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"Germany's next Topmodel": Nippelalarm und Kettensägenmassaker

"Nippelalarm" am Kölner Rudolfplatz, Mädchen an der Kettensäge und eine wegweisende Erkenntnis: Die Pro-Sieben-Modelschule "GnT" hat eine neue Drama-Queen. Die platinblonde Hessin Gina-Lisa ist dazu auserkoren, in der dritten Staffel der Stöckelshow für Gesprächsstoff zu sorgen. Stefan Raab regt schon mal die Fanclub-Gründung an.

Von Peter Luley

"Nippelalarm", konstatiert eines der Mädchen. "Ist ja mal ganz interessant in der Mittagspause", sagt ein Passant, der sich das Spektakel anschaut. Die verbliebenen 30 Bewerberinnen um den virtuellen Titel "Germany's next Topmodel" sind am Kölner Rudolfplatz aufmarschiert und sollen dort bei fünf Grad Celsius im Bikini vor Zufalls-Publikum über einen roten Freiluft-Catwalk laufen. "Hohlkreuz!", "Hintern raus!", "sexy, irgendwas" lauten typische Anweisungen, die Model-Mutti und Sendungspatin Heidi Klum und ihr Jury-Kollege Peyman Amin den Elevinnen dazu aus einem Auto heraus zurufen.

So weit die erste "Challenge" der gestrigen "GnT"-Ausgabe - Voyeurs-Business as usual in der dritten Staffel des Pro-Sieben-Stöckel-Contests. Danach ging’s zum Shooting für die Set-Cart mit Promi-Fotograf Stephan Pick. Die Mädchen bräuchten diese Referenz, schließlich seien diesmal "so viele echte Jobs" dabei, beteuert Klum. Doch nicht nur die Frage, welche Aspirantinnen auch in den kommenden Wochen noch mit von der Partie sind um ein Cover der deutschen "Cosmopolitan" zieren zu dürfen, musste gestern beantwortet werden.

Mindestens genauso dringlich war die Frage klären, wer nach dem Abgang des tränenseligen Trösters Bruce Darnell die Leerstelle besetzen und zur neuen "Drama-Queen" der menschelnden Fleischbeschau werden würde. Die Pflege der emotionalen Wallungen der Probandinnen ist schließlich nicht weniger essentiell für die Dramaturgie der Show als der zelebrierte Wettkampf.

Der neue Bruce spricht französisch

Die gestrige Show lieferte dazu wegweisende Erkenntnisse. Erstens: Darnells Nachfolger, der Pariser "Casting-Director" Rolf Scheider, kann diesen Part nur bedingt ausfüllen – die mit französischen Akzent vorgetragene Einschätzung "I think 'No go', but it's so funny" war schon so etwa seine originellste Kommentierung. Zweitens: Also muss das Drama aus den Reihen der Mädchen selbst kommen – gerade in der unübersichtlichen Frühphase, in der der Zuschauer markante Punkte zur Wiedererkennung braucht. Drittens: Eine geeignete Kandidatin für die Aufgabe ist bereits gefunden, Gott sei Dank.

Donatella-Versace-Double sorgt für Stimmung

Es ist ein platinblondes, sonnenstudiogebräuntes Mädchen aus Hessen, das die Chef-Dramaturgen und Juroren als Gesprächsstoff-Lieferantin auserkoren haben: Die 21-jährige Gina-Lisa, ehemalige Miss Frankfurt, lässt sich nicht nur aufgrund ihres Äußeren trefflich als "Donatella-Versace-Double" verspotten, sie trägt auch durch ihr hessisches Idiom und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein ("Isch bin so, wie isch bin") zum dringend benötigten Unterhaltungswert bei.

Während die Sendung zwischen demonstrativer Solidarität unter den Mädchen, viel Geschluchze und den üblichen überinszenierten Jury-Verdikten mit "Spiel mir das Lied vom Tod"-Untermalung und Schmachtballaden dahinplätscherte, sorgten die Auftritte Gina-Lisas zuverlässig für Hallo-Wach-Effekte. Als etwa die Mädchen bei einem simulierten Werbefilm-Casting wahlweise Kopfschmerzen mit Kaugummikauen bekämpfen sollten oder sich als von ihrem Freund verlassene Furien mit einer Motorsäge produzieren sollten, waren nicht wenige überfordert: "Du tranchierst gerade ein Hühnchen", lautete in einem Fall die vernichtende, aber zutreffende Juroren-Einschätzung des Säge-Gefuchtels.

Kettensägenmassaker mit Gina

Gina-Lisa dagegen legte ein so furioses Kettensägenmassaker hin, dass auch die Jury nicht umhin kam, ihre Begeisterung auszudrücken: "Wir können es gar nicht abwarten, sie umzugestalten", begründete Klum in der Schlusswertung den Einzug der Blondine in die Endrunde der letzten 19. Auch solche Kriterien können eben ein Ticket zum Weiterkommen sein - und die ungeniert vor der Kamera ausgelebte wunderbare Freundschaft Gina-Lisas mit Kollegin Sara, die sich nach Erfolgserlebnissen in gegenseitigem Abklatschen und Ausrufen wie "Tschak, die Bohne!" oder "Ey, tschaka, tschaka" ausdrückt, dürfte ihrer weiteren "GnT"-Karriere nicht im Wege stehen.

Das Spektakel muss schließlich auf vielen Ebenen gewinnbringend vermarktet werden; dazu gehört auch, dass Stefan Raab, der in seiner anschließenden "TV Total"-Sendung ein "Magazin" zur Reihe eingerichtet hat, Emotionen zum Ausschlachten geliefert bekommt. Die beschert ihm die üppige Hessin reichlich: "Gina Lisa Wild" kommentierte er gestern das "Kettensägenmassaker" und stellte genüsslich fest, die Kandidatin sei wohl eher für Motorhauben-Fotos als Modenschauen geeignet. Zwischendurch stimmte er mit Klatschen den Schlachtruf "Gina Lisa" an; seine Musiker tragen schon Fan-Shirts. So kann das sicher noch eine Weile weitergehen.