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Blind-Date in Paris: Das passiert, wenn man sein Tinder-Date ins Nackt-Restaurant einlädt

Ein romantisches Tinder-Date in einem Pariser Restaurant. Danach ein Karaoke-Abend. Oh, und eine Kleinigkeit, die man vielleicht vorher erwähnen muss: alles nackt ...

Von Daniel Sippel

Was passiert, wenn man sich zum Blind-Date verabredet – und zwar komplett nackt? (Symbolbild)

Was passiert, wenn man sich zum Blind-Date verabredet – und zwar komplett nackt? (Symbolbild)

Carmen will ihre Unterhose nicht ausziehen. Also öffne ich erst einmal den Reißverschluss ihres Kleides. Auch auf einem Tinder-Blind-Date bleibt man Gentleman. Vor allem, wenn man in einem edlen speist, in dem die Gäste nackig essen müssen. Jetzt steht also eine Pariserin in Unterwäsche vor mir. Ich frage mich, ob ich im Leben eher vieles richtig oder vieles falsch gemacht habe. Dann ziehe ich meine Hose aus, meine Socken, mein Hemd. "Ich glaube, deine Unterhose muss weg", sage ich. Creepy! "No way", murmelt sie, und ich bekomme Angst, dass sie gleich einfach ihr Kleid wieder anzieht und ihre Schuhe und rausläuft auf die Pariser Rue de Gravelle, zurück in die Normalität. Wo Menschen angezogen sind und ich mir keine Sorgen über Haare auf meinem Hintern machen muss.

Unterhose anbehalten? Ist gegen die Regeln

Jetzt helfen nur psychologische Tricks. Carmen sucht Kicks, Abenteuer, das Ungewöhnliche. Das weiß ich, sie hat es mir schon geschrieben. Und sie ist neugierig, wie ich. Ich sage: "Das wäre dann aber nicht die echte Erfahrung." Sie sagt: "Ist mir egal."

Cover der ersten Ausgabe von JWD.

Die erste Ausgabe von JWD gibt es ab jetzt am Kiosk zu kaufen – oder hier.

In diesem Moment kommt Stéphane in die Umkleide. Stéphane trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Anzughose. Er hat das Restaurant zusammen mit seinem Zwillingsbruder gegründet und zeigt jetzt auf Carmens .

"Das geht nicht. Das ist gegen die Regeln", sagt er. Carmen zögert. Sie versucht, mit einem Arm ihre Brüste zu bedecken. Mit mäßigem Erfolg. "Carmen, das geht gar nicht", sage ich. Regeln. Auch der gemeine Franzos’ möchte nicht gegen sie verstoßen. Also sagt Carmen jetzt: "Oh Mann. Na gut." Ich freue mich ein wenig und frage: "Darf ich?" Sie nickt. Also stelle ich mich hinter sie und ziehe ihr mit spitzen Fingern den Slip aus. Dabei halte ich eine Armlänge Abstand. Es fühlt sich nicht richtig an. Aber was fühlt sich in diesem Restaurant schon richtig an?

Der 1. Gang

Medley von gekochtem und rohem Gemüse auf Auberginenmus an Chilipfeffer (Medley de légumes cuits et crus sur caviar d’aubergines au piment d’espelette)

Endlich sind wir bereit, im "O’Naturel" zu speisen. Wir sind nackt. Nun gilt es, von der Umkleide möglichst ungesehen zur Tafel zu hüpfen. Die letzte Hürde: ein schwarzer Theatervorhang.

Ein Vorhang trennt die Umkleide vom Nackt-Restaurant

Ein Vorhang trennt die Umkleide vom Nackt-Restaurant

Er trennt die speisenden Nackedeis von der Vorhölle, der gemischten Umkleide. Wir spähen am Vorhang vorbei und sehen: eine Topfpflanze in der Ecke. Gegenüber eine Bar. Stéphane steht jetzt dort, in Kellnermontur. Laut französischem Gesetz müssen Kellner und Köche in Restaurants bekleidet sein. Rechts ist eine Leinwand aufgebaut, davor ein Beamer. In der Mitte stehen einige Stühle und Tische. Keine Gäste. Alles ist beleuchtet wie eine Wursttheke bei Edeka.

Daher muss ein Nacktdate gut vorbereitet werden. Sobald ich wusste, dass ich diese Geschichte, nun ja, recherchieren muss, ging ich jeden Tag ins Fitnessstudio. Ich schnitt meine Zehennägel und rasierte die dunkle Stelle auf meinem Rücken. Eine Pigmentstörung, nichts weiter, aber dort wuchsen schwarze, dickere Haare. Ich installierte Tinder Plus, damit ich von Hamburg aus eine Willige finden konnte. In meinem Profil erklärte ich mein Vorhaben: "Ich soll für eine Geschichte ein Tinder-Date in haben. Problem: Es soll im 'O’Naturel' stattfinden (das Nudistenrestaurant). Hat jemand Lust darauf? Kostet nichts. Und ich bin ein schöner Boi. Das ist ernst gemeint. Wirklich."

Daniel auf Tinder

Daniel auf Tinder

Nach weniger als einer Woche hatte ich über 200 Matches. Allen schrieb ich: "Es gibt normalerweise drei Möglichkeiten: A) Du hast Hunger. B) Du magst Abenteuer. C) Du hast mein Profil nicht gelesen." Die meisten sagten so etwas wie "Haha, C), viel Glück!" Etwa 20 schrieben, dass sie Abenteuer mögen und Hunger haben. Ein Match fragte, ob es denn eine private "Afterparty" gäbe. Gibt es natürlich nicht, antwortete ich. Man muss ja professionell bleiben. Einige fragten, ob mein Angebot ernst gemeint sei. Selbstredend, schrieb ich. Immerhin würden die jungen Leute doch auch erste Tinder-Dates haben, die mit Beischlaf enden. Da sei man ja wohl auch nackt. Ein Nudistenrestaurant verbinde lediglich das Nacktsein mit einem klassischen Dinnerdate. Doch die meisten konnte ich mit dieser Argumentation nicht überzeugen.

Am Ende hatte ich drei Dates für drei Abende gefunden. Im Tinder-Zeitalter eine notwendige Sicherheitsvorkehrung: Falls ein Mädchen kurzfristig absagen würde, hätte ich so wenigstens für die nächsten Abende Begleitung. Doch Carmen, mein erstes Date, sagte nicht ab. Carmen kam. Das hatte ich mir schon gedacht. Niemand war so enthusiastisch wie sie. Auf meine Standardnachricht am Anfang schrieb sie: "Es wäre eine Ehre, Teil deiner Geschichte zu sein." Und als ich ihr sagte, dass es auch einen Karaokeabend im Nudistenrestaurant geben würde, schrieb sie: "Cool! Nacktkaraoke hört sich lustig an!" Und als ich mitteilte, dass auch eine Fotografin kommen würde und die Bilder abgedruckt würden, sagte sie: "Das ist okay!!" (Anm. der Redaktion: Die ganze Geschichte mit Bildern gibt's im Magazin)

Dinner mit Serviette auf dem Gemächt

Nun steht Carmen, 23, also neben mir und sieht nur noch mittelmäßig enthu- siastisch aus. Ich versuche, ein gutes Vorbild zu sein, schiebe den Vorhang zur Seite und husche vorbei. Zwei Schritte bis zum nächsten Stuhl. Hat Stéphane mich jetzt nackt gesehen? Egal, eigentlich. Carmen folgt mir. Sie versucht immer noch, ihre Brüste zu bedecken. An einer Hand baumelt ihr Täschchen. Wofür sie das wohl braucht? Als sie mir gegenüber sitzt, nimmt sie eine Speisekarte und hält sie vor sich. Na gut, denke ich, dann lege ich eben eine Serviette auf mein Gemächt. Was Carmen kann, kann ich schon lange.

Kellner im 'O Naturel'

Kellner im 'O Naturel'


Stéphane kommt und nimmt unsere Bestellung auf. Außerdem reicht er uns die Songliste für den Karaoke-Fun. Französische Chansons, Hits aus den 80ern und den 2000ern. In diesem Moment schreitet ein betagter Herr aus der in den Speiseraum. Carmen sieht mich an. Panik in ihren Augen. Sie muss ihn in seiner ganzen Pracht gesehen haben. Der Herr drängt sich, viel zu nah, an mir vorbei, und setzt sich an den kleinen Tisch neben uns. Dabei ist das ganze Restaurant leer. Na ja, vielleicht mag er die Wärme, die Carmen und ich ausstrahlen.

Carmen schaut auf die Songliste. "Wie wärs mit 'I Will Survive?' Oder lieber 'Daddy Cool'?", fragt sie. "Du musst ihn dabei aber die ganze Zeit ansehen", sage ich und nicke in die Richtung des älteren Herrn. Sie lacht. "Okay." Auftritt Stéphane: Er serviert den ersten Gang, Salat auf Auberginenmus. Es mundet. Der ältere Herr brabbelt etwas auf Französisch in unsere Richtung. Ich verstehe ihn nicht, und Carmen auch nicht. Dann steht er auf, ich sehe kurz seine Schamhaare (sehr buschig und grau), schaue schnell wieder auf meinen Teller. Der Buschige stellt sich 30 Zentimeter hinter mich, nimmt ein Mikrofon. Jetzt sehe ich seinen behaarten Hintern. Ich drehe mich nicht mehr um, nie mehr, nehme ich mir vor. Dann beginnt der ältere Herr, ins Mikrofon zu brummeln. Ich lege meine Gabel auf den Tisch. Ich kann nicht mehr.

Der 2. Gang

Graupenrisotto an Gemüsebrühe und Champignons (Risotto d’orge perlé bouillon de légumes et champignons)

Wie soll ich essen, wenn ein ungefähr 70 Jahre alter, nackter Arsch hinter mir hin und her wippt? Und der Arschbesitzer gleichzeitig versucht, ein altes französisches Chanson zu intonieren? Ich schaue Carmen an. Die versucht gerade, nicht laut loszulachen. "Wenn ich irgendwann mal einen Film mache: Diese Szene muss unbedingt rein!", sagt sie. "Bist du dir sicher? Ich glaube, das wäre zu albern. Es ist so absurd, das wäre unglaubwürdig." Ich sollte mich wieder auf mich besinnen, denke ich. Ich sehe an mir herunter und stelle fest, dass meine Bauchmuskeln nur unzureichend zur Geltung kommen, weil ich leicht nach vorn gebeugt sitze.

Vor uns steht mittlerweile jeweils ein Teller mit Graupenrisotto und Champignons. Es schmeckt ordinär, leicht salzig. Dann verkündet Stéphane: "Und nun: 'Daddy Cool'". Mir wird plötzlich heiß. Etwa so, wie wenn ich in der Schule "Lies doch mal deine Hausaufgaben vor" hörte und mich alle ansahen. Und ich zu faul gewesen war, irgendetwas zu Hause zu schreiben. Ein Moment öffentlicher Vorführung. Schamhitze.

Ich drehe mich zu Stéphane um, obwohl ich mich eigentlich nicht mehr umdrehen wollte. Er strahlt mich an, nickt uns ermunternd zu. Ich schaue Carmen an. Sie versteckt ihr Gesicht wieder zwischen beiden Händen. "Du kannst mich jetzt nicht hängen lassen", sage ich zu ihr. Eigentlich flehe ich. Carmen sagt: "Ich kann gar nicht singen." Innerlich verdrehe ich die Augen. Im Restaurant sitzen mittlerweile: zwei ältere Herren, einzeln. Ein schwules Pärchen. Ein junges Model-Pärchen. Egal, denke ich, in der Sauna bist du auch nackig.

Dann steht Carmen doch auf. Sie versucht, sich eine Serviette vor ihren Schritt zu halten. Ich zögere und entscheide dann, auf die Serviette zu verzichten. Ich habe nichts zu verbergen. Immer mutig vorwärts, was auch kommen mag! "Daniel, fühlt sich so Scham an?", fragt sie. "Definitiv", sage ich und lache übermäßig viel. Dabei krümme ich meinen Rücken ein wenig. Dann fällt mir ein, wie komisch das gerade aussehen muss. Ich, der schlanke Lauch mit dem zaghaft definierten Körper, der vor Scham lacht. Ich denke daran, was mir meine Mutter früher oft zugeraunt hat: "Stell dich gerade hin, Junge!" Ich richte mich auf, Brust raus. Stéphane reicht mir ein Mikrofon, dann geht es los. "Daddy Cool", gefolgt von "I Will Survive". Als es vorbei ist, fühle ich mich wie nach einer Prüfung: erleichtert.

JWD gibt es ab 22. März am Kiosk

Der 3. Gang 

Neu interpretierte Crème brûlée (Crème brûlée revisitée)

Nach der Aufregung unseres großen Auftritts friere ich nun ein wenig. Wie schön wäre es jetzt, einen Pulli zu tragen oder wenigstens ein T-Shirt! "Ich muss pinkeln, aber ich stehe jetzt auf keinen Fall auf und gehe zum Klo", sagt Carmen. Mir geht es ähnlich. Also müssen wir aushalten. "Aushalten", ein schönes Thema für diesen Abend. Aus den Lautsprechern kommt die Musik der Karaoke-DVD. Der Menüjingle in einer Endlosschleife. Nach 30 Sekunden beginnt er wieder von vorn.

Nackt riecht man sich selbst deutlich mehr

Viel zu lange warten wir auf den Nachtisch – und darauf, dass Stéphane unsere leeren Teller abräumt. Ich bemerke, dass ich nach Aufregung rieche. Nach Schweiß also. Take-away des Abends: Nackt riecht man sich selbst deutlich mehr. Kleidung erfüllt nicht nur eine Verhüllungsfunktion. Sie dient auch als Geruchsbarriere. Eigentlich eine tolle zivilisatorische Errungenschaft. Auch, weil sie so unglaublich hygienisch ist. Doch weil Hosen hier out sind, hat Stéphane vorgesorgt und die Stühle mit waschbaren Bezügen überzogen. Sie sind schwarz. Wahrscheinlich aus gutem Grund.
Ich frage Carmen, wo der Nachtisch bleibt. Sie weiß es natürlich auch nicht. Gleichzeitig drehen wir uns zur Küchentür. Dort steht der Koch. Er starrt uns an. Vielleicht ist das der Grund, dass wir keinen Nachtisch bekommen: Der Chef de cuisine ist zu beschäftigt.
Carmen kreuzt ihre Arme vor ihren Brüsten. Dann erzählt sie, wie sie als Kind auf Mallorca ihre Sommer verbracht hat. Sie erzählt von ausgiebigen Abendessen. Und wie am Ende der Gelage ein Freund mit einem großen Silbertablett kam. Darauf lange, weiße Koks-Lines. Das kommt davon, wenn man wie sie in einem Pariser Künstlerhaushalt aufwächst, denke ich. Carmens Eltern sind Schriftsteller. Sie hat mit 15 ihr erstes Buch publiziert. Mittlerweile hat sie vier Romane geschrieben, veröffentlicht in einem namhaften französischen Verlag.

"Das erinnert mich hier alles an das Leichenschauhaus"

Stéphane kommt an unseren Tisch. Er serviert eine umgestülpte Crème brûlée und reicht dazu Fruchtstücke, die in Obstwasser schwimmen. Ich habe schon zu viele Frühstücksbuffets in Drei-Sternehotels gesehen, um nicht gleich zu erkennen: Das sind Dosenfrüchte. "Und was ist daran jetzt 'revisité'", fragt Carmen ein wenig aufmüpfig, sodass es mir peinlich ist. Natürlich hat sie recht: Auf der Karte steht "Crème brûlée revisitée", also "neu interpretierte Crème brûlée". Stéphane sagt: "Na ja, es ist eine normale Crème brûlée. Wir haben sie nur umgestülpt." Na gut. Ich sage "Bon appétit", aber rühre mich nicht. "Hast du eigentlich noch Hunger?", fragt Carmen. "Nicht so richtig, ich bin viel zu nervös." Carmen nickt.

Nun gilt es, ein neues Gesprächsthema zu finden. Ich schaue zu unserem Nachbarn herüber, dem alten Herrn. Dann erzähle ich Carmen von meiner ersten journalistischen Recherche in einem Krematorium. "Das erinnert mich hier alles an das Leichenschauhaus: Das Licht ist ähnlich und die Körper auch!" Carmen sagt: "Ist die Haut von Toten nicht eher wachsig?" Sie hat recht. Ich gucke kurz den Mann neben uns an. "Aber sonst ist alles wie im Krematorium." Es wird Zeit zu gehen.

Zurück in der Umkleide. Es ist vollbracht. "Hast du mich eigentlich ... in Augenschein genommen?", frage ich. "Hab ich ganz vergessen, ehrlich gesagt. Und du?" Ich sage: "Na ja, deine Brüste habe ich natürlich gesehen. Aber ansonsten ... ansonsten gibt es ja nicht so viel zu sehen." Sie lächelt mich an. Ich knöpfe gerade mein Hemd zu, Carmen ihre Hose. Als hätten wir uns abgesprochen sagen wir gleichzeitig: "Jetzt sind wir wieder Menschen." "Wir könnten noch ein Bier trinken?", frage ich. "Angezogen?", fragt Carmen. "Bitte ja", sage ich.

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.