusmann, mit acht Armen, in denen Superkräfte stecken. Vielleicht ist er als Kind aber auch nur in den Zaubertrank gefallen. Könnte bei seinem Tempo genauso gut sein. Auf dem Feld ist jeder ein Einzelkämpfer. Arbeitet man zu zweit an dem Gerät oder zu dritt, wie Aga, Sophia und ich, bestimmt der Langsamste die Geschwindigkeit. Das ist schlecht fürs Geschäft – und die Moral. "Die kommen zum Geldverdienen her. Die wollen sich nicht ausbremsen lassen." Heute ruiniere ich den Schnitt.

Sophia und Aga arbeiten neben mir wie Ninjas. Schnell und geschmeidig. Während ich noch die Stange freilege, haben sie schon drei, vier gestochen. Das setzt mich unter Leistungsdruck. Aber ich werde besser, Meter um Meter. Vom Graben fangen irgendwann die Finger an zu schmerzen, der Rücken sowieso. Aber die beiden Frauen verziehen keine Miene. Spargelstechen ist nichts für Memmen. können gleich wieder nach Hause fahren.

Ackern für 8,84 Euro Stundensatz

Wer einen Anfänger einarbeitet, wird nicht nach Kilo bezahlt. Der bekommt den normalen Stundensatz. "Wäre ja sonst nicht fair", sagt Hinrich. 8,84 Euro beträgt der. Das ist der Mindestlohn. Der wurde mit Beginn des Jahres auch für die Landwirtschaft eingeführt. Viele Bauern haben sich dagegen gewehrt. "Ich finde es aber eine ganz gute Sache", sagt Hinrich später beim Mittagessen. Es gibt Spargelsuppe mit Würstchen, seine Frau Gunda hat gekocht. "Wir wollen ja nicht die Billigheimer der Nation sein." Der Mindestlohn bedeutet aber auch für ihn, dass sich die Lohnkosten um 50 Prozent gesteigert haben. "Vor fünf Jahren habe ich noch sechs Euro die Stunde gezahlt, jetzt sind es fast neun. Aber da muss man als Landwirt eben seine Hausaufgaben machen."

Hausaufgaben machen, das bedeutet den Betrieb schlank und effizient aufzustellen. Bei Hinrich wird im Schichtdienst gearbeitet. Morgens um fünf geht das erste Team für vier Stunden aufs Feld, um neun Uhr abends kommt das letzte zurück auf den Hof. "Ich habe festgestellt, dass meine Leute so mehr leisten können. Nach vier Stunden lassen eh die Kräfte und die Konzentration nach." Außerdem lassen sich so die vorgeschriebenen Pausenzeiten besser einhalten. Und zwischen zwei Schichten auf dem Feld kann er die Männer noch zum Sortieren einteilen. "Das bringt eine höhere Auslastung der Maschinen."

Vor ein paar Jahren hat Hinrich knapp 400.000 Euro in eine neue Produktionshalle investiert. "An rote Zahlen muss man sich als Landwirt gewöhnen", sagt er und lacht dabei, dass die Erde wackelt. In seiner Halle stehen jetzt eine moderne Sortieranlage, die pro Stunde 600 Kilo durchrattern kann, und eine Schälmaschine, die in jeder Sekunde eine Stange schafft.

Heimat ist Heimat. Da gehört man hin

Die Musik ist in der Halle voll aufgedreht. "Radio, dann fällt die Arbeit leichter", sagt Aga. Als Vorarbeiterin teilt sie mich zum Sortieren ein. Vorn am Fließband stehen zwei Männer, die Käppis tief in die Stirn gezogen. Sie heben die Kisten aus der Grobwäsche und verteilen den Spargel für Feinwäsche und Schnitt auf dem Band, bevor er in der Maschine landet. Hier wird jede Stange abfotografiert, vermessen und dann in die richtigen Fächer gekippt: Sorte 1, Gourmet, Sorte 2, Jumbo, Blüher. 70.000 Stangen laufen hier täglich durch. Das lohnt sich. Noch vor fünf Jahren mussten die Frauen nach Augenmaß sortieren. Ging auch, war aber fehleranfälliger und dauerte viel länger.

Beim Sortieren muss man sich konzentrieren. Wenn man zu langsam ist, fallen die Stangen aus den Fächern. Dann gibt’s Bruch. Zeit zum Reden ist trotzdem. "Ich bin mit meinem Mann hier, dem Rafal", erzählt Aga. "Und mit meiner Mutter Pola. Das ist die Blonde mit dem Zopf." Was sie macht, wenn die Spargelsaison vorbei ist? "Dann ziehen wir weiter. Erst zur Blaubeerernte, dann zum Apfelpflücken. Im November ist Schluss." Dann setzen sie sich in ihr Auto und fahren die sechs Stunden wieder nach Hause. "Nach Danzig, eine schöne Stadt. Warst du schon mal da?" Sie hat Geografie studiert, in einem Hotel gearbeitet, spricht fließend Englisch und mittlerweile auch ziemlich gut Deutsch. "Aber lieber Englisch." Ob sie sich vorstellen kann, ganz nach Deutschland zu ziehen, wo sie doch eh schon die meiste Zeit hier ist? "Nein! Auf gar keinen Fall." Heimat ist Heimat. Da gehört man hin.

60 Stunden die Woche – normal

"Ich weiß schon, was ich meinen Mitarbeitern abverlange", sagt Hinrich. Nicht nur die langen Tage, seine Arbeiter klotzen häufig 60 Stunden die Woche ran. "Viele haben ihre Familien zu Hause. Die sind monatelang von ihren Kindern und Frauen weg." Das Wichtigste sei neben der Bezahlung deswegen eine vernünftige Unterkunft – bei Hinrich wohnen die Arbeiter in kleinen, funktionalen Wohnungen mit Küche und Bad – und einer guten Internetver-bindung. "Die sitzen abends alle vor ihren Handys oder Rechnern und skypen nach Hause." Gute Leute zu finden, wird für ihn von Jahr zu Jahr schwieriger. Trotz des Mindestlohns. "Das ist ein Paradoxon. Wir zahlen mehr, aber es kommen immer weniger." Das liege vor allem an der wirtschaftlichen Entwicklung in den Heimatländern. Immer mehr Polen bleiben zu Hause. Stattdessen setzen Hinrich und seine Kollegen vermehrt auf Rumänen und Bulgaren. "Für die lohnt es sich noch." Der Mindestlohn in Rumänien liegt bei 2,50 Euro, in Bulgarien bei 1,57 Euro. Um nicht in Personalnot zu kommen, hat Hinrich sich vor neun Jahren an einem Vermittlungsbüro beteiligt. "Wir bringen jede Saison in etwa 500 Erntehelfer unter. Das funktioniert gut. Ich weiß, was die Landwirte suchen, und die wissen, da ist jemand, der seine Sache ordentlich macht, weil er seinen guten Ruf nicht verlieren will."

Noch immer ist Spargel Gemüse Nummer eins in Deutschland. Flächenmäßig wird kein anderes häufiger angebaut. Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich die Anbaufläche für deutschen Spargel seit dem Jahr 2000 verdoppelt. "Das ging zu Lasten der Importe", sagt Hinrich. "Spargel aus dem Ausland, wie Griechenland, Spanien oder Italien, macht nur noch 20 Prozent aus. Die Deutschen kaufen am liebsten deutschen Spargel. Auch wenn der teurer ist. Wir haben da ein echt gutes Produkt." 2017 wurden allein 127.800 Tonnen auf deutschen Feldern geerntet. "Aber so langsam haben wir das Limit erreicht. Der Markt ist gesättigt", meint Hinrich.

Immer noch mehr rausholen

Was die Bauern jetzt noch tun können, um die Produktion zu steigern, ist, die Ernte vorzuziehen. Das schaffen sie eh schon, indem sie die Dämme mit schwarzer Folie und Tunneln überziehen. So erwärmen sie sich schneller, und der Spargel fängt früher an zu sprießen. Vier Wochen haben sie damit gewonnen – wenn der Winter nicht so standhaft ist, wie in diesem Jahr. Aber um noch mehr rauszuholen, suchen sie immer nach neuen, noch besseren Sorten. Hinrich hat auf einem seiner Felder eine Versuchsreihe stehen. Fünf Spargelsorten hat er angepflanzt, um zu sehen, welche von ihnen am schnellsten Gas gibt, den meisten Ertrag und die beste Qualität abwirft. Mit großen Schritten zieht er die Reihen entlang. "Der Prius steht ganz gut", sagt er und streicht über die dicht stehenden Köpfe. Die anderen vier Sorten mickern Anfang der Saison noch ein bisschen vor sich hin. "Prius werde ich im Auge behalten. Der ist eine ganz neue Zucht." Bis er wirklich aussagekräftige Ergebnisse hat, wird aber noch reichlich Zeit ins Land ziehen. Im ersten Jahr pflanzt man den Spargel nur, im zweiten pflegt man ihn, ab dem dritten kann man anfangen zu ernten. Als wir auf seinem Trecker, ein Riesending, sechs Tonnen schwer, wieder Richtung Hof tuckern, sagt er: "Haste übrigens ganz gut gemacht für den ersten Tag." 61 Kilo habe ich in drei Stunden gestochen. Die hat Hinrich natürlich noch mal schnell kontrolliert, bevor wir losgefahren sind. Verdient hätte ich damit 7,51 Euro die Stunde. Da ist also mengenmäßig noch Luft nach oben. Körperlich hätte ich aber nicht mehr aus mir rausholen können. Schon jetzt hängen die Arme bleischwer an mir runter, die Finger fühlen sich an, als hätte ich mich damit die Eiger-Nordwand hochgezogen, und der Muskel- kater im Rücken kündigt sich mit einer Vehemenz an, die mir ein bisschen Angst vor morgen macht. "Beim nächsten Mal musste aber drauf achten, dass du die Stangen noch weiter unten stichst, sind ein bisschen kurz geworden, ne?", sagt Hinrich. Werde mich dran halten, Chef. Versprochen.

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