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"Miss Germany 2006": Der Makel der Missen

Selbst wenn sie morgens aufstehen, sind sie atemberaubend schön und makellos: Vorurteile gegenüber Schönheitsköniginnen gibt es zuhauf. Ob diese Vorstellungen immer so zutreffen? stern.de blickte hinter die Kulissen einer Miss-Wahl.

Von Frauke Hansen und Svenja Schierer

Die wichtigste Erkenntnis gleich zu Beginn: Schönheitsköniginnen sind ganz normale Mädchen. Hinter den Kulissen der "Miss Germany"-Wahl ist die Stimmung gelöst und wenig glamourös. In einem spärlich geschmückten Raum im Backstage-Bereich der Veranstaltungshalle im Europa-Park Rust laufen 22 Missen herum. Das Problem für jeden: Man erkennt sie nicht. Selbst wenn man sich im Vorfeld intensiv mit den Promo-Fotos der Mädchen beschäftigt, hat man nun Schwierigkeiten, die Favoritinnen zu finden. Denn die Mädchen sind noch ungeschminkt, laufen in unauffälligen T-Shirts und kurzen Radlerhosen herum und wirken wie das nette Mädchen von nebenan. Und nicht wie die schönsten Frauen Deutschlands.

Sechs Stunden vor der Show herrscht Ruhe vor dem großen Sturm. In kleinen Grüppchen sitzen die 22 Auserwählten zusammen und essen kalorienreiche Kost: Nudeln mit Sahnesoße, Fleischspieße und jede Menge Tiramisu. Süßigkeiten sind ihre Leidenschaft, verrät Wlada Schüler. "Ohne Zucker komme ich nicht aus." Die 17-Jährige vertritt ihr Bundesland Brandenburg. Für sie war es nicht die erste Teilnahme an einer Miss-Wahl, doch erst in diesem Januar hat sie gewonnen.

Wlada sitzt mit Margarita Ruhl, der amtierenden Miss Hessen, zusammen. Die beiden haben sich während der zweiwöchigen Vorbereitungsphase angefreundet: Alle Mädchen reisten in eine Art "Trainingscamp" nach Gran Canaria, wo sie zahlreiche Pressetermine absolvierten und sich mit professioneller Unterstützung auf die Show vorbereiteten.

"Dumbo" und der Geheimtipp Strumpfhose

Zwischen den erstaunlich gelassenen Mädchen wuseln zahlreiche Fotografen und Kamerateams herum. Geduldig stehen die jungen Frauen Rede und Antwort und präsentieren ihr Blitzlichtlächeln. Nein, aufgeregt seien sie jetzt noch nicht, das komme wohl erst kurz vor Beginn der Show. Allerdings hätten sie Angst vor dem langen Stehen und dem ständigen Lächeln. "Bei einem Teil der Show müssen wir 36 Minuten auf der Stelle stehen und permanent lächeln - das wird anstrengend", sagt Miss Schleswig-Holstein Kathrin Jensen. Darum freue sie sich am meisten auf die After-Show-Party. Auf die Frage, was ihr Ziel für den Abend sei, sind sich Miss Brandenburg, Miss Hessen und Miss Schleswig-Holstein einig: unter die Top Ten und somit in die Finalrunde kommen.

Der Zeitplan für die Mädchen ist eng. Um sich in die Schönheiten von den Promo-Fotos zu verwandeln, müssen die Missen einige Stationen absolvieren. Mit den künstlichen langen Fingernägeln kann sich Monique Saitenmacher, amtierende Miss Sachsen, nicht anfreunden. "Gehen die auch wieder ab?", fragt sie die Nagel-Stylisten.

In einem abgetrennten Bereich wird die "Kriegsbemalung" aufgelegt. Zwei Visagisten warten darauf, die Missen mit hunderten verschiedenen Schmink-Utensilien zu verschönern. Bei manchen Mädchen haben sie viel zu tun, denn auch Schönheitsköniginnen haben mit Pickeln zu kämpfen. Das ist nicht der einzige Makel: Eine Miss beschwert sich lauthals über ihre Segelohren. Weil ihr Bruder sie immer "Dumbo" nannte, hat sie nun Komplexe und bittet die Hairstylisten, ihre Ohren zu verdecken. Auch für die teilweise vorhandene Cellulite gab es anscheinend einen Geheimtipp: Wie später auf der Bühne nicht zu übersehen ist, tragen einige Missen eine hautfarbene Strumpfhose.

Makel sind nicht erlaubt

"Ich möchte völlig unvoreingenommen in den Abend gehen und habe mir die Missen noch nicht angeschaut", sagt Ex-No-Angel Jessica Wahls. Sie ist eines der sechs weiblichen Jurymitglieder und bereitet sich auf der Bühne auf ihren musikalischen Auftritt vor. Moderator Ingo Dubinski hingegen nutzt die Zeit vor der Show, um mit den Kandidatinnen Einzelinterviews zu führen. Dabei haben sich für ihn durchaus Favoritinnen herauskristallisiert. "Ich finde den Lebenslauf von Wlada Schüler sehr faszinierend. Sie ist mit zwei Jahren aus Russland gekommen, geht jetzt auf eine internationale Schule und ist dort eine der Besten." Auch Isabelle Knispel steht auf seiner Liste ganz weit oben. Nicht nur, weil sie wie er aus Berlin kommt, sondern auch "weil sie sehr hübsch" ist".

Ein letztes Lachen der Mädchen für die Kameras, dann müssen die Journalisten den Backstage-Bereich verlassen und die Missen können sich in Ruhe weiter auf ihren großen Auftritt vorbereiten. Als sie die Showbühne im festlich geschmückten Saal betreten, ist von Aufregung keine Spur. Kritisch beäugt von 24 prominenten Jurymitgliedern, meistern sie souverän den Gang über den Catwalk. Nur bei den einstudierten Interview-Phrasen wirken die Damen unsicher. Nach zwei Wertungsrunden stehen die elf Finalistinnen fest, die sich noch einmal in Zwiegesprächen mit Ingo Dubinski präsentieren müssen. Die Spannung steigt und endlich ist es auch im Saal mucksmäuschenstill. Als der Name der Drittplatzierten genannt wird und Wlada Schüler nach vorne tritt, kullern auch bei ihrer Konkurrentin und Freundin Margarita Ruhl die Tränen.

Für die Siegerin Isabelle Knispel, 18-jährige Abiturientin aus Berlin, wird das Leben im kommenden Jahr sicher nicht mehr so normal ablaufen wie noch Stunden zuvor im Backstage-Bereich. Für sie bricht eine harte Zeit an, in der sie sich keinen Makel erlauben darf.